Man sollte bei diesen Angaben sehr vorsichtig sein, auch wenn sie wie bei “Spiegel Online” möglicherweise ins eigene politische Konzept passen. Nur einige Gründe für Zweifel an den extremen Zahlen, die in solcher Höhe (angeblich bis zu 150 Tote) noch nie zuvor in ähnlichen Situationen zu beobachten waren:
- In der Region besitzen Aufständische weitgehend Bewegungsfreiheit. Einheimische stehen unter Druck solche Angaben zu machen, die der Propaganda der Aufständischen entsprechen.
- Lokale Politiker sind an Entschädigung interessiert und besitzen ein Interesse an der Verbreitung überhöhter Zahlen. Es gibt Präzedenzfälle.
- In Afghanistan gibt es keine Kultur exakter Angaben. Auf Vorfälle wird grundsätzlich emotional reagiert, und mit hohen Zahlenangaben will mehr eher seiner emotionalen Bewegtheit Ausdruck verleihen als exakte Angaben liefern. Überhöhte Zahlenangaben sind zudem als Mittel der politischen Kommunikation bei allen Akteuren im Land verbreitet.
- Die Bevölkerungsdichte in typischen Wohnanlagen im ländlichen Raum des Geschehens macht Opferzahlen in Höhe von 150 eher unwahrscheinlich.
“Spiegel Online” sollte sich bewusst sein, dass es mit solchen voreiligen und unkommentiert wiedergegebenen Angaben eine bestimmte Stimmung schürt. Die Ergebnisse eventueller Untersuchungen solcher Vorfälle, die meist erst nach Wochen zur Verfügung stehen, haben dann auf die durch Panikmeldungen erzeugte Stimmung kaum noch Einfluß.
Die Nachrichtenagentur Associated Press ging vor einiger Zeit mit solchen Vorfällen professioneller um, indem Sie folgende Information zum Teil der Meldung machte:
Civilian deaths are an extremely complicated issue in Afghanistan. Afghan villagers have been known to exaggerate civilian death claims in order to receive more compensation from the U.S. military, and officials have said that insurgents sometimes force villagers to make false death claims.
“Spiegel Online” erwähnt auch weitere zur Bewertung des Vorfalls relevante Informationen nicht, z.B. dass die Aufständischen regelmäßig Zivilisten gefährden, indem sie diese als zivile Schutzschilde nutzen. Insgesamt hinterlässt “Spiegel Online” erneut einen unprofessionellen Eindruck.
Anders als “Spiegel Online” fällt Associated Press positiv durch Sachlichkeit auf:
“It is very difficult to say how many were killed because nobody can count the number, it is too early,” Mohammad Nieem Qadderdan, the former top official in the district of Bala Baluk, tells the AP.
In solchen unklaren Situationen, bei denen glaubwürdige Informationen kaum erhältlich sind, sind vorschnelle Urteile grundsätzlich falsch.
Grundsätzlich sind Kämpfe in Dörfern und Städten in AFG sehr unpopulär und eigentlich nicht üblich. Das mag nun flapsig klingen, ist aber so. Gekämpft wird in der Fläche, im Gegensatz zum Irak, wo Kampfhandlungen in Wohngebieten viel eher akzeptiert werden.
Ich bin mal gespannt, ob diese Geschichte hier stimmt:
http://www.wired.com/dangerroom/2009/05/officials-taliban-may-have-faked-civilian-slaughter/
Könnte ein Ablenkungsversuch der US-Streitkräfte sein. Aber wenn es stimmt, wäre das schon eine neue Dimension des islamistischen Terrors. Statt Zivilisten als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen bringt man bald dutzende Menschen um und sprengt ihre Häuser. Dann behauptet man, es wäre eine US-Killerdrohne gewesen. Klingt ziemlich abartig..
Solche Meldungen erinnern an die Body Count Methoden der US Army aus Vietnamzeiten. Die waren damals schon nicht sehr glaubhaft, genauso wie diese hier, was jedoch nicht heissen soll, dass wirklich keine zivilen Opfer zu beklagen sind. Dies ist wie immer mit Vorsicht zu genissen.