Neuerscheinung: “War 2.0: Irregular Warfare in the Information Age”

Eine vieldiskutierte Neuerscheinung ist “War 2.0: Irregular Warfare in the Information Age” von Thomas Rid und Marc Hecker. Erste kurze Besprechungen des Buches gibt es u.a. hier, hier und hier.

Wir gründen unseren ersten Eindruck ganz auf diese Besprechungen. Wir sind noch etwas skeptisch, was z.B. die Beschreibung von “War 2.0″ angeht:

War 2.0 is a political and social animal phenomenon enmeshed in cultures and inextricable from the population. Enemies hide among the people and are generated by those base elements that make up a society –religion, kinship, etc. It is defined by bottom-up initiatives and decentralization. [...]War 2.0 demolishes the division of labour between military affairs and political affairs.

Es handelt sich der Beschreibung nach nicht um ein neues Phänomen wie die Beschreibung als “2.0″ vermuten lässt, sondern ist weitgehend identisch mit dem, was Autoren wie Beaufre schon in den 60ern als “revolutionären Krieg” beschrieben haben. Bereits im Algerienkrieg sprach die FLN die französische Öffentlichkeit erfolgreich durch Propaganda an und erzeugte so Unterstützung und politischen Druck auf die französische Regierung zur Beendigung der frz. Präsenz.

Der interessante neue Beitrag der Autoren besteht in der Untersuchung des Einflusses des Internets auf Aufstandsbewegungen und ihre Bekämpfung. Als Beispiele werden die Hizbollah, Al-Qaida und die Taliban untersucht. Wir sind neugierig und haben ein Exemplar angefordert.

Auf der Grundlage eigener Beobachtungen würden wir behaupten, dass die Rolle der Internets für die Aufstandsbewegung in Afghanistan marginal ist. An den Schwerpunkten der Aufstandsbewegung im Süden und Osten sowie im Nordwesten Pakistans verfügt ein Bevölkerungsanteil in der Größenordnung von einem Prozent über Internetzugang. Die Masse der Kämpfer sind Analphabeten, für deren Rekrutierung das Netz praktisch keine Rolle spielt. Videos, die andernorts für Propagandazwecke über das Internet verbreitet werden, können hier allenfalls über CD und DVD verteilt werden. Das Internet wird von den Aufständischen hauptsächlich für Propaganda an Zielgruppen außerhalb Afghanistans genutzt und spielt eine Rolle bei der Mobilisierung von Kämpfern und Spenden. Die Aufstandsbewegung wäre aber auch ohne internationale Kämpfer handlungsfähig, Spenden scheinen weniger von Individuen aus durch Internet erreichbaren Diasporas zu kommen.

Auch die Einsatzmöglichkeiten des Internets für die Bekämpfung der Aufstandsbewegung erscheinen uns als gering. Vorhandene Ansätze richten sich vor allem an westliche Zielgruppen, denen z.B. zeitnah Videos zur Verfügung gestellt werden, die potentiell Gerüchte über zivile Kollateralschäden widerlegen können. Als Blogger schätzen wir diverse Maßnahmen wie den USFOR-A YouTube-Kanal oder den Flick-Account von ISAF (mit dem wir unsere Sidebar beleben) sehr.

2 Kommentare zu “Neuerscheinung: “War 2.0: Irregular Warfare in the Information Age””

  1. SiPol sagt:

    @pbeschnidt:
    Danke für den SMS-Hinweis, das hatte ich vergessen. Angesichts der hohen Verbreitung von Mobiltelefonen in Afghanistan mit Sicherheit etwas, was man nicht unterschätzen sollte.

    Auch in anderer Hinsicht ist Mobilfunk in Afghanistan wichtig: Wie Ihnen bestimmt schon bekannt ist zerstören die Aufstänischen häufig Masten oder bedrohen Betreiber. Die Gründe sind mir noch nicht so ganz klar, aber sie scheinen zu befürchten, dass die Bevölkerung mit Mobiltelefonen ihre Bewegungen melden könnte.

  2. pbeschnidt sagt:

    Ich teile die Auffassung hinsichtlich der marginalen Nutzung des Internets durch die Afghanische Bevölkerung.Es gibt zwar einige Internet-Cafes in den Städten Kabul, Herat, Mazar , aber das reicht bei weitem nicht aus, signifikanten Einfluß auf die Einstellung der Bevölkerung in Afghnanistan zu nehmen. Hier gilt es vorallem die internationale Gemeinschaft zu erreichen – sei es die Bevölkerung in den truppenstellenden Nationen für ISAF und USFOR-A und (für die Taliban) deren Geldgeber in den islamisch geprägten Nationen.

    Allerdings ist nicht zu verkennen, daß gerade Kommunikationsformen wie Twitter oder SMS eine weitaus größere Bedeutung haben werden ( siehe die Auswirkungen der Präsidentenwahl in IRAN).

    Schlussendlich ist die Wirksamkeit der Nutzung von “War 2.0″ in seiner tatsächlichen Reichweite und Relevanz für politische oder gar militärische Entscheidungen noch zu verifizieren.

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