Kategorie | Beiträge

Innere Führung: Herausforderung durch die Einsatzrealität

Wir stehen der “Inneren Führung” der Bundeswehr in Teilen kritisch gegenüber, weil sie sich in ihrer gegenwärtigen Fassung unserer Ansicht nach zu wenig an den Herausforderungen der Gegenwart orientiert und soldatische Werte wie Tapferkeit, Kameradschaft und Disziplin nur nebenbei und dann auf einer Augenhöhe mit dem Umweltschutz behandelt (Punkt 507). “Ehrenhaftes Verhalten” wird zwar erwähnt, ohne dies aber näher zu definieren.

In einem aktuellen Beitrag des “Stern” äußern sich drei der vier Träger des “Ehrenkreuzes der Bundeswehr für Tapferkeit” auch zu einigen Fragen der Inneren Führung. Hauptfeldwebel Alexander Dietzen erklärt z.B., was die Soldaten zu ihrer besonderen Leistung motivierte:

Wie sie es geschafft haben, die Gefahr für ihr Leben auszublenden, wüssten sie nicht mehr, sagen die Soldaten. “Wir dachten einfach”, erinnert sich Dietzen, “wir können unseren Kameraden nicht da liegen lassen”.

Eine deutliche Botschaft haben die Ehrenkreuzträger auch an jene Stimmen der deutschen Diskussion, die ihren Fluchtreflex nur mangelhaft unter Kontrolle haben:

Jeder, der rufe “Raus aus Afghanistan”, biete “nur Futter für die Jungs, die uns dort angreifen”.

Und:

Während die US-Amerikaner zu ihren Truppen stünden, klagt Lukács, seien die eigenen Landsleute nur dann patriotisch, “wenn Deutschland Fußball spielt”.

Das Konzept der “Innere Führung” will u.a. verhindern, dass wie in der Reichswehr der 20er Jahre eine Kluft zwischen den Streitkräften und dem Rest der Gesellschaft entsteht. Die gegenwärtigen Bedingungen und Herausforderungen jedoch sind nicht mit denen der 20er Jahre zu vergleichen, und die gegenwärtig vorhandene (noch weitgehend unproblematische) Kluft zwischen Bundeswehr dem Rest der Gesellschaft ist eine Folge von Faktoren, welche die Bundeswehr kaum kontrollieren kann.

Soldaten wie die vier ausgezeichneten Fallschirmjäger müssen zunehmend eine Realität bewältigen, welche der Großteil der Bevölkerung nicht kennt und nicht versteht. Die Werte, welche ihnen die Bewältigung dieser Realität ermöglichen, unterscheiden sich in logischer Konsequenz von denen des Rests des Gesellschaft. Eine Herausforderung von Innerer Führung besteht darin, diese Werte anzuerkennen und Rekruten zu vermitteln, die aus einer Gesellschaft kommen, der diese Werte fremd geworden sind. Die Vorbildfunktion der Ehrenkreuzträger für Tapferkeit bietet sich in diesem Zusammenhang zur Wertevermittlung an.

20 Responses to “Innere Führung: Herausforderung durch die Einsatzrealität”

  1. Brutus sagt:

    Nachtrag: wer sein soldatisches Selbstverständnis aus einer ZDv ableitet sollte sich einen anderen Beruf (Soldat sein ist eigentliche eine Berufung) suchen. Als Reservist (vulgo: Zivilist) darf ich das ja sagen.

    • Georg sagt:

      Dann scheint der Herr Reservist die gesellschaftliche Realität zu ignorieren.
      Der weitaus überwiegende Teil der Bw-Soldaten sieht die Tätigkeit und den Beruf des Soldaten als fordernde, interessante Laufbahn mit guten Ausbildungsmöglichkeiten, eine Möglichkeit seinen Lebensunterhalt und den seiner Familie zu verdienen und dabei der Bundesrepublik Deutschland einen Dienst zu erweisen.

      Das hier in diesem Blog öfters geforderte Leitbild des “Kämpfers”, außerhalb der zivilgesellschaftlichen Normen und Wertvorstellungen kommt sicherlich deutlich weniger oft vor und wenn hält es höchstwahrscheinlich nicht ein Berufsleben lang an.
      Menschen durchlaufen beim Älterwerden vom 20-Jährigen zum 60-Jährigen unterschiedliche Weltbilder und Selbstidentitäten.

      Insofern sollte jeder Soldat sein Weltbild erstmal von der ZDV 10/1 Innere Führung ableiten. Der Kämpfer außerhalb der Zivilgesellschaft der mit dem Kampfmesser im Mund sich durchs Unterholz anrobbt und sich aus Heldentum für die Gesellschaft aufopfert ist sicherlich der Ausnahmefall.

      • Brutus sagt:

        Die Bw “verkauft” sich auf dem Arbeitsmarkt als normaler Arbeitgeber, sicher mit einer Prise Abenteuer. Ich glaube kaum, daß das treue Dienen eine Motivation für die meisten ist. Oftmals ist es leider Mangel an Alternativen oder Perspektiven. Der Anteil mitteldeutscher SaZ / FWDL spricht für sich.

        Die Motivation läßt über die Jahre leider auch sehr stark nach. Ich habe während einer längeren WÜ mit einigen Offz. SaZ 12 gesprochen, und von denen wollte keiner (!) BS werden obwohl man dies ihnen nahegebracht hat. Das spricht schon für sich und läßt tief blicken. Das Hauptargument war “Familie” bzw. Familienleben. Soweit zum “Kämpfer”.

        Übrigens wird der Soldat durch seinen Diensteid (Gelöbnis) indirekt zur “Selbstaufopferung” verpflichtet, unabhängig vom Dienstposten.

        • Georg sagt:

          @ Brutus
          Zum ersten Absatz kann ich volle Zustimmung signalisieren.
          Motto: “Lieber SaZ 4 als Hartz IV”

          Warum wollen denn so wenige Offiziere BS werden ?

          Familie ja verständlich, aber genauso oft kommt das Argument: ich will meine Laufbahn selbst bestimmen, gesellschaftliche Anerkennung, weniger Umzüge, ich will mir die Jobs selber raussuchen können, schlicht und einfach meinen beruflichen Werdegang, örtlich und zeitlich nach Möglichkeit selbst bestimmen. Für die personalführenden Stellen von Offizieren hingegen ist der “Junggeselle mit eigenem Wohnmobil” immer noch der ideale Kandidat und dementsprechend handeln sie.

          Bei den Unteroffizieren verfährt die Bw in seiner Binnenwerbung nach dem Motto: “Attraktiv muss sie nur sein, für den der noch nicht unterschrieben hat”, also HptFw nach 9 Jahren als SaZ 12 und danach als BS das große Loch bis zum StFw mit 40 Jahren, dazwischen noch 3 Versetzungen, davon 2 erzwungen wegen Auflösung des Verbandes und 5 Auslandseinsätze.
          Ist es verkehrt, wenn die Soldaten sich auch um ihre Familie kümmern wollen und nicht nur um ihren Auftrag ? Oder sollten die “Kämpfer” am Besten ganz auf eine Familie verzichten, damit sie sich voll und ganz auf das Leben in der soldatischen Gemeinschaft und im Felde konzentrieren können ?
          Manche Soldaten machen sich diese Gedanken ernsthaft und überlegen BS oder Familie !

          Kein Bw-Soldat wird zur “Selbstaufopferung” verpflichtet, weder direkt noch indirekt ! Soldaten müssen ihren Auftrag tapfer erfüllen, also ggf. auch unter Risiko für Leib und Leben.

          Mit “Selbsaufopferung” und Verzicht auf Familie ist mir ihre Vorstellung des Soldatenberufes zu nah am Beruf eines katholischen Pfarres dran und damit an einer theologischen Verklärung des Status “Soldat”.

  2. Brutus sagt:

    Die Wehrmacht wurde nicht (!) als “verbrecherische Organisation” eingestuft. Davon ab haben andere Staaten (bzw. deren Militär) eine deutlich unverkrampftere Haltung zu Wehrmacht und zu SS, zu Studien- und Vergleichszwecken.

    Auch waren Angriffskriege völkerrechtlich durchaus zulässig – das sind sie heute wohl auch noch bzw. schweigt man darüber meist still.

    • Georg sagt:

      Da steht aber im GG was anderes über die Vorbereitung von Angriffskriegen. Also zumindenstens für Deutsche und Deutschland sind sie verboten.

      Ob die Wehrmacht von irgendeiner Begutachtungsstelle als “verbrecherische Organsation” eingestuft wurde oder nicht sei dahingestellt. De facto war sie eine “verbrecherische Organisation”, weil sie nach heutiger Auffassung im großen Stil und Umfang Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hat. Also bei heutiger Rechtslage und gesellschaftlichen Normverständnis ein Fall für den internationalen Strafgerichtshof in Den Haag.

  3. SiPol sagt:

    P.S. Die 507 führt zunächst einige traditionelle soldatische Tugenden auf und erwähnt dann den Umweltschutz. Auch wenn dieser nicht in der Aufzählung der Tugenden enthalten ist, so ist er doch Teil der Ziffer, welche sich ansonsten ausschließlich mit den Tugenden beschäftigt. Für mich entsteht der Eindruck, als wolle man diese Tugenden damit relativieren bzw. den Umweltschutz zu einer solchen erklären.

    • Georg sagt:

      Dann schauen wir uns doch mal die Ziffer 507 der ZDV 10/1 an.

      “507. Sie müssen auch in extremen Situationen in kürzester Zeit
      unterschiedlichen Rollen gerecht werden. Dies erfordert
      unter anderem eine ausgeprägte ethische Kompetenz.
      Richtschnur dafür ist ein soldatischer Wertekanon, der von
      den Grundsätzen der Inneren Führung abgeleitet ist:
      Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr sind überzeugt
      von den Werten und Normen des Grundgesetzes. In diesem
      Sinne sind sie
      – tapfer,
      – treu und gewissenhaft,
      – kameradschaftlich und fürsorglich,
      – diszipliniert,
      – fachlich befähigt und lernwillig,
      – wahrhaftig gegenüber sich und anderen,
      – gerecht, tolerant und aufgeschlossen gegenüber anderen
      Kulturen und
      – moralisch urteilsfähig.
      Dies ist ständiger Anspruch an alle Soldatinnen und Soldaten
      der Bundeswehr, in besonderer Weise an alle Vorgesetzten,
      die durch ihr Vorbild die Streitkräfte prägen. Sie
      gehen darüber hinaus achtsam mit der Umwelt und den
      bereitgestellten Ressourcen um.”

      Beim ersten Lesen habe ich den letzten Satz gar nicht bewusst wahrgenommen. Achtsam mit bereitgestellten Ressurcen umzugehen, heißt auch mit dem Material und den Haushaltsmittel sorgsam umzugehen und darüber hinaus sind Bw-Soldaten keine Umweltverschmutzer, also keine “Depleted-Uranium” Panzermunition, die dann die Umwelt in den Übungsgebieten belastet.
      Also, ich kann mit diesem Nachsatz, den irgendjemand den Tugenden und Anforderungen an den Bw-Soldaten angefügt hat, gut leben, würde ihn aber nicht als Kernpunkt oder als gleichwertiges Ziel von soldatischen Tugenden bezeichnen.

      • GB sagt:

        Ich finde es interessant, daß der wichtigste Grund für einen Soldaten sui generis überhaupt noch nicht genannt worden ist.
        Er stellt auch gleichzeitig die klare Grenze zu Feuerwehr, Polizei und Rettungsdiensten dar.

        Der Soldat tötet auf ( politischen ) Befehl zum Zwecke der Auftragserfüllung, daß an sich und die Folgen sind kein Unfall (Feuerwehr / Rettungsdienste ) und auch keine Notwehr/Nothilfe ( Polizei ). Dies reicht völlig aus um eine eigenständige Geisteshaltung/Kultur zu begründen ( es ist schließlich auch der Grund für Wehrpflicht/Dienstverhältnis des Soldaten ).

        • 272 sagt:

          So ist es! Aber die Dienstvorschrift erwähnt das Töten mit keinem Wort. Welche Antworten gibt sie dem Soldaten, der im Einsatz etwas tun muß, was in der Heimat ein Tabu ist (und sein muß)? Was sagt sie zu Kampf und Tod? Unangenehme Themen, ja, aber wenn die von der Politik verordnete Innere Führung diese Antworten nicht gibt, dann suchen Soldaten sich diese wo anders. In der Fallschirmjägertruppe finden viele diese Antworten in Wehrmachtstraditionen (“Ja, wir greifen immer an/Fallschirmjäger gehen ran/Sind bereit, zu wagen!”).

          • Georg sagt:

            Na Herr 272 (Jägerbataillon 272 ?),

            meiner Auffassung nach gehen Sie hier mir ihrer Aussage zu weit. Wegen den Wehrmachtstraditonen des Kommandeurs der LL/LTS in Altenstadt ist dieser zurecht abgelöst worden (war uneinsichtig, trotz Aufforderung seine Position zu überdenken). Wenn die Fallschirmjäger auf Geisteshaltung der Fallschirmjäger der Wehrmacht zurückgreifen ist dies nicht tolerabel. Wir reden hier nicht über militärische Vorbilder, die als Soldat ihren Dienst besonders vorbildlich geleistet haben, sondern über Soldaten die einer per se “verbrecherischen Organisation” angehörten, auch wenn der einzelne Wehrmachtsoldat dies so nicht empfunden hat.

          • 272 sagt:

            Es gab mal ein Fallschirmpanzerabwehrbataillon 272 in Wildeshausen…

            Wenn befohlen ist, daß die Wehrmacht nicht traditionswürdig ist, dann muß dieser Befehl befolgt werden.

            Per Dekret kann man aber nicht verhindern, daß junge Soldaten dennoch Vorbilder und Orientierung brauchen, die ihnen die Innere Führung nicht immer zur Verfügung stellt. Manche Soldaten sind mangels historischer Kenntnisse und Urteilsvermögen jedoch bei der Auswahl von Vorbildern überfordert.

  4. Georg sagt:

    Was mich an ihrem Artikel beunruhigt, sind die Zwischentöne im letzten Absatz.

    “Soldaten wie die vier ausgezeichneten Fallschirmjäger müssen zunehmend eine Realität bewältigen, welche der Großteil der Bevölkerung nicht kennt und nicht versteht. Die Werte, welche ihnen die Bewältigung dieser Realität ermöglichen, unterscheiden sich in logischer Konsequenz von denen des Rests des Gesellschaft. Eine Herausforderung von Innerer Führung besteht darin, diese Werte anzuerkennen und Rekruten zu vermitteln, die aus einer Gesellschaft kommen, der diese Werte fremd geworden sind. Die Vorbildfunktion der Ehrenkreuzträger für Tapferkeit bietet sich in diesem Zusammenhang zur Wertevermittlung an.”

    Extreme psychische Belastungen treffen auch Feuerwehrleute, Polizisten und Notfallseelsorger, insbesondere bei schweren Verkehrsunfällen mit vielen Toten.
    Sicherlich Mut, Tapferkeit und event. Opferbereitschaft zur Rettung von Kameraden sind für Soldaten im Kampfeinsatz ein wesentliches Element. Aber gelten sie für Feuerwehrleute im Einsatz nicht auch ?
    Polizisten, die zu einer Gewalttat zur Hilfe gerufen werden, wissen auch oftmals nicht was auf sie zukommt im Einsatz unter Bedrohung ihres Lebens.
    Unterscheiden sich für sie diese Werte, welche ihnen die Bewältigung dieser Realität ermöglichen ebenfalls in logischer Konsequenz von denen des Rests der Gesellschaft ?

    Die Gesellschaft soll die Soldaten im Einsatz unterstützen, das Parlament soll “die politisch formulierten Ziele der Regierung hinterfragen und deren Erreichbarkeit überwachen; im Fall Afghanistan steht das noch immer aus” (Prof. Dr. Walther Stützle).

    Die Innere Führung soll den Status des Soldaten soweit es geht in das bürgerliche Leben integrieren, also gerade eben nicht “Blut, Schweiß und Tränen – Mentalität” verbreiten.
    Soldaten haben ein Risiko bei ihrem Auftrag ihr Leben zu verlieren – wie andere Berufsgruppen auch. Die Innere Führung möchte eben gerade nicht eine “Sui generis”-Diskussion für das Berufsbild des Soldaten.

    • 272 sagt:

      Feuerwehr, Polizei und Rettungsanitäter riskieren ähnlich wie Soldaten ihr Leben und sind in Deutschland oft noch mehr mit dem Tod konfrontiert. Im Friedensdienst können Soldaten wahrscheinlich mehr Staatsbürger sein als andere der oben genannten Berufsgruppen, ohne daß daraus Probleme entstehen. Man fängt morgens an, versieht seinen Dienst und kann damit Rechnen, abends wieder zu Hause zu sein. Innere Führung hat unter den Bedingungen lange gut funktioniert.

      Im Einsatz aber sind Soldaten theoretisch über lange Zeiträume ständig kaum berechenbaren Gefahren, Belastungen und Entbehrungen ausgesetzt, und es entstehen Fragen nach dem Sinn, die mit abstrakten und unverbindlichen FDGO-Bezügen nicht mehr beantwortet werden können. In solchen Situationen greifen erfahrungsgemäß sehr archaische Mechanismen menschlichen Zusammenlebens beziehungsweise archaische psychologische Prozesse, und die Motivatoren, die es ermöglichen das eigene Leben ständig aufs Spiel zu setzen, müssen besonderer Art sein.

      Die Kameraden beschreiben es im Artikel beim Stern. Kameradschaft, Ehre (nicht ausgesprochen, aber präsent in den Worten des Hauptfeldwebels), Tapferkeit, Disziplin, Patriotismus. Das sind nur fünf der Tugenden die man verinnerlich haben muß, wenn man in solchen Situationen bestehen will.

      Beim einfachen Staatsbürger kann man diese Tugenden nicht vorausetzen, weil dies a) unangemessen wäre (im Zivilleben braucht man zum Glück nur selten Tapfer zu sein, und Patriotismus ist keine Pflicht) und b) ein kaum zu rechtfertigender Eingriff in die persönliche Freiheit, der auch von der Bevölkerung nicht akzeptiert würde.

      Solange man die Gesellschaft in Deutschland nicht militarisieren will, sollte man die Trennlinie zwischen Staatsbürgern und Soldaten akzeptieren. Eine Armee im Einsatz wäre eine Freiwilligenarmee, die sich aus einer Elite zusammensetzt, welche die besonderen soldatischen Tugenden achtet, verkörpert und pflegt. Die Kampfeinheiten aller demokratischen Staaten tun dies, meist verbunden mit in Deutschland ebenfalls verpöntem Korpsgeist und Traditionsbewusstsein, und noch nirgendwo entstand daraus die hierzulande bei leisen Zweifeln an der InFü stets heraufbeschworene Gefahr für die Demokratie.

      Die “Sui generis”-Frage wurde doch nicht wirklich beantwortet und steht mit dem Verweis auf die Vergangenheit abgebügelt. In Afghanistan taucht sie jetzt wieder auf, wenn man sich Entwicklungen in den verschiedenen von deutschen Bataillonen gestellten QRF so anschaut. Der aktuelle Kommandeur provoziert in dieser Hinsicht sehr bewusst und verwendet Begriffe bzw. eine Sprache, bei denen manche noch vor zehn Jahren blaß geworden wären.

    • SiPol sagt:

      Auch Polizei oder Feuerwehr verfügen in Ansätzen tatsächlich über eine eigene Kultur, die sie vom Rest der Gesellschaft unterscheidet. Warum dies bei Streitkräften im Einsatz noch viel mehr der Fall ist, hat “272″ ja schon angedeutet. Soldat ist seit den 90er Jahren eben kein “Beruf wie jeder andere” mehr. Die “Innere Führung” hinkt dieser Entwicklung meiner Ansicht nach hinterher.

      Die Formulierung “Blut, Schweiß und Tränen” habe ich zwar nicht verwendet, aber sie steht in einer guten freiheitlichen Tradition und wurde von Winston Churchill zur Motivation und moralischen Stärkung der Menschen in einer Extremsituation genutzt, welche der von Soldaten im Einsatz ähnelt. Was beunruhigt Sie daran? “Blut, Schweiß und Tränen” dürfte der Realität eines Kampfeinsatzes näherkommen als der Verweis auf den Umweltschutz als soldatischer Tugend in der aktuellen Dienstvorschrift.

      Mülltrennung kann aktuell nur deshalb einer der Schwerpunkte der Bundeswehr im Einsatz sein, weil man die tatsächliche Einsatzrealität noch nicht erlebt hat. Auch Kunduz ist nur ein relativ harmloses Abbild dessen, was im Süden und Osten Afghanistans die Regel ist. Würde das Soldatenbild “ein Beruf wie jeder andere” dort überleben? Ich glaube nicht.

      • Georg sagt:

        @ 272

        Ich geben Ihnen Recht, im Einsatz zählen andere Werte, als die in der Kampfsituation sehr abstrakten Werte der FDGO, bzw. des GG. In einem Zug, in einer Gruppe im Felde unter Gefechtsbedingungen kann ich diese archaischen Werte schon nachvollziehen, von denen sie sprechen.

        Problematisch wird es jedoch bei der Aussage:
        “Solange man die Gesellschaft in Deutschland nicht militarisieren will, sollte man die Trennlinie zwischen Staatsbürgern und Soldaten akzeptieren.”
        Das bedeutet in der weiteren Argumentation, dass für den Soldaten im Einsatz der Status “Staatsbürger in Uniform” nicht mehr gelten soll, mithin sollen für ihn Teile der Inneren Führung nicht mehr gelten. Dies ist aus meiner Sicht nicht hinnehmbar. Wenn der Soldat im Einsatz seinen Auftrag nicht mehr für die Bundesrepublik Deutschland leistet, für das deutsche Volk, dessen Teil er ist, dann ist der Söldnermentatalität Tür und Tor geöffnet, nach dem Motto. “Gib mir mir einen Auftrag, bezahl mich ordentlich und ich erledige ihn für dich, egal was er beinhaltet.”

        @ SiPol

        Der eventuelle Schritt von “Blut, Schweiß und Tränen” zu “Blut und Ehre für das deutsche Volk” ist mir einfach zu kurz !
        In der von ihnen zitierten ZDV 10/1 Ziff. 507 habe ich übrigens nichts über Umweltschutz als soldatische Tugend gefunden ( ? )
        Die Geschichte mit Mülltrennung im Kosovo und Bosnien ist wohl dem Lagerkoller von manchen Stabsoffizieren geschuldet, genauso wie die Geschwindigkeitskontrollen und die drakonischen Disziplinarbußen, die bei Überschreitung verhängt wurden, genau wie die zivile Seite der Bw ( § 87b GG) wohl weitere Merkwürdigkeiten ins Lagerleben gebracht hat.

        Die “Sui Generis”-Bemerkung ist bei beiden Kommentaren meiner Meinung nach falsch gestellt. Die Frage lautet doch nicht, ob der Soldatenberuf ein Beruf wie jeder andere ist (natürlich ist er dies nicht, aus den auch oben erwähnten Punkten), sondern die Frage muss doch lauten, ist der Soldatenberuf so unvergleichbar mit jeden anderen Beruf der existiert, dass er eine Klasse für sich ist.

        Meiner Meinung nach ist er das nicht, auch mit der Rückbindung an das Konzept der Inneren Führung, an den “Staatsbürger in Uniform”.

        • SiPol sagt:

          Sie haben “Blut, Schweiß und Tränen” in die Diskussion eingebracht. Ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass die Formulierung in einer guten Tradition steht.

          Ich meine, dass man in Deutschland mit bestimmten Sensibilitäten nicht weiterkommt. Bei jedem militärischen Thema wird man sprachliche oder symbolische Parallelen zur Vergangenheit ziehen können, eben weil Deutschland zur NS-Zeit das letzte Mal Krieg geführt hat. Das Churchill-Zitat zeigt doch gerade, dass diese konstruierten Parallelen häufig nur oberflächlich sind.

          Martialisch anmutende Begriffe und Symbole sind kein Kennzeichen des NS, sondern kennzeichnen alle Gesellschaften und politischen Systeme, die militärischen Herausforderungen gegenüberstehen. Ich würde mir wünschen, dass man sich in Deutschland nicht so sehr mit diesen Oberflächlichkeiten aufhält. Ich erinnere an die Hysterie, nachdem eine 2006 eine Palme auf einem Bundeswehrfahrzeug entdeckt worden war, die entfernt dem Zeichen des Afrikakorps ähnelte.

          Diese Form der fehlgeleiteten (weil oberflächlichen) Vergangenheitsbewältigung führt dazu, dass in Kunduz keine Artillerie eingesetzt wird (weil “zu martialistisch”) und die Aufständischen ihre Raketen weitgehend ohne Risiko einsetzen können. Der Demokratie in Deutschland hilft man mit solchen Sensibilitäten ebensowenig wie der Erfüllung des Auftrags in Afghanistan. Hier muss ich auch mal Thomas Wiegold kritisieren, der die Verwendung des Begriffs “Höhe 431″ irgendwie heikel fand: http://wiegold.focus.de/augen_geradeaus/2009/07/operation-oqab-bilder-der-bundeswehr-im-gefecht-.html

          Heikel ist die reale Stärke von Links- und Rechtsextremisten in Deutschland. Wer sich für Demokratie engagieren will, findet hier ein sinnvolles Betätigungsfeld. Die Skandalisierung sachgerechter militärischer Begriffe bzw. Diskurse ist in diesem Zusammenhang ein Scheingefecht, das von realen Problemen ablenkt.

          • Georg sagt:

            Zu ihrem letzten Kommentar kann ich weitgehende Übereinstimmung signalisieren.

            Ich sehe ebenfalls, dass Deutschland extrem empfindlich auf militärischtypische Verhaltensweisen, Sprache und Tradition reagiert. Bis zu einem gewissen Teil muss man dies auch zugestehen, weil zwei Weltkriege sind durch den starken Militarismus der in Deutschland herrschte mit ausgelöst worden. Dies darf aber nicht dazu führen, das man fast 64 Jahre danach immer noch alles Militärische ablehnt und keine entsprechende Sicherheitsvorsorge für die Bevölkerung schafft. Wobei allerdings auch klar ist, das die Wehrmacht kein Traditionsverständnis bei der Bw begründen kann (siehe auch ZDV 10/1). Insofern sehe ich “Höhe 431″ als neutralen, militärtypischen Begriff, die Palme des Afrikakorps ist da schon problematischer, weil die Soldaten, die es in Oman (wenn ich mich recht erinnere, ABC-Abwehrkompanie) auf ihr Fahrzeug geprüht haben, natürlich an das Traditionsverständnis vom deutschen Afrikakorps von Rommel anknüpfen wollten.

            Wogegen ich mich in meinem Verständnis jedoch vehement wehre, sind die Anfänge den Bw-Soldaten im Einsatz Teile der Inneren Führung abzusprechen, weil es den Einsatz “behindere”, im internationalen Rahmen nicht machbar sei, der Einsatz weniger effektiv sei, der Zusammenhalt in der kleinen Kampfgruppe andere Werte erfordere und so weiter. Solange unsere Soldaten im Namen unseres Volkes im Einsatz sind, muss die Integration der Soldaten in die zivile Gesellschaft voll und ganz erhalten bleiben. Nicht wegen irgendwelcher “Staat im Staat”-Phantasien und Ängste, sondern wegen der unmittelbaren Teilhabe einer Gesellschaft an ihren Soldaten. Als andere läuft auf ein Dienstleistungsunternehmen mit Waffenspezialisten hinaus, das auch den Namen “Blackwater” statt “Bundeswehr” tragen könnte.

          • SiPol sagt:

            Ich würde bei meiner Kritik persönlich auch nicht so weit gehen wie “272″ (nomen est omen?). Bei Ihrem letzten Beitrag sind wir uns völlig einig.

            Ich versuche es aber nochmal mit einer anderen Richtung der Kritik, in der Hoffnung, Sie nicht zu langweilen oder zu ermüden.

            Die ZDv 10/1 setzt dem von Ihnen zu Recht kritisierten Bild des “Dienstleistungsunternehmen mit Waffenspezialisten” das Soldatenbild des Verteidigungsbürokraten gegenüber und nicht einen selbstbewussten Verteidiger des freiesten und wohlhabendsten Staates der deutschen Geschichte. Ich finde die ZDv 10/1 uninspirierend, schwach, rückwärtsgewandt und wenig relevant für die Gegenwart. Der Inhalt bezieht sich doch mit Masse immer noch auf die NS-Zeit als negativem Gegenpol. Meine persönliche Motivation habe ich darin nie wiedergefunden. Ich finde die FDGO nicht nur als Gegenpol zur NS-Zeit verteidigenswert, sondern wegen ihrer eigenen Stärken. Deutschland wäre in seiner gegenwärtigen Verfassung m.E. auch dann verteidigenswert, wenn es die NS-Zeit nie gegeben hätte. Ich verstehe, dass die ehemaligen Wehrmachtsoffiziere, auf die sich die Bundeswehr gegründet hat, damals einige Fragen zu ihrer Rechtfertigung beantworten mussten, nur betrifft das keinen einzigen aktiven Soldaten der Bundeswehr mehr.

            Die ZDv wird zudem m.E. von einem Generalverdacht gegen Soldaten durchzogen, die neben Verteidigern der FDGO auch professionelle Kämpfer sein wollen. Dazu habe ich ein interessantes Zitat von General Gerd Schmückle (geäußert Anfang der 90er) gefunden, der ganz den Geist der alten Bundeswehr widergibt: “Etwas anderes dagegen sollte tatsächlich Unbehagen bereiten: nämlich die Sprache mancher Militärs. Sie ist markig geworden [...] . Da werden Selbstverständlichkeiten wie “gefechtsnahe Ausbildung” oder “Kampffähigkeit” zum Posaunenton. Da ist mit solchem Aplomb vom “Kämpfen” die Rede, daß man sich fragt, was dahinter steckt. Es sieht fast so aus, als sollte die Idee der Kriegsverhinderung weg- und verlogene Kriegspathetik hergeredet werden.”
            http://www.linksnet.de/de/artikel/19017

            Die Zeiten haben sich nun einmal geändert, und was General Schmückle damals verdrängen wollte, ist mittlerweile Realität. Die alte Bundeswehr hing der Idee an, sich auf den Kampf vorzubereiten um niemals kämpfen zu müssen, aber die neue Bundeswehr muss auch kämpfen um ihren Auftrag zu erfüllen. General Hans-Otto Budde brachte das mit den Worten zum Ausdruck: “Wir brauchen den archaischen Kämpfer und den, der den High-Tech-Krieg führen kann.” In der ZDv kommt das aber kaum zum Ausdruck.

            Ich würde mir ein stärkeres und selbstbewussteres Selbstbild der Bundeswehr wünschen, welches aktiven Stolz auf die Leistungen der Bundesrepublik und der FDGO mit dem Bewusstsein verbindet, dass die Verteidigung dieser Leistungen und Errungenschaften professionelle Kämpfer verlangt, die allen potentiellen Gegnern an soldatischer Leistungsfähigkeit überlegen sein müssen. Es ging mir in meiner Kritik nicht darum, Soldaten staatsbürgerliche Rechte abzuerkennen, sondern die zuletzt von mir genannten Aspekte stärker zum Ausdruck zu bringen.

          • Georg sagt:

            Professionelle Kämpfer und Verteidiger der FDGO sollten kein Widerspruch sein, oder ?

            Ansonsten gebe ich Ihnen Recht, die Evolution der deutschen Politik bezüglich des Streitkräfteeinsatzes steht noch bei den Stabilisierungsmissionen nach Kapitel VI der UN-Charta und ist noch nicht bei bei Kapitel VII-Einsätzen, also friedenserzwingenden Einsätzen mit militärischen Mitteln angelangt. Als Konzept, als Auftrag für die Bw ist dies aber bereits 1990-1994 bei der ersten Neuordnung der Bw nach dem Ende des Kalten Krieges formuliert worden.
            Im Abstand von knapp 20 Jahren sieht man auch wie weltfremd das Schmückle-Zitat heute wirkt.

            Ihre Schlussfolgerung im letzten Absatz kann ich nur zustimmen. Das stärkere und selbstbewußtere Selbstbild der Bw wünsche ich mir nicht für die Soldaten selbst, sondern auch für die Verbindung, die Unterstützung durch die Bevölkerung und vor allem für die Einschätzung, die Wahrnehmung der Bw durch die überwiegende Mehrheit der deutschen Politiker.

Trackbacks/Pingbacks


Leave a Reply