Den afghanischen Aufständischen wird allgemein unterstellt, zunehmend professionell Propaganda zu betreiben. Tatsächlich finden sie häufig westliche Journalisten, die ihre Darstellungen wenig kritisch übernehmen, und bestimmte Elemente der Propaganda der Taliban (Aufstandsbewegung als Massenbewegung, Aussichtslosigkeit von Interventionen in Afghanistan etc.) sind aufgrund der Weitergabe durch westliche Medien zunehmend Teil der Wahrnehmung innerhalb westlicher Gesellschaften.
CNN hat nun Zabihmullah Mujahid interviewt. Er ist einer der zwei offiziellen Sprecher der Taliban, und seine Äußerungen zeigen, dass die Taliban bei weitem nicht so professionelle Propagandisten sind, wie allgemein behauptet wird. Er versteht westliche Zielgruppen nur wenig, was die Effektivität seiner Botschaften deutlich mindert.
- Am Beispiel der Legitimisierung von Selbstmordanschlägen: Hier wollen westliche Zielgruppen hören, dass Afghanen aus Verzweiflung über westliche Besatzung, vom Westen verschuldete Armut und Ausbeutung oder Unterdrückung etc. keinen anderen Ausweg mehr sehen als in Form von Selbstmordanschlägen Widerstand gegen die Besatzer zu leisten. Effektiv wäre auch ein Verweis auf zivile Kollateralschäden und die Behauptung, dass Selbstmordattentäter verzweifelte Hinterbliebene seien. Mujahid versteht dies nicht und spricht stattdessen von der islamischen Legitimität der Anschläge, was kaum einen westlichen Zuhörer überzeugen dürfte.
- Am Beispiel der Ziele der Taliban: Hier spricht man westliche Zielgruppen an, indem man erneut vom Kampf gegen Besatzung spricht. Man würde darauf verweisen dass man den Westen nur wegen der Politik der USA hasst, 9/11 nicht in Afghanistan vorbereitet wurde und nichts anderes will als selbstbestimmt zu leben, was die USA aus wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen verhindern möchten. Mujahid versteht jedoch erneut nichts und spricht von der Umsetzung islamischen Rechts.
- Zum Thema Verhandlungen: Hier müsste man betonen, dass man schon vor Beginn der Intervention 2001 verhandeln und Mißverständnisse im Dialog ausräumen wollte, die USA dies aber stets ablehnten. Statt dessen wählt Mujahid die Taktik, die man gegenüber Afghanen nutzt: Man betont eigene Stärke, indem man Verhandlungen ausschließt. Westliche Zielgruppen mögen so etwas nicht.
- Verbindungen zur Al-Qaida: Hier müsste man betonen, dass man verstehe, dass Muslime wegen Irak/Palästina/Karikaturen etc. empört sind, aber Gewalt gegen Unschuldige ablehne, weshalb Taliban nachweisbar auch nicht an 9/11 beteiligt gewesen seien, dass 9/11 nicht in Afghanistan vorbereitet wurde, und dass es in Afghanistan keine Ausbildungslager mehr gebe, und eine westliche Präsenz daher überflüssig sei. Mujahid gibt hingegen offen zu, dass die Taliban weiterhin mit Al-Qaida zusammenarbeiten, und bringt damit westliche Friedensaktivisten in Bedrängnis, die mit anderen Behauptungen gegen den Einsatz in Afghanistan argumentieren.
Mujahid ist ein Amateur. Er versteht westliche Zielgruppen nicht und meint, ihnen gegenüber die gleichen Propagandamethoden verwenden zu können wie gegenüber Afghanen oder Pakistanis. Er verspielt die Chance, potentiell ansprechbare Zielgruppen zu erreichen. Seine Äußerungen sind kontraproduktiv für die Ziele seiner Bewegung, weil sie die Glaubwürdigkeit zahlreicher westlicher Apologeten des afghanischen “Widerstands” zerstören. Man kann nur hoffen, dass seine Äußerungen in westlichen Medien möglichst weite Verbreitung finden.
Ähnliche Schwächen zeigt auch Haji Muslim Khan, ein Sprecher der pakistanischen Taliban in Swat, in einem aktuellen Interview. Khan erscheint als ungebildeter Fanatiker, dem einfachste historische Fakten unbekannt sind: Etwa, wenn er über die “Millionen Menschen” spricht, die der Westen in der Sowjetunion und Jugoslawien getötet habe. Ganz davon abgesehen, dass der Westen in Jugoslawien zweimal auf der Seite von Muslimen interviewte, sind seine Äußerungen bestenfalls wirr. Das Ergebnis der von Taliban-nahen Koranschulen vermittelten “Bildung” eben.
Von der Arbeit der PR-Abteilung der Taliban bin ich mittlerweile
begeistert:
“Lasst die Finger von den Mohnfeldern“, haben die radikal-islamischen Taliban bei ihrer angekündigten Frühjahrsoffensive gegen die ISAF-Truppen wissen lassen, war aus Geheimdienstkreisen am Wochenende in der afghanischen Hauptstadt Kabul zu erfahren. …
Der ganze Artikel: http://www.haz.de/Nachrichten/Politik/Deutschland-Welt/Geheimdienste-befuerchten-Vergeltungsschlaege-der-Taliban
Die o.g. Forderung der Taliban ist irgendwie verständlich und kann eine schicke Diskussionsgrundlage innerhalb der derzeitigen Allianz abgeben.
Wenn ein militärischer Gegner vor Beginn einer Offensive Forderungen bzgl. seiner Kapitalausstattung stellt, muß doch die Frage erlaubt sein: “Wo bin ich …?”
Es fällt mir schwer nicht in Sarkasmus zu verfallen, aber die
Meldung scheint echt zu sein und wird über seriöse Medien verbreitet. -Von Medien, die m.E. nicht kapieren, daß sie damit den Job der o.g. PR-Abteilung übernehmen. D.h. die Jungs von den Taliban wissen ganz genau, wie bei uns Entscheidungen herbeizuführen sind, die ihre Interessenlagen berücksichtigen. Drohung-Angst-Diskussion-Kompromiss-Laschheit. Famose PR-Aktion
@Patrick Gengler:
Na, wenn er schon eine solche Chance hat, durch ein Interview mit CNN westliche Öffentlichkeiten derart anzusprechen, dann sollte man doch meinen, dass er seine Kommunikation entsprechend effektiv anpasst. Er hat das nicht getan, und das finde ich auffällig. Was die Bedeutung der einheimischen Zielgruppen in AFG/PAK angeht, haben Sie natürlich Recht.
@Hohenstaufen:
Al-Qaida war schon einmal so weit, von Umweltschutz zu sprechen, wenn man sich an westliche Zielgruppen wendete. Bin Laden warf den USA einmal vor, das Kyoto-Protokoll nicht unterzeichnet zu haben. Für militante Islamisten spielt dies sonst überhaupt keine Rolle, und die Erwähnung zeigte, dass die OBL beratende Person verstanden hatte, was amerikakritische Zielgruppen bewegt, die eventuell auch Verständnis für die “Amerikakritik” der Al-Qaida haben könnten.
Noch ein Beispiel gelungener AQ-Propaganda:
http://weblog-sicherheitspolitik.info/2007/09/08/bin-laden-video-zielgruppen-und-botschaften/
…Mujahid ist ein Amateur. Er versteht westliche Zielgruppen nicht …
Dazu muss man sagen, dass er die auch nicht verstehen muss. Er muss nicht den Westen hinter sich bringen, sondern die Leute vor Ort und die islamische Umma im ganzen. Und die werden das, was er von sich gibt, als glaubwürdiger ansehen, als das was vom Westen an Nachrichten kommt. Ohne den Beistand (freiwillig oder gezwungen) der lokalen Bevölkerung könnten die Taliban nicht so operieren wie sie es tun. Hierin dürfte/muss also die allererste Priorität der Taliban liegen. Da er im Interview von Vietnam spricht, könnte das ja wenigstens bedeuten, dass er sich damit beschäftigt hat. Auch wenn er als Amateur erscheint, würde ich ihn (und keine dieser Bande) unterschätzen. Das wäre fatal.
Sehr schöner Artikel, nur ein wenig “gemein” gegenüber der “westlichen Zielgruppe”.
Ein ganz professioneller Taliban würde übrigens noch ein paar “Umweltthemen” in seine Propaganda einflechten und die in gewisser Weise vorindustrielle archaische Gesellschaftsordnung der Islamisten anpreisen: Motto “Afghanen verbrauchen wenig Ressourcen -praktizierter Umweltschutz”