Andrew Bacevich ist der interessanteste amerikanische Kritiker der Counterinsurgency-Diskussion. Er stellt (wie in diesem aktuellen Beitrag) in erster Linie nicht die taktischen und operativen Thesen der Diskussion in Frage sondern behauptet, dass die falsche Diskussion geführt werde. Die Probleme im Irak oder in Afghanistan seien nicht taktischer und operativer Art, sondern lägen im Bereich Strategie: Das Problem sei, dass man überhaupt “Regime Change” versucht habe. Die USA hätten auch dann nichts gewonnen, wenn sie sich in beiden Situationen durchsetzten, sondern gingen in jedem Fall geschwächt aus den Konflikten hervor. Anstatt taktische und operative Fehler zu korrigieren, solle man daher die strategischen Fehler korrigeren, die der Entscheidung zu den Einsätzen zugrunde lag.
Wir stimmen mit der Kritik an militärisch unterstütztem “Regime Change” weitgehend überein. Gerade im Fall Afghanistans zeichnet sich ab, dass es bessere Lösungen für das zugrundeliegende Problem gegeben hätte. Dennoch können die begonnenen Einsatz nicht so ohne weiteres abgebrochen werden, wenn man nicht noch größere Probleme provizieren will. Bacevich wirft der COIN-Diskussion letzlich vor, dass sie Kriege gewinnen wolle, die man erst gar nicht führen solle. Dieser Ansatz ist hilfreich bei der Beantwortung der Frage, wie man auf strategischer Ebene künftig verfahren sollte (etwa im Fall Somalias), aber zur Bewältigung aktueller Herausforderungen trägt er nicht bei.
Ich finde wir sollten so lange nicht aufhören zu diskutieren bis es eine Lösung gibt. Denn wenn nicht mehr daüber geredet wird passiert genau das selbe wie momentan wo die Bundeswehr eine Offensive durchführt was rein gar nichts mehr mit einer friedlichen Mission zu tun hat.
“Gerade im Fall Afghanistans zeichnet sich ab, dass es bessere Lösungen für das zugrundeliegende Problem gegeben hätte.”
Ich bin kein Anti-Terror-Experte und denke, dass z. B. der US-Alleingang unter Ausschluß der NATO einige Chancen gleich nach 9/11 verspielt hat. Doch über konkrete Alternativen als Reaktion auf 9/11 habe ich noch nicht wirklich nachgedacht.
Es scheint aber dem Posting nach, diese gegeben zu haben. Meine Frage an den Verfasser: Was wären denn solche gewesen?
Dass für den Einmarsch in den Irak Terrorismusbekämpfung und WMD nicht die einzigen guten Gründe waren, hat Pearl ja in Vanity Fair ausführlich ausgeplaudert. Wenn aber Terrorismusbekämpfung nicht die oberste Priorität ist, braucht man sich über strategische Defizite auch keine Gedanken machen, vielleicht war die Strategie für die anderen Ziele ja durchaus sinnvoll…
Nun, es ist sehr wichtig, dass man auch in einem Krieg ständig überprüft, ob die weitere Kriegsführung Sinn macht.
Die US-Armee und vermutlich auch europäische Armeen haben mittlerweile ganz gut verstanden, worauf es bei solchen Missionen vom Einmarsch bis zur Stabilisierung ankommt. Das Problem sind derzeit zivile Institutionen.
Es ist absolut verwunderlich, dass bspw. die EU keine Organisation aufbaut, die für State-Building zuständig ist. Stattdessen immer wieder adhoc-Missionen, immer wieder Wissensverlust, immer wieder Probleme genügend Polizisten aufzutreiben, etc.. Das müsste nicht sein.
Nehmen wir also mal an, es gelingt, die Kapazitäten für solche Missionen zu schaffen. Sollte man dann nicht nach AFG und Irak (2020+) doch ernsthaft abwägen, ob bestimmte Grade von Anarchie oder Menschenrechtsverltzungen unterbunden werden sollten? Ich habe bspw. immer noch kein überzeugendes Alternativ-Konzept für den Umgang mit AFG nach 9/11 gehört.
Meines Erachtens sollte man sich besser auch solche Einsätze vorbereiten, gerade im zivilen Bereich. Denn sie werden immer mal wieder notwendig sein. Die Vietnam-Lektion (“sowas machen wir nie wieder, also vergesst was wir gelernt haben.”) war falsch, begehen wir den Fehler doch nicht noch mal.