Die meist gut über Entwicklungen im Norden Afghanistans informierte chinesische Nachrichtenagentur Xinhua meldet unter Berufung auf die ANA, dass der Schattengouverneur der Taliban in der Provinz Kunduz, Mullah Salam, bei einer Operation von ISAF und afghanischen Sicherheitskräften getötet worden sei (Danke an pi für den Hinweis).
Aus der Nichterwähnung der Aktion durch die Bundeswehr kann man noch keine Schlußfolgerung über die auf deutscher Seite möglicherweise involvierten Kräfte ziehen. Sollte sich die Meldung aber von anderer Seite bestätigen und die Bundeswehr sich weiterhin nicht äußern, wären Schlußfolgerungen möglich.
Die Taliban erwähnen in ihrer Propaganda eine gestern im Distrikt Chahar Darreh durchgeführte Operation und verbreiten ansonsten nur ihre üblichen Übertreibungen über die angeblich zahlreich getöteten deutschen Soldaten.
In der Provinz Kunduz hat sich die Bedrohungslage in den vergangenen Wochen u.a. wegen der Tötung zahlreicher Kämpfer der Taliban durch den Luftangriff Anfang September sowie Erfolge afghanischer Milizen verbessert. Die Tötung eines Schattengouverneurs zieht manchmal eine vorübergehende Reduzierung der Aktivitäten der Aufständischen nach sich, bis ein Nachfolger gefunden ist. In einigen Fällen kam es zu Streitigkeiten um die Nachfolge welche die Aufständischen lokal schwäche, während in anderen Fällen Kämpfer zur Aufgabe bewegt werden konnten. Der Tod eines Schattengouverneurs kann zudem allgemeine psychologische Wirkung entfalten und die positive Dynamik stärken, die zuletzt in der Provinz zu beobachten war. Allerdings ist der Name Mullah Salam so häufig, dass Verwechslungen möglich sind, und der Schattengouverneur der Provinz Kunduz wurde bereits in der Vergangenheit irrtümlich für tot erklärt.
Nachtrag: Leser “turan saheb” weist auf eine Meldung hin, derzufolge Mullah Salam verwundet und sein Stellvertreter getötet worden sei.



Die FAZ heute ganz prominent mit dem Thema: “Mit den Mudschahedin gegen die Taliban”
Der Bericht von Friederike Böge lässt mich ratlos zurück. Ist die Bundeswehr noch “Owner of the Battlefield”?
http://www.faz.net/s/RubDDBDABB9457A437BAA85A49C26FB23A0/Doc~E40D9073C0F9A42ADB79D1787BD20C1BF~ATpl~Ecommon~Scontent.html?rss_googlenews
pi
Die Milizen werden auch im DW-Artikel prominent erwähnt, abgesehen davon dass der Gouverneur ständig vom “Volk” spricht, aber das tun alle Afghanen, egal wo sie stehen. Dass solche Milizen zweischneidig sind stimmt mit Sicherheit, vielleicht noch entscheidender ist aber, dass lokale Unterstützung gegen die TB in der Regel nur genau einmal eingesetzt werden kann. Sollten die TB es schaffen, erneut die Gegenden zu infiltrieren und eine nennenswerte Anzahl “Kollaborateure” auch nur systematisch zu belästigen, dürfte diese Chance auf Dauer vertan sein. Darum denke ich, dass die Zweischneidigkeit der Milizen und lokalen Kommandeure das deutlich kleinere Übel ist und ISAF gut beraten ist, mit genau diesen Milizen und alten Kommandeuren (“Warlords”) zusammenzuarbeiten. Wenn dabei Möglichkeiten gefunden werden, das Potential für Machtmissbrauch gegenüber der Bevölkerung einzudämmen – um so besser. Nur (da wären wir wieder beim “Lehren aus Helmand”-post von heute) dürfte die Bundeswehr da kaum eine Rolle spielen, da das nun definitiv nicht aus einem Feldlager mit gelegentlichen Patrouillen sondern nur dauerhaft vor Ort mit gelegentlichem Nachschub aus dem Feldlager geht.
@turan saheb:
Vielen Dank für die Infos. Ich kann afghanische Presse leider nur in Form von “BBC Monitoring” verfolgen, aber dort wurde zuletzt erwähnt, dass Milizen recht erfolgreich gewesen sein sollen. Qala-e-Zal wurde als einer der Distrikte erwähnt, in denen von ehemaligen Mujahiddin-Führern geleitete Milizen die Aufständischen entweder verdrängt oder doch zumindest stark geschwächt hätten. Mir ist allerdings bewusst, dass diese Milizen ein zweischneidiges Schwert sind.
Laut Gen Morad Ali Morad, dem Kdr des 209. Korps der ANA, wurde Mollah Salam nur verletzt und sein Stellvertreter getötet (http://www.roznews.com/index.php?page=da_news11). Die Operationen fanden übrigend in den Distrikten Gur Tappa und Char Darra statt (das letzte Mal, das M.S. als tot gemeldet wurde, war das in Qal’ah-ye Zal; http://www.pajhwok.com/viewstory.asp?lng=dar&id=80830).
Es wäre zwar mit Sicherheit nicht schade um Mollah Salam; wichtiger als seine Person ist aber mE als erster Schritt ohnehin, dass militärische Aktivitäten unternommen werden und der Feind in Bewegung gehalten wird um ihm so wenig wie möglich Kontrolle über so wenig wie möglich Bevölkerung zuzugestehen. Und da gab es endlich mal gute Nachrichten aus Nordafghanistan. Ich verlass mich immer ein bisschen lieber auf Nachrichten von afghanischen Journalisten, die definitiv einen anderen Zugang haben als ein Ausländer mit einem Sprachmittler (der zu 90 % in Pakistan Englisch gelernt hat). Die DW hatte vor zwei Wochen beispielsweise einen entsprechenden Bericht, dass in Kunduz die Lage sich tatsächlich verbessert hat (http://www.dw-world.de/dw/article/0,,4821916,00.html).