Seit einigen Wochen erzielen unter Führung ehemaliger Mujahiddin-Anführer stehende Milizen in der Provinz Kunduz zunehmend Erfolge gegen Aufständische. Wir hatten dies bislang nur kurz angesprochen,weil allgemein wenig darüber berichtet wurde.
Aus den Distrikten Qala-e-Zal und Khanabad sollen die Aufständischen mittlerweile praktisch vollständig verdrängt worden sein. Die FAZ erwähnt diese wichtige Entwicklung als erstes uns bekanntes deutsches Medium am Beispiel einer der Milizen, die unter der Führung von Mir Alam im Raum Khanabad operiert. Er wird offenbar von amerikanischen Spezialkräften unterstützt.
Der Bericht vo Friederike Böge ist wie üblich ausgezeichnet und zeigt auch die Probleme im Zusammenhang mit den Aktivitäten der Milizen auf: Diese sind (wie ihre Anführer) in der Bevölkerung nicht unbedingt beliebt. Die Anführer werden z.T. für den Bürgerkrieg und das damit verbundene Chaos verantwortlich gemacht, und die Milizen sollen z.T. Schutzgelder erpressen und ähnliche Aktivitäten dieser Art betreiben. Die Tatsache, dass der Einsatz der Milizen überhaupt notwendig ist, unterstreicht zudem die Schwäche des afghanischen Staates und der afghanischen Sicherheitkräfte. Zudem können die auf ethnischer Grundlage organisierten Milizen ethnische Spannungen zwischen Paschtunen und nicht-Paschtunen verstärken.
Afghanische Medien (leider nicht online bzw. uns nur als nicht-online Übersetzung vorliegend) berichten jedoch, dass die Aktivitäten der Milizen von der Bevölkerung überwiegend positiv aufgenommen würden und eine positive Dynamik erzeugt hätten. So hätten sich z.B. Bauern an einigen Orten kollektiv entschlossen, keine Schutzgelder mehr an die Aufständischen zu zahlen. Auch der Artikel von Friederike Böge erwähnt positive Resonanz.
Leser “turan saheb” schreibt:
Dass solche Milizen zweischneidig sind stimmt mit Sicherheit, vielleicht noch entscheidender ist aber, dass lokale Unterstützung gegen die TB in der Regel nur genau einmal eingesetzt werden kann. Sollten die TB es schaffen, erneut die Gegenden zu infiltrieren und eine nennenswerte Anzahl “Kollaborateure” auch nur systematisch zu belästigen, dürfte diese Chance auf Dauer vertan sein. Darum denke ich, dass die Zweischneidigkeit der Milizen und lokalen Kommandeure das deutlich kleinere Übel ist und ISAF gut beraten ist, mit genau diesen Milizen und alten Kommandeuren (”Warlords”) zusammenzuarbeiten. Wenn dabei Möglichkeiten gefunden werden, das Potential für Machtmissbrauch gegenüber der Bevölkerung einzudämmen – um so besser.
Nach der erfolgreichen Mobilisierung sunnitischer Milizen gegen Aufständische im Irak wurde die Möglichkeit der Übertragung dieses Modell auf Afghanistan auf amerikanischer Seite optimistisch gesehen. Vom “Afghan Public Protection Program” (AP3), einem Versuch der Aufstellung afghanischer Milizen unter Vermeidung bekannter Probleme, hörte man zuletzt aber relativ wenig. Die Meldung über Zusammenarbeit zwischen der Miliz Mir Alams und amerikanischen Spezialkräften deutet aber auf eine modifizierte Ausweitung auf den Norden hin. Von AP3 unterscheidet sich dieses Modell offenbar durch geringere Anstrengungen, die Miliz zentraler Kontrolle zu unterstellen. Es sind keine Details über zentralisierte Ausbildung, Uniformierung oder Kontrolle durch afghanische Behörden bekannt. Es besteht potentiell aber die Möglichkeit, die Milizen in staatliche Strukturen einzubinden. Frühere Versuche dieser Art in Form der Aufstellung der “Auxiliary Police” waren aber wenig erfolgreich.
Die Ablösung von ISAF-Kommandeur General McKiernan soll auch auf dessen zu zögerliche Haltung in der Milizenfrage zurückzuführen gewesen sein. Das “Wall Street Journal” berichtete vor einiger Zeit bereits über konkrete amerikanische Vorhaben zur Ausweitung der Unterstützung von Milizen auf weitere Teile Afghanistans, darunter auch die Provinz Faryab im Norden Afghanistans (vermutlich dort u.a. im Distrikt Ghowrmach). Kunduz erscheint auffälligerweise nicht auf der vom WSJ bereitgestellten Karte. Falls es deutsche Bedenken gibt oder gab, so scheinen diese nicht als relevant betrachtet zu werden.
Man sollte meinen, dass ein so zentrales Thema in der deutschen Diskussion mehr Resonanz finden würde. Öffentlich diskutiert wird es jedoch fast nur auf amerikanischer Seite, und auch die bekannten Initiativen zur Nutzung von Milizen sind auf die amerikanische Seite bzw. afghanische Partner beschränkt. An der deutschen Diskussion sowie am deutschen Einsatz im Norden scheint auch diese Entwicklung weitgehend vorbeizugehen.



Dazu passt folgende Meldung:
“22 Taliban Militants, US Soldier Killed In Afghanistan
11/5/2009 10:49 AM ET
(RTTNews) – 22 Taliban insurgents and a US soldier were killed in clashes in Afghanistan Wednesday, while five children died in a bombing in the east.
The Taliban insurgents were killed in a joint operation by Afghan and NATO-led German troops and US special forces, which began Wednesday in the northern province of Kunduz.
The dead included a local Taliban commander and Uzbek and Chechen fighters.
The children died in an explosion in Nuristan’s Barg-e-Matal district, Governor Jamaluddin Bader said. ”
http://www.rttnews.com/Content/GeneralNews.aspx?Node=B1&Id=1119363
pi
Dazu passt diese Meldung
Berlin weist Pariser Kritik an Afghanistan-Einsatz zurück
(AFP) – Vor einer Stunde
Berlin — Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner hat den deutschen Einsatz in Afghanistan scharf kritisiert und damit umgehend Widerspruch beim Verteidigungsministerium in Berlin hervorgerufen. Die deutschen Soldaten seien “nicht dort, um zu kämpfen”, sagte Kouchner in dem Gespräch mit Journalisten, in dem er den Militäreinsatz insgesamt bemängelte. Die Kommunikation unter den Verbündeten sei unzureichend.