Die Argumente für die Beibehaltung der Allgemeinen Wehrpflicht sind weiterhin schwach, wie u.a. aus den Argumenten des Bundeswehrverbands hervorgeht:
- Durch die allgemeine Wehrpflicht leiste jeder männliche Bürger seinen persönlichen Beitrag zur Verteidigung unseres demokratischen Gemeinwesens. Tatsächlich jedoch binden Grundwehrdienstleistende Kräfte für ihre Ausbildung, ohne dass sie anschließend für Einsätze zur Verfügung stehen. Militärisch betrachtet sind Grundwehrdienstleistenden und die für ihre Ausbildung und Verwaltung erforderlichen Kräfte und Infrastruktur in der gegenwärtigen sicherheitspolitischen Situation tote Masse. Nur ein geringer Teil der Grundwehrdienstleistenden trägt im Inland zur Unterstützung der Einsätze bei, und steht dafür nach Abschluß der Ausbildung allenfalls für einige Wochen zur Verfügung.
- Die Wehrpflicht führe zu einer politischen Kultur der Zurückhaltung bei Einsatz deutscher Streitkräfte. Bei keiner Entscheidung für oder gegen einen Einsatz der Bundeswehr spielte dieses Argument bislang jedoch eine relevante Rolle. Zurückhaltung ist zudem nicht grundsätzlich positiv, wenn der Schutz deutscher Interessen Handeln verlangt. Ob und wie die Bundeswehr eingesetzt wird, sollte allein vom begründeten Urteil der politischen Führung abhängen und nicht von künstlich errichteten Hürden.
- Die Wehrpflicht fördere die Integration der Streitkräfte in die Gesellschaft. Dies ist wenig relevant. Ist die Polizei weniger in die Gesellschaft integriert, weil sie ihre Kräfte nicht per Zwang rekrutiert, und ist diese ggf. geringere Integration ein Problem?
- Der derzeitige Umfang der Bundeswehr sichere einen angemessenen Einfluss im Rahmen der NATO. Dies trifft so nicht zu. In der Praxis hängt Einfluss innerhalb der NATO eher vom politischen Willen ab, Kräfte zweckmäßig einzusetzen. Großbritannien hat mit zahlenmäßig schwächeren Kräften größeren Einfluss, weil ein wichterer Beitrag in Afghanistan geleistet wird.
- Aufwuchs- und Mobilmachungsfähigkeit („Regeneration”) setzten ein politisches Signal. Das trifft zu, nur ist dieses Signal mangels Wegfall einer Bedrohung für die territoriale Integrität Deutschlands auf absehbare Zeit nicht erforderlich.
- Die Aussetzung der Wehrpflicht würde zu mehr Personalkosten im Verteidigungshaushalt und/oder zu einer Umfangsreduzierung der Bundeswehr führen. Eine kleinere Armee, die sich ausschließlich auf professionelle Kräfte stützt, wäre jedoch wesentlich einsatzfähiger als die gegenwärtige Bundeswehr. Großbritannien und Frankreich sind trotz kleinerer Streitkräfte mit wesentlich mehr Kräften im Ausland im Einsatz als Deutschland.
- Aus dem Kreis der Grundwehrdienst und freiwillig zusätzlichen Wehrdienst Leistenden könnten bis zu 40 Prozent aller Längerdienenden aus allen Bevölkerungsschichten gewonnen werden. Das ist wahr, nur rechtfertigt dies den massiven volkswirtschaftlichen Schaden und die Eingriffe in die Freiheit der Wehrpflichtigen, welche die Wehrpflicht nach sich zieht?
Eine Aussetzung der Allgemeinen Wehrpflicht und eine Professionalisierung der Bundeswehr sind überfällig.
Nachtrag: Die Kritik an der Wehrpflicht ist keine Kritik an den Grundwehrdienstleistenden.
Zur Erhöhung der Akzeptanz der Wehrpflicht in der Bevölkerung und zur Erhöhung des Wehrdienstes bei der Jugend Die Empfehlung des 9.Beirat für Fragen der Inneren Führung
Ich kann mich jedoch daran erinnern, dass der damalige Bundesminister der Verteidigung diesen sehr unterschieldichen Empfehlungen nicht nachgekommen ist. Vielleicht war es auch gut, dass er diese Empfehlung nicht aufgegriffen hatte. Allerdings: sie lassen einen Einblick in das damalige Nachdenken zu.
Die Debatte um eine geeignete und zweckmäßig Wehrform für deutsche Streitkräfte wird seit der Wiederbewaffungsdebatte in den 50er Jahren im Nachkriegsdeutschland geführt und nimmt kein Ende. Sie zieht sich in (un-)regelmäßigen Abständen und mit den immer wieder gleichen Argumenten vorgetragen durch unsere Zeit.
Von daher erlaube ich mir mal auffolgendes hinzuweisen.
Was ist mit dem Argument der sozialen Durchmischung?
Es gibt natürlich auch positive Wirkungen der Wehrpflicht. Ich persönlich glaube aber nicht, dass sie die negativen Wirkungen (Bindung von Kräften, nicht einsetzbare Soldaten etc.) aufwiegen.
@Boots on the Ground
Allerdings muß die Reserve dann regelmäßig üben und auch an neuem Gerät eingewiesen werden – das bedingt wohl WÜs von mindestens zwei Wochen / Jahr neben Erhalt der “physical fitness”.
Im Idealfall hat man auch die persönliche Ausrüstung bei sich zu Hause.
In der ganzen Diskussion wird ein wesentlicher Fehler begangen: Probleme, die aus einer einmalig (!!) ineffizienten Personal- und Organisationsstruktur resultieren, werden zu Nachteilen einer Berufsarmee und Vorteilen der Wehrpflicht umgedeutet.
Die Aufwuchsfähigkeit einer Armee durch Reserven ist weniger von der Wehrforn abhängig als von Dauer der aktiven Dienstzeit und der Organisation des Reservewesens: Eine Freiwilligenarmee mit vielen kurzdienenden Soldaten (2 – 4 Jahre) produziert fast eine ähnliche Zahl an potentiellen Reservisten – mit dem Unterschied einer wesentlich besseren Ausbildung. Die personelle Durchhaltefähigkeit im Einsatz ist abhängig von der Organisation des Personalersatzwesens – im Wesentlichen von den mittlerweile aufgelösten Feldersatzkompanien (wieder ein spezifisches Bundeswehrproblem).
Die geringe Infanteriestärke ist ebenfalls ein spezifisches Bundeswehrproblem und resultiert im Wesentlichen einer zu hohen Zahl an Stäben, Kommandobehörden und deren Unterstützungsteilen, einer in einer viel zu hohen Zahl an Fernmelde- und Führungsunterstützungsbataillonen resultierenden ineffizienten Verteilung der Kommunikationsmittel sowie dem Einsatz von (auch längerdiendenden!) Soldaten auf Dienstposten, die auch von Zivilisten besetzt werden könnten. Die Anzahl der auf dieser Art gebundenen Soldaten ist ganz erheblich.
Das Szenario einer massiven konventionellen Bedrohung würde mich ebenfalls an dieser Stelle interessieren…
Die Bundeswehr war übrigens noch nie in der Lage, die territoriale Integrität Deutschlands alleine zu gewährleisten, sondern war immer erheblich auf die Unterstützung durch unsere Allierten angewiesen.
Bevor man für die Abschaffung der Wehrpflicht plädiert sollte man sicher sein, dass eine Berufsarmee genügend Nachwuchs rekrutieren kann, vor allem in einem Land, in dem das Militärische vielen fremd ist, ganz im Gegensatz z.B. zu den Vereinigten Staaten. Aber selbst dort gibt es Nachwuchssorgen.
http://nachrichten.t-online.de/c/14/86/05/08/14860508.html
Spanien hatte nach Abschaffung der Wehrpflicht massive Probleme mit der Nachwuchsgewinnung, die bis heute trotz Anwerbung von Südamerikanern (“Green-Card-Soldaten”) andauern.
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,222661,00.html
Ob die die chronisch unterfinanzierte Bundeswehr nach Abschaffung der Wehrpflicht über größere finanzielle Möglichkeiten bezüglich Rüstungsvorhaben verfügen könnte sei dahingestellt, dies hängt meines Erachtens weniger von der Form der Armee (Wehrpflicht/Berufssoldaten) sondern vom politischen Willen ab.
Und nicht zuletzt ist der Einsatz zur Landesverteidigung zwar derzeit unwahrscheinlich aber eben nicht ausgeschlossen. (“Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen”)
Dazu kann gerade eine gut organisierte Wehrpflichtarmee einen wichtigen Teil beitragen , wie die Beispiele Schweiz und vor allem Israel zeigen.
@Peter:
5 km pro Bataillon ist eher eine Vorpostenlinie (die extrem auf Steilfeuerunterstützung angewiesen ist und keine Reserven hat) als eine ordentliche Durchschnittsstärke. Und wo gibt es noch “Grenadierbataillone”? Die sind doch mit der Heeresstruktur 2 oder 3 abgeschafft worden.
Ein wesentlicher Ausbau von Streitkräften ist durchaus (bei entsprechender Motivation) in fünf Friedensjahren schaffbar. Das reicht zur materiellen Rüstung und zum personellen Aufwuchs – man müsste allerdings die Stäbe etc für Offiziere und Spieße auskämmen.
“Aufwuchs- und Mobilmachungsfähigkeit („Regeneration”) setzten ein politisches Signal. Das trifft zu, nur ist dieses Signal mangels Wegfall einer Bedrohung für die territoriale Integrität Deutschlands auf absehbare Zeit nicht erforderlich.”
Ohne vernünftige Mob-Struktur in der neuen Bundeswehr ist die Ausbildung von Wehrdienstleistenden zur Reserve sowieso ein absolut unnützes Unterfangen.
@Benjamin
So ein Szenario kann ich bieten. Öffentlich kommt das aber wegen der PC politischem Selbstmord gleich.
Das Entscheidende an der Sache ist die Zeitschiene. Wieviel Vorlaufzeit schätzen die Verantwortlichen ein? Außerdem wird auch der Einsatz im Inneren nur noch eine Frage der Zeit sein. Bei dem aktuellen Streitkräfteumfang macht er aber keinen Sinn.
Aktuell wären für eine Armee, die unser Land verteidigen könnte, entsprechende Haushaltsmittel vorausgesetzt,15 Jahr plus X notwendig. Mit lediglich einer zusätzlichen Division wäre es ja nicht getan. In 15 Jahren kann sich aber sicherlich sehr viel ändern was sicherlich auch passieren wird.
Die Rechnung von Soldaten pro km ist nicht neu. Unter dem Aspekt, dass sich die Kampfentfernungen der Infanterie aber nicht geändert haben und auch die Sichtweiten im Gelände durch Bebauung eher kürzer geworden sind, ist der von mir genannte Anhalt immer noch eine gute Basis.
Die Bundeswehr tut sich immer schwerer damit, Freiwillige zu finden. Ich glaube nicht, dass es zu einer Abschaffung der Wehrpflicht kommen wird.
@Peter
Könntest du ein Szenario skizzieren, in dem irgendein Staat der NATO oder der EU in absehbarer Zeit gefährlich werden könnte? Wie sollte die Bedrohung für unser Land denn aussehen?
Übrigens erscheint mir diese Soldaten-pro-km-Grenze-Rechnung etwas sehr altbacken zu sein.
Die Masse der Argumente gegen die Wehrpflicht sind bekannt und berechtigt. Ein entscheidender Aspekt wird hier zwar auch genannt, kommt aber zu kurz und wird nicht korrekt bewertet. Es handelt sich um die Möglichkeit des Aufwuchses.
Schon aktuell ist die Bundeswehr, selbst unter Berücksichtigung der Bündnisse, nicht in der Lage ihren verfassungsmäßigen Auftrag, Schutz der Bundesrepublik, zu erfüllen. Dies einmal an einem Beispiel erklärt.
Die Frontbreite eines Grenadierbataillons beträgt geländeabhängig ca. 5 km.
Die Landesgrenze von Berlin beträgt 234 km, man bräuchte also ca. 46 Btl zu dessen Verteidigung. An Kampftruppenbataillonen stehen derzeit 25 zur Verfügung. Davon 7 PzBtl, 9 PzGrenBtl, 2 JgBtl, 4 FschJgBtl und 3 GebJgBtl.
Allein nur um Berlin klassisch zu verteidigen bräuchte man die Unterstützung des kompletten britischen oder französischen Heeres. In der Fläche befindet sich dann aber immer noch kein einziger Soldat.
Bei der aktuellen Bedrohungslage spielt dies alles keine Rolle. Auf der Zeitschiene wird es dann aber wieder interessant.
Der Knackpunkt ist: eine Berufsarmee produziert schon aufgrund der Stehzeiten der Soldaten weniger Reservisten. Der Zeitbedarf für eine zusätzliche einsatzfähige (Combat Ready) Division einschließlich Infrastruktur, Materialbeschaffung, Ausbildung der Soldaten und des Führungspersonals liegt bei günstigem Verlauf bei ca. 10 Jahren. Ohne Berücksichtigung eventueller finanzieller Engpässe oder den allseits bekannten bürokratischen Hürden.
Wenn man also tatsächlich auf die Wehrpflicht verzichten will, müsste diese durch ein Milizsystem ersetzt werden. Für eine entsprechende Reservestruktur stände nicht genug Personal zur Verfügung.
Man kann sich selbstverständlich auch darauf verlassen, dass wir in den nächsten 30 Jahren einen Status quo in Europa haben.
@Sven Ortmann
Es liegt in der Natur der Sache, dass der Wehrpflichtige unterbezahlt wird. Dies ließe sich wahrscheinlich sogar ändern. Allerdings wird immer suggeriert, dass man in der Bw weniger Rechte hat. Verglichen mit dem zivilen Arbeitsmarkt hat der Soldat allerdings in der Praxis deutlich mehr Rechte und aus Sicht des Arbeitnehmers eine deutlich günstigere Position. Bei Problemen mit dem Arbeitgeber bleibt dem Zivilisten nur die Faust in der Tasche oder die Kündigung. Einem Soldaten bieten sich da deutlich mehr Möglichkeiten.
Thema Aufwuchsfähigkeit: Ich meine, die Wehrpflicht soll ausgesetzt werden, so wie es die FDP fordert. Eine Abschaffung scheint mir auch zu voreilig, besser wäre Aussetzung plus Modifikation (Gleichberechtigung).
Aber es müsste schon irgendeine nur irgendwie denkbare Bedrohungslage existieren, um die Wehrpflicht wieder einzuführen. Derzeit ist auch nur im entferntesten einfach kein Szenario vorstellbar, dass diesen Grundrechtseingriff rechtfertigen würde.
Die bestehende Sturktur (und alle realistischen Strukturen) von “Einsatzkräften” basieren auf der Annahme, dass die Truppe so im Einsatz sein kann ohne große Verluste zu erleiden.
In der Bündnisverteidigung (“GG Artikel 87a.
(1) [1] Der Bund stellt Streitkräfte zur Verteidigung auf.”) würden unsere Infanterie, Teile unserer Aufklärer am Boden, unsere Panzergrenadiere und unsere Panzertruppe überproportionale Verluste erleiden.
Es ist viel besser, diese Verluste mit Qualität 2a Reservisten zu ersetzen, als einige Jahre nach Aussetzung der Wehrpflicht keinen nennenswerten Reservistenpool mehr zu haben.
Hinzu kommt, dass unsere Infanteriekräfte (und jetzt zähle ich einfach mal abgesessene PzGren dazu) es schon in Soll-Stärke schwer hätten, im konventionellen Krieg auch nur eine mittelgroße Stadt zu erobern oder eine Waldgegend zu durchkämmen.
Diesem lächerlichen Infanterieanteil der “Einsatzkräfte” kann man haushaltstechnisch vertretbar nur mit Reservisten begegnen.
Da ist es dann sehr viel sparsamer, Leute nach einem jahr ausgebildet in die Reserve zu entlassen, als sie vier Jahre im Dienst zu halten, mit der Folge, dass man im V-Fall nur ein Viertel bis Drittel der Mannstärke hätte.
Truppen nutzen schließlich nicht so sehr im Frieden, sondern v.a. im Krieg.
Man kann natürlich auch mit dem Strom schwimmen und Kleinkriege, Großmachtspielchen, Schulen bauen, Brunnen bohren usw im Fokus haben statt dem grundgesetzlichen Auftrag und die historische Realität, dass es auch nach Jahrzehnten der Ruhe rasch zum Krieg kommen kann.
Siehe 43 Jahre Frieden in Mitteleuropa vor dem 1. Weltkrieg. 1912-1914 ging der Frieden ganz schnell den Bach runter.
Und dann ging intern das große Gejammer los, dass Deutschland längst nicht alle Wehrpflichtigen eingezogen und ausgebildet hatte, dass man auf Marineträumereien statt auf harte Realität gesetzt, Ressourcen und Gedanken auf Kolonien verschwendet und auch viel zu wenig Munition in den Arsenalen hatte.
Meine Güte, man sollte doch irgendwann mal als Gesellschaft gelernt haben, über Modeerscheinungen zu stehen und nicht alte Fehler immer wieder zu wiederholen. Russland ist heute am Boden – na und? Das war Deutschland 1932 auch. Wenige Jahre später sah die Welt ganz anders aus.
Aus Geschichte zu lernen heißt, aus mehr als nur zwölf Jahren des eigenen Landes zu lernen.
“Die Wehrpflicht fördere die Integration der Streitkräfte in die Gesellschaft. Dies ist wenig relevant. Ist die Polizei weniger in die Gesellschaft integriert, weil sie ihre Kräfte nicht per Zwang rekrutiert, und ist diese ggf. geringere Integration ein Problem?”
Der Vergleich mit der Polizei hinkt, da ihre Arbeit und deren
positive Effekte für die Gesellschaft wesentlich unmittelbarer wahrnehmbar ist, als die der Streitkräfte (insbesondere in der BRD).
Bezüglich des öffentlichen Interesses für die Streitkräfte sei
daran erinnert, wie lange die Vorfälle in Coesfeld, die theoretisch
den eigenen Sohn hätten betreffen können, im Vergleich zu Gefechten
und Anschlägen mit wesentlich schlimmeren Konsequenzen im Ausland
in den Medien thematisiert wurden. Hier wird deutlich, dass die
politische Verantwortung für die Bw im Rahmen der Wehrpflicht
- auch wenn FWDL die Voraussetzung für einen Auslandseinsatz ist -
stärker und für die Öffentlichkeit (an)greifbarer ist, als im Falle
einer reinen Freiwilligenarmee. Wie weit deren politische Lobby,
die wenigstens Aufmerksamkeit für die Streitkräfte erregen und
einfordern könnte ohne Reservisten ginge, wäre außerdem zu diskutieren.
500.000 als leichte Infanterie ausgebildete Reservisten zur späteren Spezialisierung in Wehrübungen? Um einen Soldaten in seinem Aufgabenbereich ausreichend auszubilden, sind mindestens 15 Monate intensiver Ausbildung nötig. Klar sollte sein, dass hier nicht die Rede ist von der Ausbildung der Bundeswehr des Kalten Krieges, sondern wesentlich mehr. 40 Tage Wehrübung (inkl. Wochenenden: “One Weekend a Month, on Week a Year”) reichen gerade aus, um Fähigkeiten zu erhalten und sind gleichzeitig aber das Maximum, was den Wehrübenden und ihren Arbeitgebern abverlangt werden kann.
Desweiteren binden Ausbildung und Inübunghaltung dieser Resevervisten eine große Menge an Personal und Material, ohne dass irgendein mittelbarer Nutzen daraus erwächst – ganz im Gegensatz z.B. zu den Reservekomponenten der amerikanischen oder britischen Streitkräfte, die nach einer kurzen zusätzlichen Übungsphase an der Seite der aktiven Truppe eingesetzt wird und so zu geringeren Kosten gleiche Kapazitäten zur Verfügung stellt.
Zur Landesverteidigung: Landesverteidigung findet im besten Fall nicht an den Landesgrenzen statt, sondern weit davon entfernt, sodass das eigene Territorium nicht in Mitleidenschaft gezogen wird sondern als sicherer rückwärtiger Raum dienen kann. Ob das in Afghanistan der Fall ist, sei dahingestellt… Wenn aber die Landesverteidgung an den Landesgrenzen stattfindet, dann hat es die komplette Außen- und Sicherheitspolitik des Landes mit allen diplomatischen, entwicklungspolitischen, wirtschaftlichen und militärischen Komponenten nicht geschafft, der Bedrohung bereits im Entstehen zu begegnen und auch alle anderen nationalen Interessen, deren oberste eben die Wahrung der Unversertheit des eigenen Territorium und der Bevölkerung ist, sind der Gefahr bereits zum Opfer gefallen.
@Ares:
Sexuelle Diskriminierung ist dadurch gegeben, dass nur Männer eingezogen werden.
Es handelt sich natürlich um juristisch abgesegnete und großteils gesellschaftlich akzeptierte Diskriminierung, aber das waren Sklaverei und andere schlimme Dinge auch mal in manchen Gegenden.
@Benjamin:
Es ist eine Vorsorge für den Fall, dass…
Es kann Verschwenderisch sein, aber prinzipiell halte ich die Ausbildung von Reservisten nicht für Verschwendung.
Ich bin allerdings nicht an Einsätzen wie Afghanistan interessiert, sondern am Hauptauftrag: Landes- und Bündnisverteidigung.
@Sven Ortmann: Ich stimme grundsätzlich zu, würde Sie dennoch bitten den Bezug auf die sexuelle Diskriminierung kurz darzulegen.
Ich habe es ja vor wenigen Jahren am eigenen Leib erfahren dürfen:
Da lernt man innerhalb hoch intensiver 9 Monate soviel, wie es in der Zeitspanne gerade möglich ist. Man verschießt Munition für mind. tausende Euros (könnte auch mehr sein, keine Ahnung was 20mm oder Milan kosten). Man verfährt zehntausende Liter an Diesel. Gerade in der Grundausbildung wurde massiv Personal gebunden, das uns morgens aus dem Bett trommelte und abends wieder reinbrüllte.. im Schichtbetrieb!
Meine Gruppe in der AGA wurde von einem OFw geführt, der sein Handwerk meisterlich beherrschte und in der gesamten Kaserne respektiert war. Was für eine Personalverschwendung! Da wurde immerhin eine Kompanie an die Kaserne gekettet, die eigentlich zu den Eingreifkräften gehört.
Und was hat der Steuerzahler jetzt davon, dass er soviel Geld in mich investiert hat? Ich sitze in der Uni und muss in meinem ganzen Leben keine Waffe mehr abfeuern.
Das ist eine Verschwendung, wie es sich sonst kein Land in Europa mehr leistet.
Ich nenne die “Wehrpflicht” schon lange “unterbezahlte, sexuell diskriminierende Zwangsarbeit unter teilweisem Grundrechteentzug”.
Bisher hat das keiner widerlegen können, obwohl sich fast alle instinktiv dagegen sträuben.
Wir sollten allerdings dafür sorgen, dass wir eine ansehnliche (ca. 500.000x, bis 35 J.) Reserve voll ausgebildeter (9 Monate + Urlaub) Infanteristen haben. Infanterist darum, weil es eine hervorragende Basis für militärische Spezialisierungen ist.
Dafür halte ich eine parallel zu den aktiven Streitkräften existierende Struktur voller Ausbildungsbataillone für angemessen.
Eine Sicherheitspolitik ganz ohne solch eine Reserve fände ich mitten in Europa unzureichend.
Ich werfe ein paar Gedanken in den Raum:
- Regeneration / Aufwuchs im Verteidigungsfall – gemeint ist wohl eher eine ausreichend große Reserve, was aus Sicht der Wehrpflichtbefürworter nur mit Hilfe der Wehrpflicht möglich wäre. Die Beispiele USA und UK zeigen jedoch, dass es auch anders geht und aufgrund der Tatsache, dass sich die Reserve sowohl aus ungedienten Freiwilligen als auch aus gedienten Zeitsoldaten rekrutiert und ca. 40 Wehrübungstagen im Jahr, liegt das Leistungsniveau verglichen mit dem der durchschnittlichen deutschen Reservisten wesentlich höher – die Existenz von zwei Special Forces Groups in den Reihen der Nationalgarde und den Siegen von Reserveverbänden bei der Luftwaffenübung “Red Flag” sollten das mehr als genug zeigen, die mittlerweile regelmäßige Aktivierung zu den Einsätzen im Irak und Afhanistan tut ihr übriges.
- Es ist unwirtschaftlich und unzweckmäßig, 4 Jahre lang ausgebildete und einsatzerfahrene Soldaten ohne eine Weiterverpflichtung in der Reserve ziehen zu lassen, obwohl das Leistungsniveau ohne großen Aufwand aufrechterhalten werden könnte und so zusätzliche Soldaten für Auslandseinsätze zur Verfügung ständen – kein ziviles Unternehmen würde einen gut ausgebildeten Mitarbeiter ohne weiteres gehen lassen. Pflichtwehrübungen sind bereits jetzt möglich und waren während des Kalten Krieges die Regel, zweckmäßiger wäre es allerdings, den Dienst in der Reserve von vornherein in die Verpflichtung mitaufzunehmen (wie es z.B. in den USA der Fall ist) und finanziell entsprechend attraktiv zu machen.
- Für die Dienstposten, die derzeit (bzw. nach dem derzeitigen Wehrpflichtkonzept – die Realität sieht noch anders aus) durch Wehrpflichtige besetzt werden, kämen in einer Freiwilligenarmee drei Möglichkeiten in Frage: Ein nicht unwesentlicher Teil könnte ersatzlos gestrichen werden, ein kleiner Teil (wenige Dienstposten in den Unterstützungskräften) müsste mit Zeit- und Berufssoldaten besetzt werden und ein weitaus größerer Teil der Dienstposten in den Unterstützungskräften (z.B. ortsfeste Sanitäts- und Ausbildungseinrichtungen, Depots, Inlandslogistik) könnte mit weniger, jedoch weitaus besser qualifiziertem Zivilpersonal besetzt werden.
- Die Bundeswehr ist bereits jetzt nicht in der Lage, qualifiziertes Personal zu rekrutieren und zu behalten – eine umfassende Änderung der Personalpolitik der Bundeswehr ist nötig, vor allem angesichts der sich dramatisch wandelnden demographischen Situation. Im Falle einer Aussetzung der Wehrpflicht ist ein solches Konzept dringend nötig, wenn man bedenkt, dass die Bundeswehr (angeblich!!) 40% der Zeitsoldaten aus Wehrdienstleistenden rekrutiert. Diese Tatsache kann jedoch kein Grund für die Beibehaltung der Wehrpflicht sein.