Präsident Karzai hat ein vom Parlament verabschiedetes Familiengesetz für die schiitische Bevölkerung unterzeichnet, dass u.a. die Vergewaltigung von Ehefrauen legalisiert und Frauen das Verlassen der Wohnung nur mit Erlaubnis männlicher Familienmitglieder gestattet. Menschenrechtsorganisationen sprechen von einem “Vergewaltigungsgesetz”.
Einbindung lokaler Führer und religiöser Autoritäten durch Islamisierung
Karzai folgt mit der Unterzeichung Forderungen schiitischer Islamgelehrter, welche die islamische Moral des Landes gefährdet sehen und ein entsprechendes Gesetz zur Bedingung für eine Unterstützung Karzais bei den kommenden Wahlen gemacht haben.
Das Gesetz entspricht den Islamvorstellungen der Mehrheit auch sunnitischer Islamgelehrter und großer Teile der Bevölkerung. Islamkritik kann in Afghanistan zudem als “Blasphemie” mit dem Tode bestraft werden, weshalb sich die wenigen Kritiker zurückhalten. Protest kommt daher vorwiegend aus dem Westen. Die westlichen Kritiker greifen in ihrer Kritik sicherheitspolitisch jedoch zu kurz.
Der sicherheitspolitische Zweck des Afghanistaneinsatzes ist die dauerhafte Unterbindung von Aktivitäten internationaler militant-islamistischer Netzwerke von afghanischem Boden. Um dieses Ziel zu erreichen, wird die derzeitige Regierung dabei unterstützt, ihre Autorität auf die gesamte Fläche des Landes auszudehnen, damit sie eines Tages diese Aufgabe selbst übernehmen kann. Um ihre Autorität auszudehnen, muß die Regierung lokale Führer einbinden und in einer Art und Weise regieren, die den kulturellen Vorstellungen der Mehrheit der Einheimischen entgegenkommen. Anliegen wie Frauenrechte etc. werden in diesem Zusammenhang nur von einer kleinen Minderheit als Problem wahrgenommen.
Die Forderung, traditionelle Führer oder auch “moderate Taliban” müssten irgendwie “eingebunden” werden, spricht sich für viele westliche Beobachter leicht aus. Die Empörung über das neue Gesetzt zeigt, dass vielen Menschen, die sich zur Afghanistandiskussion äußern, nicht ausreichend bewusst ist, in welchem kulturellen Umfeld sich der Einsatz bewegt. Zu häufig herrschen idealisierte Islambilder und geschönte Vorstellungen über die mutmaßliche Vereinbarkeit es real existierenden Islams mit liberaler Demokratie und Menschenrechten vor. “Einbindung” bedeutet in der Praxis genau das, was Präsident Karzai derzeit tut.
Islamisierungspolitik der afghanischen Regierung
Der Deutschlandfunk schildert, wie Karzai sich islamistische Verbündete sichert:
[...] Quelle für die Entscheidungen am Provinzgericht von Mazar-e Sharif und anderswo ist weniger die Scharia an sich, als der Wahabismus: Die sektenartige Extremform des Islam wird von Saudi Arabien unterstützt und diente in den 80er-Jahren den afghanischen den Mudschaheddin als ideologische Waffe im Kampf gegen die Rote Armee. Um sich vor den nächsten Wahlen im August die Unterstützung gerade der mächtigen Interessengruppe aus Alt-Mudschaheddin zu sichern, hat Präsident Karzai deren Vertreter auf wichtige Posten in Verwaltung und Justiz gehievt.
Hier noch einige weitere Beispiele dafür, was Einbindung lokaler Führer und islamischer Bedürfnisse bedeutet:
- Religionsfreiheit steht nicht zur Diskussion. Zeitungen werden wegen Vorwurfs der “Blasphemie” geschlossen und Menschen mit allgemeiner Zustimmung zum Tode verurteilt, weil sie z.B. Koranübersetzungen veröffentlichen (ohne diesen den arabischen Originaltext beizufügen). Das Urteil wurde auf internationalen Druck hin auf 20 Jahre Haft reduziert. Die Urteilsbegründung, die Personen seien zu Apostaten geworden was ihre Tötung erfordere, entspricht der Argumentationslinie der extremsten Teile des islamistischen Spektrums. Die Bevölkerung klagt zwar über Korruption etc. aber sichtbarer Protest regt sich nur sehr eingeschränkt und ist kaum wahrnehmbar wenn man ihn etwa mit den Reaktionen auf bloße Gerüchte über die Beschädigung eines Koranexemplar vergleicht.
- Der afghanische Senat (das Oberhaus des Parlaments) hatte sich bereits vor einiger Zeit für die Tötung eines Studenten ausgesprochen, dem vorgeworfen wird, sich im Besitz einer islamkritischen Schrift befunden zu haben. Der Senat verfügt nicht über die formale Befugnis, auf Entscheidungen der Justiz Einfluss zu nehmen, tat dies aber dennoch. Der Prozess gegen den Studenten kann sich nur auf einen vagen Paragraphen berufen, der “Blasphemie” unter Strafe stellt.
- Die Bevölkerung versteht Konzepte wie Meinungs- und Religionsfreiheit mehrheitlich nicht oder lehnt sie ab. Nach der Veröffentlichung islamkritischer Darstellungen in europäischen Staaten kam es im gesamten Land zu Ausschreitungen. Nach Freitagsgebeten demonstrierten in Kabul bis zu 5.000 Muslime und forderten “Tod Dänemark” und “Tod den Niederlanden”. Gegen islamkritische Darstellungen demonstrierten auch mehr als 200 der rund 350 Parlamentsabgeordneten, die u.a. “Tod den Feinden des Islam” und “Tod den Juden” riefen. In der Vorstellungswelt vieler afghanischer Muslime stehen Juden hinter einem großangelegten Plan zur Bekämpfung des Islam, von dem die dänischen Karikaturen und das israelische Vorgehen gegen die Hamas gleichermaßen Teil seien. Ein Sprecher des afghanischen Parlamentes äußerte im Zusammenhang mit den Protesten, dass der Islam eines Tages die Welt beherrschen werde, und dass niemand eine Chance habe, der dies aufhalten wolle.
- Ein Beitrag in “Arman-e-Milli”, einer der bedeutenderen Tageszeitungen des Landes, gewährte Einblicke in die in Afghanistan vorherrschende Wahrnehmung des Westens: Der Artikel wirft Europa vor, einen Religionskrieg begonnen zu haben. Er erwähnt neben den Niederlanden und Dänemark auch Deutschland als Heimat islamfeindlicher Kräfte. Die Medien Europas wollten “satanische und unmoralische Einstellungen” verbreiten. Man wolle islamische Werte und Religion gezielt untergraben. “Zionistische Gruppierungen” spielten dabei eine zentrale Rolle. Europa und die USA würden zunehmend in Barbarei und Atheismus verfallen. Alle Menschen der Welt seien jedoch dazu verpflichtet, Allah zu gehorchen.
- 2005 demonstrierten Afghanen verbreitet gegen eine weibliche Fernsehmoderatorin des Privatsenders Tolo TV. Der einflussreiche “Rat der Islamgelehrten” hatte erklärt, dass der Auftritt von Frauen im Fernsehen unislamisch sei. Unter öffentlichem Druck kündigte die Moderatorin und wurde anschliessend von Unbekannten erschossen. Der halboffizielle “Rat der Islamgelehrten” vertritt gesellschaftspolitische Vorstellungen, die sich von denen Taliban nur graduell unterscheiden. Praktisch jeder gesellschaftliche Fortschritt wird von den Islamgelehrten abgelehnt oder bekämpft.
- In Kabul wurde vor einigen Tagen Fahim Kohdamini festgenommen. Er ist Manager eines privaten Fernsehsenders und wird beschuldigt, für die Ausstrahlung “unislamischer” Inhalte verantwortlich zu sein. Darunter verstehen die Behörden z.B. singende oder tanzende Frauen.
Es fehlt Afghanistan an elementaren kulturellen und anderen sozialen Voraussetzungen, um eine funktionierende liberale Demokratie zu werden, wie sie etwa Fareed Zakaria beschrieben hat. Die gegenwärtige Trends sind überwiegend negativ. Eine Einbindung “moderater Taliban” würde zudem noch weitaus deutliche Schritte zur Islamisierung des Landes verlangen.
Realismus bzgl. Demokratie und Menschenrechten in Afghanistan
Natürlich sind diese Praktiken für säkular eingestellte liberale Demokraten (der Autor dieses Beitrags zählt sich dazu) abstoßend und verheißen nichts gutes für die Zukunft des Landes. Die islamische Zwangsjacke lähmt die Gesellschaft und wird auch langfristig verhindern, dass das Land aus seiner Unterentwicklung herausfindet. Die NATO wäre allerdings damit überfordert, Islamisierungstrends in Afghanistan oder anderswo umzukehren. Man wird sich auf absehbare Zeit darauf beschränken müssen, die Konsequenzen dieses Trends zu bewältigen, bis diese Ideologie ihre Untauglichkeit in den Augen der unmittelbar Betroffenen bewiesen hat.
Eine realistische Einstellung zu Demokratie und Menschenrechten ist international verstärkt zu beobachten:
Aus dem Umfeld der neuen amerikanischen Regierung verlautete, Afghanistan müsse keine Demokratie sein, nur sicher. Der amerikanische Verteidigungsminister Gates äußerte, man solle die Ziele des Einsatzes enger definieren. Eine Beteiligung der Taliban an der Regierung sei zudem akzeptabel, falls diese die Waffen niederlegten. Der britische Botschafter in Afghanistan wurde bereits vor einigen Monaten zitiert, er bevorzuge einen “akzeptablen Diktator” für Afghanistan.
Pragmatisch äußerte sich auch Air Marshal Angus Houston (australischer “Chief of the Defense Force”):
What we want to see is an Afghanistan that can exist in a secure way. It might not be a full-blown democracy. It might be something more practical … something which reflects the tribal culture from whence it came,” Air Chief Marshal Houston said. “Obviously we want to create a viable state that can exist in that part of the world. Fundamentally what we don’t want to see is groups like al-Qa’ida able to operate with impunity in a place like Afghanistan.
In fact, we have only one vital national interest in Afghanistan: to prevent Afghan territory from being used as a safe haven for groups plotting attacks on American soil or on Americans abroad, as al Qaeda did prior to September 11. It might be nice to achieve some other goals too (such as economic development, better conditions for women, greater political participation, etc.), but these goals are neither vital to U.S. national security nor central to the future of freedom in the United States or elsewhere. Deep down, we don’t (or shouldn’t) care very much who governs in Afghanistan, provided they don’t let anti-American bad guys use their territory to attack us. As I recall, President Bush was even willing to let the Taliban stay in power in 2001 if they had been willing to hand us Osama and his henchmen.
Es gehört zu den Standardvorwürfen gegen die NATO, dass diese in Afghanistan afghanische Kultur nicht respektiere. Tatsächlich haben die Regierungen der NATO-Staaten aufgrund des Beharrungsvermögens traditioneller Strukturen keine andere Wahl, als sich mit diesen Traditionen abzufinden.
Das sicherheitspolitische Ziel des Einsatzes kann durchaus auch ohne Respektierung der Menschenrechte mit der gegenwärtigen afghanischen Regierung erreicht werden. Trotz weltanschaulicher Konvergenzen sind militante Netzwerke und traditionelle Strukturen immer noch durch eine Tiefe weltanschauliche und politische Kluft voneinander getrennt. Zudem hat die afghanische Regierung kein Interesse daran, sich zum Ziel westlichen militärischen Vorgehens zu machen.
Dennoch ist die Frage legitim, ob die gegenwärtig aufgewendeten Ressourcen im Fall Afghanistans optimal eingesetzt werden. Auf Alternativen zum “Nation-Building” wurde hier bereits hingewiesen.
@Georg
wenn 50-80.000 Soldaten in A. nur die terroristische Bedrohung isoliert bekämpfen sollen, wie soll das funktionieren? Hier handelt es sich dann um eine asymetrische Kriegsführung auf lange Sicht, ohne Aussicht auf eine Beendigung, wenn Rückhalt und Basis des Terrorismus nicht gebrochen werden. Die Alternative: Wir packen alle willigen Afghanis in einen VW-Bus -bringen sie nach D., und lassen den Rest im eigenen Saft schmoren- geht auch nicht. Wer füllt dann das Machtvakuum?
@SiPol-3
wenn wir die beschriebenen langfristig angelegten Ziele aus den Augen verlieren, indem wir Rückschritte zulassen, zementieren wir die gegenwärtigen Verhältnisse. Diese sind Ausgeburt einer mind. 30-jährigen Kriegswirtschaft. D.h. ohne diese Vision einer möglichen Transformation dürfte die Motivation der ausl. Truppen eines Tages gegen Null tendieren. Die Selektion nach good boys und bad boys ist
im gegenwärtigen Umfeld zudem nahezu unmöglich. Verhandlungen mit “moderaten Taliban” oder sog. Warlords mögen aktuelle Probleme mindern, diese sind aber alles andere, als langfristig zuverlässige Ansprechpartner.
@Reinecke:
Die Differenzierung zwischen Islam und Islamismus ist in der afghanischen Praxis nicht möglich, ebenso wie eine offene Diskussion über Themen mit Religionsbezug. Was Sie vorhaben, würde von der großen Mehrheit der Afghanen und sämtlichen religiösen Funktionsträgern als Angriff auf den Islam verstanden werden. Der halboffizielle “Rat der Islamgelehrten”, der den Mainstream abbildet, hält ja sogar indische Seifenopern für einen Trick des Westens zur Untergrabung islamischer Moral. Die Paranoia und intellektuelle Sterilität der afghanischen “Diskussion” über religiöse Themen ist für Außenstehende nur schwer nachvollziehbar.
Auf die von Ihnen angesprochenen (realen) Widersprüche reagiert man mit Verschwörungstheorien und Diskussionsverboten. Eine “Debatte mit den aufgeklärten Muslimen” wird es in Afghanistan nicht geben, da Personen, die sich aufgeklärt zu religiösen Themen äußern, sich nach bestehender Gesetzeslage der Blasphemie schuldig machen und mit dem Tode bestraft werden können. Dies betraf vor kurzem konkret einen Studenten, der einen Text über Frauenrechte im Islam aus dem Internet ausgedruckt hatte und mit Freunden diskutieren wollte. Er wurde später auf westlichen Druck hin zu 20 Jahren Haft begnadigt. Ebenfalls zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden Afghanen, die eine Koranübersetzung herausgebracht hatten, die aus Sicht er Islamgelehrten zu moderat war.
Der Trend in Afghanistan geht genau in die falsche Richtung: Es ist jedes Jahr mehr religiöse Zensur und weniger freie Meinungsäußerung zu beobachten. Kritik daran kommt fast ausschließlich aus dem Ausland.
Dennoch ist der afghanische Staat unser Verbündeter, und die Masse der Afghanen sind nicht unsere Feinde: Die Taliban und Al-Qaida sind in ihren religiösen Vorstellungen noch extremer und daher unser gemeinsamer Gegner, und unsere afghanischen Partner wollen islamisches Recht nur bei sich zu Hause umsetzen. Mit ihnen ist Koexistenz möglich, mit Al-Qaida und Taliban nicht.
@SiPol-3
immer eins nach dem anderen. Zunächst die fin. Abhängigkeiten
verändern. Anschließend eine zentrale, säkularisierte Regierung
installieren. Den Islam brauchen wir nicht bekämpfen, sondern
die sog. Islamisten. Deren Fürsprecher befinden sich derzeit im
schon genannten Zwist zwischen eigener Norm und der Realität.
Die Aufdeckung dieses Widerspruches unterliegt wiederum den
aufgeklärten Muslimen. -Die Mullahs gehören nicht in ein Gefängnis, sondern in eine Debatte mit den augeklärten Muslimen, in der sie sich selbst in der Auseinandersetzung mit den modernen Interpretationen des Korans deinstallieren- Dieser Prozess kann
sich nur von den Zentren aus entwickeln. Die befürchteten Volksaufstände finden keine Grundlage, wenn es sich um eine langsame Transformation handelt, die durch die Mehrheit der Bevölkerung getragen werden kann, weil sie sich als Bestandteil
der Lehren des Koran erweist.
Es kann nicht Job der ausl. Truppen sein diesen Prozess auf Dauer
zu begleiten, aber ihn anzustossen. Die Begleitung dieses Prozesses
obliegt selbstverständlich einer starken afg. Regierung, Gesetz-gebung und den hoffentlich bald gut ausgebildeten Polizeikräften. Das Vergewaltigungsgesetz ist aber ein Schritt in die falsche Richtung, der einer Brüskierung der NATO gleichkommt.
Mit einer gewaltigen Armee ausl. Truppen in A. lassen sich keine
Transformationen in den Köpfen erreichen. M.E. müssen daher
zunächst Grundlagen im genannten Sinn geschaffen werden, (Zurückdrängung des “unislamischen” Drogenanbaus, Austrocknung der
fin. Basis der gegnerischen Kräfte etc.) um das Bewußtsein der
Menschen zu drehen.
@ SipPol-3, @Reinecke
Wenn man ihre beiden letzten Kommentare zusammenfasst, muss man sagen unser gegenwärtiger AFG-Ansatz ist gescheitert.
Wir werden von außen keine Gesellschaftsstrukturen in AFG verändern können und wir sollten es auch nicht tun. Dies endet immer in Bevormundung und Entfremdung. Für viele Afghanen ist es schon schwierig genug, die Anwesenheit von ungläubigen Ausländern zu ertragen und jetzt sollen wir diese Gesellschaft umerziehen ?
Was jetzt zu Tage tritt, ist der gesellschaftlich Kern von AFG, den der Westen nicht wahrhaben wollte, der aber schon die ganze Zeit vorhanden war. Die paar westlich orientierten, gebildeten Afghanen in den Städten, soweit sie nicht im Ausland leben, verändern nicht den Gesamteindruck, bzw. die gesamte gesellschaftliche Situation.
Es entwickelt sich immer mehr der Eindruck, dass der Westen sich nur um die terroristische Bedrohung aus AFG zu kümmern hat.
Dann stellt sich jetzt die Frage, ob dies von Außen nicht besser geht, als wenn man 50 – 80000 Soldaten im Land hat.
@Boris Barschow:
Karzais typischer Versuch der Gesichtswahrung. Positiv immerhin, dass er den Vorfall nicht für erneute Polemik gegen den Westen nutzt.
@Reinecke:
Wie würde die Umsetzung Ihrer Vorschläge in der Praxis aussehen? Würden 500.000 Soldaten reichen? Würde man die Konsequenzen der Umwandlung des Einsatzes von der Unterstützung der Regierung zur Bekämpfung des Islam beherrschen können? Wäre man z.B. bereit, mehrere tausend Mullahs zu inhaftieren und zu erwartende Volksaufstände niederzuschlagen? Hätte man die Fähigkeiten, die Privatarmeen der Warlords zu zerschlagen? Macht es Sinn, einen Großteil der Fähigkeiten der NATO auf Jahrzehnte in Afghanistan zu binden, um Afghanistan mit ungewissem Ausgang umzuerziehen?
@SiPol-3
m.E. ist es möglich von aussen was zu machen:
- Entzug der Kapitalausstattung von bisherigen “Warlords” und
regionalen Stammesführern. Z.B. morphinarme Mohnsorten,
Einfrieren von In- und Auslandskonten a´la Nord-Korea.
- Durchsetzung der Säkularisierung mit polizeilichen Mitteln.
- Durchsetzung der Menschenrechte nach UN-Charta unter
Inkaufnahme von Konflikten mit derzeitigen relig. Führern.
Ansonsten verlieren die Verbündeten in A. auch ihr Selbst-
verständnis und sie kämpfen einen Kampf gegen Windmühlen.
Zunächst sind die Windmühlen zu stoppen, dann können wir
auf Befriedung hoffen.
Soll heißen: Wenn die o.g. Grundlagen nicht geschaffen werden,
wird es der Nato wie den Sowjets ergehen. -Schlachten werden gewonnen, aber an einen Sieg ist nicht zu denken-
Wenn wir dem Kabuler Bürgermeister das “Vergewaltigungsgesetz”
durchgehen lassen, lassen wir uns zu willfährigen Söldnern
degradieren. -Stringenz zeigen-
Die starken Afghanen sind schon geboren, werden aber durch die
bisherigen chaotischen Machtverhältnisse gehindert.
…und nun wird Karzai in den Nachrichten mit den Worten zitiert, es handele sich offenbar um einen Übersetzungsfehler und das sei alles ein Missverständnis! (?) Er wolle es noch einmal nachprüfen lassen und es dann gegebenenfalls wieder zurücknehmen (?) Kann Karzai offenbar auch nicht lesen
oder kann er sich einfach nicht mehr daran erinnern, was er da unterschrieben hat? Vielleicht hat er es sich vorher auch nicht durchgelesen…;-)
http://blog.phoenix.de/afghanistan/?p=2014
@Reinecke:
Ich sehe das ähnlich. Ich empfehle immer wieder Fareed Zakarias Buch “Illiberal Democracy”. Er beschreibt auch anhand empirischer Daten, wie Demokratie in vormodernen Staaten fast immer gescheitert ist. Kaum eine erfolgreiche nichtwestliche Demokratie war erfolgreich, ohne dass eine aufgeklärt-autoritäre Regierung zunächst die entsprechenden Grundlagen (Bildung, Säkularismus, wirtschaftliche Entwicklung, Entmachtung traditioneller Autoritäten etc.) durchsetzte. Das gilt für die Türkei (Atatürk) ebenso wie für Südkorea oder Taiwan. In Persien hat Pahlevi es halbwegs erfolgreich versucht, bevor die Mullahs die erreichten Fortschritte wieder rückgängig machten, und auch in Afghanistan wird sich das Land kaum entwickeln können, wenn man es den rückständigsten Kräften der Gesellschaft überantwortet. Von Außen lässt sich da aber m.E. wenig machen, solange es nicht ausreichend starke Afghanen gibt, die selbst zu dieser Erkenntnis kommen. Auch eine mögliche Rücknahme des Gesetzes wird nichts an den Grundproblemen ändern.
@Barschow
irgendwie läßt sich die ganze Angelegenheit auf eine philosophisches Diskussion reduzieren. M.E. sind die Menschen in A. in ihren Wertmaßstäben hin und her gerissen. D.h sie anerkennen westl. Fortschritte in Wissenschaft und Technik, sind aber absolut unbeholfen mit diesen Neuerungen umzugehen. Z.B passt eine offene Kommunikation, wie wir sie gewohnt sind, nicht in die in A. vorhandenen islamistischen Grundsätze, die die letzten paar Jahrhunderte dort überlebt haben. In A. und anderen Staaten wurde also die techn. wissenschaftl. Revolution angenommen, aber die alten Werte wurden konserviert. Das Christen- und Judentum hat diese Metamorphose seit dem Mittelalter durchgemacht,
die Muslime in weiten Teilen der Welt ebenfalls. Allerdings fehlt ihnen eine globale Führung i.d.S., d.h. es gibt keine muslimische,
weltweite Normeninstanz. (z.B. Vatikan) Je nach Bildungs- oder Entwicklungsstand zimmern sich Interessengruppen ihre eigenen regionalen Normen aus dem Koran zurecht. In A. führen diese gewaltigen Unterschiede zwischen der Norm und der Realität zu diesen fürchterlichen Auswüchsen. Eine demokratische Wahl nach westl. Muster kann demnach nur im Desaster enden. (s. Gaza, Hamas)
Einer sog. gelenkten Diktatur ist demnach zuzustimmen, auch wenn sich einem die Nackenhaare sträuben. Das sollte dann aber auch gesagt und umgesetzt werden.
China, Indien, Russland u.a. Staaten wären ohne vorübergehende
diktatorische Regime “auseinandergeflogen”. Diese Nationen befinden sich bereits im Stadium der zunehmenden Demokratisierung, Afghanistan muß sich diese Phase erst verdienen.
@Georg:
“Saudi Arabien wird definitiv aufgefordert, dies zu lassen, ansonsten Angriffsdrohung (wird wesentlich leichter als mit der irakischen Armee)”
Das würde den Wahabismus erst recht stärken, weil derjenige, der vom Westen unter Druck gesetzt oder angegriffen wird, moralisch besser dasteht.
Derzeit steht meiner Wahrnehmung nach die schiitische (dscha’faritische) Rechtsschule höher im Kurs, weil der Iran sich zur Zielscheibe macht.
Hochaggressiv sind beide Strömungen. Deshalb muß man sich sehr gut überlegen, was man tut und darf nicht allein auf militärischer (oder wirtschaftlicher) Ebene denken.
Außerdem gibt es ja auch den Trend, daß die Radikalisierung ja gerade nicht entlang der Denklinien traditioneller Rechtsschulen verläuft, bei denen man es wenigstens noch mit verantwortlich denkenden Würdenträgern zu tun hätte:
http://antifo.wordpress.com/2009/04/02/russland-neue-tolerante-rechtsschule-statt-alte-barte/
Meiner Vorstellung nach sollte man erst mal nach neuen Wegen suchen, wie man hierzulande die verschiedenen Strömungen in den Griff bekommen kann. Hier kennen wir Land und Leute und man kann man noch mit innenpolitischen Mitteln arbeiten. Deswegen stehen die Chancen hier auch besser Erfolge zu erringen. Hat man das dann erreicht, kann man anfangen sich zu überlegen, wie man das auf die internationale Situation überträgt.
@Boris Barschow:
Ich persönlich bin der Ansicht, dass Werte wie individuelle Freiheit, individuelle Menschenrechte, Primat des Vernunft, Säkularismus, liberale Demokratie etc. den jeweiligen islamischen oder traditionellen Gegenentwürfen objektiv überlegen sind. Das belegen nicht zuletzt die zahlreichen Afghanen, die das Land in Richtung Westen verlassen wollen oder bereits haben.
Das hindert mich nicht daran anzuerkennen, dass man für einen Erfolg des Einsatzes in Afghanistan mit den dortigen kulturellen Gegebenheiten zurecht kommen muß. Um Donald Rumsfeld abgewandelt zu zitieren: Wir müssen mit den Menschen zurecht kommen, die wir vorfinden, und nicht mit denen, die wir uns wünschen. Wenn relevante Teile der afghanischen Bevölkerung ihre Ehefrauen, Schwestern und Töchter mißhandeln wollen, können wir sie mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nicht daran hindern, so leid mir das aus meinem persönlichem Empfinden heraus auch tun mag. Würden wir es versuchen, wäre das Ergebnis ein allgemeiner Volksaufstand.
Afghanen, die dem relativ gebildeten und modern eingestellten Teil der Bevölkerung angehören, äußern im persönlichen Gespräch ganz selbstverständlich, dass sie z.B. ihre Schwestern töten würden, falls diese Beziehungen zu Männern auf eigene Entscheidung führen würden. Dennoch sind diese Menschen ansonsten meist ausgesprochen freundlich und haben Angst vor einer Rückkehr der Taliban. Das reicht als Grundlage für eine Zusammenarbeit.
Die betreffenden Personen haben eine ungefähre Ahnung vom Leben in westlichen Gesellschaften und würden dessen materielle Vorteile schätzen. Fast alles andere wird bewusst abgelehnt, und die Vorstellung frei lebender Frauen erscheint den meisten als Alptraum. Würden diese Menschen mehr über westliche Gesellschaften wissen, wäre die Ablehnung vermutlich noch größer. Den “Clash of Civilizations” habe ich häufig als Realität erfahren. Er beruht allgemein nicht auf Mißverständnissen, sondern auf nichtkompabilen Wertvorstellungen.
Interkulturelle Kompetenz bedeutet für mich, diese Konflikte nicht hinter Wunschdenken zu verstecken, sondern sie ernstzunehmen und bei der Ausführung des Auftrags zu berücksichtigen. Die Gewinnung der Unterstützung der afghanischen Bevölkerung setzt voraus, dass wir die häufig konträren Wertepräferenzen der Bevölkerung akzeptieren. Wer dazu nicht bereit ist, dem bleibt realistischerweise nur die Möglichkeit des Abzugs.
Sicher ist die regierung dort “unabhängig” in ihrer gesetzgebung. Aber: für die Stabilisierung AFGs ist auch eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung notwendig. Dies erfordert auch die Teilhabe der Frauen am gesellschaftlichen Leben.
Dieses Gesetz ist ein Verrat an der ISAF-Mission – war es bisher schon schwierig genug, den Einsatz zu legitimieren, ist es nun beinahe unmöglich. Deutsche Soldaten als Stütze einer Regierung, die solche Gesetze erläßt? Unfaßbar.
Dann hätte man die Taliban auch weitermachen lassen können. Ich bin sehr enttäuscht.
Die “interkulturelle Kompetenz”, die Boris Barschow in seinem Kommentar zurecht eingefordert hat, ist dem Kontext des Hauptartikels (vorletzter Absatz) die “interkulturelle Kompetenz” eines General Noriegas in Panama. Egal wie die innerafghanischen Zustände sind, Hauptsache die AFG-Regierung sorgt für Ruhe nach außen und lässt Al-Kaida nicht gewähren.
Gut, momentan operiert Al-Kaida von Pakistan aus. Was machen wir dagegen ?
Wie Boris Barschow in seinem Phoenix Afghanistanblog aufgezeigt hat, ist AFG seit mindestens dem 19. Jahrhundert nicht mehr allein lebensfähig, weil es kein landwirtschafliches Mehrprodukt erwirtschaftet. Es ist seit dem 19. Jahrhundert auf dauerhafte Zahlungen des Auslands angewiesen um zu Überleben.
Die Vorstellung, das Mullah Omar seinen Schwiegersohn Osama bin Laden 2001 ausgeliefert hätte, ist kindisch.
Außerdem ist bekannt, dass Saudi Arabien der größte Förderer der geistigen Grundlagen des islamistischen Terrorismus ist. Der Wahabismus ist Staatsreligion in Saudi-Arabien und wird mit Petro Dollars weltweit exportiert.
Wie wär es mit folgender Überlegung ?
- Saudi Arabien wird definitiv aufgefordert, dies zu lassen, ansonsten Angriffsdrohung (wird wesentlich leichter als mit der irakischen Armee)
- AFG wird an den ohnehin vorhandenen finanziellen Zügel genommen, und die Zahlung von anderen Staaten nach AFG unterbunden.
- Pakistan soll seine sowiso nicht kontrollbaren Stammesgebiete im NW für autonom erklären und die können dann eine Förderation mit AFG eingehen.
Die ganze Aussengrenze wird dann scharf kontrolliert (Iran macht dies im Westen, im Norden ist Gebirge und die zentralasiatischen Staaten, auf die Russland offensichtlich Einfluß hat, im Süden und Osten dann Pakistan.
Somit wäre die Grenze relativ dicht, die verschiedenen Clans bekämpfen sich gegenseitig, mit dem Sieger werden Verhandlungen geführt um die Sicherheit der westlichen Welt durch Terrorgruppen aus Afghanistan nicht zu gefährden.
Meiner Meinung nach werden wir es mit der gegenwärtigen Strategie in 100 Jahren nicht schaffen AFG zu befrieden. Die Afghanen müssen dies selbst tuen. Die Partei die uns am genehmsten ist, wird entsprechend finanziell unterstützt, der Rest indirekt bekämpft.
Dann stelle ich mal eine Frage: viel sprechen von interkultureller Kompetenz. Was bedeutet die dann bitte? Oder: welche Werte stehen höher? Die westlichen oder die muslimischen. Ich denke, man dreht sich im Kreis, wenn man die Geschichte Afghanistans nicht im Hinterkopf hat: http://blog.phoenix.de/afghanistan/?p=2000 Der Westen kann keine “Gesamtlösung” anbieten. Und jeder Afghane hat eine andere Perspektive, aus der er die Gesamtproblematik betrachtet. Der Afghane Khazan Gul, in der letzten PHOENIX Runde, ist ein gutes Beispiel dafür. Er hat es überwiegend nur mit US-Soldaten zu tun. Vorwurf: die rekrutieren ihre Soldaten von der Straße weg – Arbeitslose und nicht unbedingt interllektuelle Menschen…deswegen sei auch keine interkulturelle Kompetenz zu erwarten. Und nun? Hinterher ist man immer schlauer! Was die Afghanen brauchen, ist Aufmerksamkeit. Im kleinen und im großen. In der Politik und von Auge zu Auge. Habe ich selber erleben dürfen. Und verdammt: es war gar nicht so schwierig…!