Afghanistan: “Amerikaner sind auf deutschen Kurs eingeschwenkt”

In der deutschen Afghanistan-Diskussion ist zuweilen eine seltsame Mischung aus Selbstbetrug und Größenwahn zu beobachten. Ein aktuelles Beispiel ist ein Kommentar von Peter Blechschmidt über die neue amerikanische Strategie in Afghanistan:

Es war ein hochrangiger Vertreter der neuen amerikanischen Regierung, der dieser Tage gestand: “Wir hatten in Afghanistan viel zu lange die falsche Strategie.” Mittlerweile sind die Amerikaner auf den Kurs vieler europäischer Verbündeter, allen voran Deutschland, eingeschwenkt. Dem zivilen Aufbau wird Vorrang eingeräumt, bei Militäroperationen sollen Opfer unter der Zivilbevölkerung tunlichst vermieden werden, und die Anstrengungen für den Aufbau von nationaler Armee und Polizei sollen deutlich verstärkt werden.

Der Größenwahn liegt in der Vorstellung, dass die neue amerikanische Strategie sich am Vorbild des deutschen Ansatzes orientiere. Entscheidender Einfluss auf diese Strategie sind jedoch Erfahrungen im Irak und eine sorgfältige Auswertung von Erfolgsbeispielen im Kampf gegen irreguläre Kräfte an anderen Orten wie Algerien in den 50er und 60er Jahren. Weder hinsichtlich des militärischen Vorgehens noch hinsichtlich des Aufbaus afghanischer Sicherheitskräfte leistet Deutschland derzeit vorbildhaftes.

Der Selbstbetrug besteht darin, dass man sich in Deutschland zu häufig vormacht, man sei in Afghanistan eigentlich erfolgreich. Fehler werden anderen zugeschoben, vorzugsweise Briten und Amerikanern. Man selbst meint, alles richtig zu machen und nichts ändern zu müssen. Dieser Selbstbetrug hat Entwicklungen wie die im Raum Kunduz erst möglich gemacht.

3 Kommentare zu “Afghanistan: “Amerikaner sind auf deutschen Kurs eingeschwenkt””

  1. SiPol sagt:

    @Sascha Stoltenow:
    Ich würde Ihnen zustimmen, was allgemeinmilitärische Dinge angeht. Die Amerikaner haben m.E. deutlichen Nachholbedarf was Auftragstaktik angeht, und ich habe diesbezüglich eine deutliche Bereitschaft zur Orientierung am deutschen Modell festgestellt. Ich sehe auch Stärken bei der Bundeswehr, was die Qualität des Personals bzw. der Ausbildung in den Dienstgradgruppen Mannschaften und Unteroffiziere angeht.

    Ich stimme auch zu, was den zu geringen deutschen Kräfteansatz angeht.

    Was aber die Strategie in Afghanistan angeht, möchte ich Ihnen widersprechen. Die Amerikaner haben im Irak den Kern von “Counterinsurgency” gelernt: Es kommt darauf an, den Aufständischen durch dauerhafte Präsenz in der Bevölkerung den Zugriff auf diese zu verwehren und einheimische Sicherheitskräfte und Verwaltung aufzubauen, an die man schrittweise Aufgaben übergeben kann.

    Deutschland bzw. die Bundeswehr haben das m.E. noch nicht gelernt. Im Norden Afghanistans mancht man diesbezüglich m.E. fast alles falsch: Nach dem Abschluß von Operationen zieht man sich wieder in die wenigen Lager zurück, so dass die ausgewichenen Aufständischen wieder zurückkehren und die Lage nach Operationen meist unverändert ist. Ghowrmach und Kunduz sind deutliche Beispiele dafür, dass die Bundeswehr COIN noch nicht verstanden hat. Hier würden auch mehr Kräfte alleine nicht das Problem lösen: Es kommt darauf an, wie man diese einsetzt. Ob sich in Camp Marmal 1000 deutsche Soldaten mehr selbst verwalten oder nicht, hat auf die Lage keinen Einfluß.

    Auch was den Aufbau einheimischer Sicherheitskräfte angeht, ist Deutschland kein Vorbild. Zum deutschen Versuch des Aufbaus der Polizei brauche ich ja wohl nichts mehr zu sagen. Der derzeit erfolgversprechendste Ansatz, “Focussed District Development”, wird von den USA auch als Konseqzuenz des deutschebn Versagens im Alleingang außerhalb von ISAF betrieben. Beim Aufbau der ANA setzt Deutschland gerade einmal eine handvoll von Mentorenteams ein, die zudem unsinnigen politischen Auflagen unterliegen. Hier machen die USA wirklich fast alles besser.

  2. Doch, die Amerikaner sind auf den deutschen Kurs eingeschwenkt – allerdings mit einem viel größeren Schiff. Aus eigener Erfahrung in gemeinsamen Einsätzen und Übungen weiß ich, dass die US-Truppen noch lange bei der Methode Brechstange geblieben sind, während die vermittelnde Strategie der Bundeswehr bereits deutlich erfolgreicher war. Und auch was die taktische Kampfführung angeht, haben die Amerikaner sehr genau hingesehen, was die Deutschen so machen – und sind nicht bei “Infantrie greift an” stehen geblieben.

    Der fundamentale Unterschied ist aber, dass die Bundeswehr ihre Strategie immer mit einer derart lächerlich geringen man-, fire- udn moneypower hat umsetzen müssen, so dass es nicht verwundert, wenn der Frust in der Truppe steigt. Im Klartext: Wenn die Bundesregierung die entsprechenden zivilen, polizeilichen und militärischen Mittel bereit gestellt hätte, wäre der Norden Afghanistans vermutlich schon lange gegen die Taliban immunisiert worden.

  3. vanHal sagt:

    > Ich sehe auch Stärken bei der Bundeswehr, was die Qualität des Personals bzw. der Ausbildung in den Dienstgradgruppen Mannschaften und Unteroffiziere angeht.

    Könnten Sie diese Meinung, wenn die off-topic-Frage aus Interesse gestattet ist, weitergehend erläutern?

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