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General a.D. Klaus Reinhardt: Militärisches Vorgehen gegen militante Islamisten in AFG “hirnverbrannt”

General a.D. Klaus Reinhardt äußerte auf einer Tagung der Hanns-Seidel-Stiftung, dass die seit 2001 verfolgte militärische Strategie gegen militante Islamisten in AFG “hirnverbrannt” gewesen sei:

Dass noch in der Bush-Ära versucht worden sei, das Taliban-Problem mit Luftangriffen zu lösen, nennt Reinhardt eine „hirnverbrannte Strategie“. Da sei „aus der Luft zerstört worden, was man am Boden hätte aufbauen sollen“. Mit solchen Aktionen habe man die afghanische Bevölkerung, die ab Herbst 2001 die ausländischen Soldaten noch begeistert begrüßt hat, schrittweise von der Nato-Schutztruppe entfremdet.

Unmittelbar nach 9/11 verfolgten die USA tatsächlich zunächst eine Strategie, deren Ziel die physische Vernichtung Al-Qaidas in Afghanistan war. Umgesetzt wurde die Strategie durch militärische Unterstützung Taliban-feindlicher lokaler Führer. Diese Strategie war ein spektakulärer Erfolg und keinesfalls so “hirnverbrannt” wie General Reinhardt meint. Die Herrschaft der Taliban war innerhalb von wenigen Wochen beendet, und eine relevante AQ-Präsenz war durch erfolgreiches militärisches Vorgehen spätestens seit Frühjahr 2002 nicht mehr vorhanden. Im Herbst 2001 kapitulierten die von der Wucht des amerikanischen Vorgehens überwältigten überlebenden Taliban in Massen (B-52-Einsätze hatten die psychologischen Voraussetzungen dafür geschaffen) oder flohen demoralisiert. Kompromisslose Aggressivität, verbunden mit der Vermeidung der Schaffung von Verwundbarkeit durch dauerhafte eigene Präsenz, der Zusammenarbeit mit meist effektiven und entschlossenen einheimischen Verbündeten sowie überlegener Nachrichtengewinnung und Aufklärung in Kombination mit Präzisionswaffen stellten sich als der richtige Ansatz heraus.

Auch Bin Laden hatte nicht mit so viel Entschlossenheit gerechnet und ging davon aus, nicht zu überleben. Er stellte Ende 2001 seinen Kämpfern die Kapitulation frei:

In the morning, bin Laden was on the radio. The CIA, Delta, and their Afghan allies were listening. [...] In a notebook, Fury wrote down the translation of bin Laden’s words as his team listened on the radio. “Quote, ‘Our prayers were not answered. Times are dire and bad. We did not get support from the apostates, who are our brothers. I’m sorry for bringing you here. It is okay to surrender,’ end quote,” Fury reads.

Ein Vorgehen, dass diese Wirkung im Schwerpunkt erzielt, halten wir nicht für “hirnverbrannt”.

Hätte man diese erfolgreiche Strategie konsequent zu Ende geführt, hätte man den Einsatz 2002 mit einem Sieg beenden können. Wo diese Strategie Schwächen hatte, bestanden diese in zu geringem Einsatz militärischer Gewalt und eigener Kräfte, was u.a. Bin Laden die Flucht aus Tora Bora ermöglichte und das Problem der sicheren Rückzugsgebiete in Pakistan schuf.

Statt auf den Erfolgen aufzubauen entschied man sich für eine andere Strategie und meinte, dass es nicht darum gehe, AQ zu vernichten, sondern Afghanistan zu stabilisieren. In dieser Stategie können Luftangriffe tatsächlich kontraproduktiv sein. Anders als die 2001 und Anfang 2002 verfolgte Strategie muss die seitdem verfolgte Strategie ihre Tauglichkeit aber noch unter Beweis stellen. Es könnte durchaus sein, dass sich die aktuelle Strategie noch als vergleichsweise “hirnverbrannt” herausstellt. Wie die positive Wirkung der Luftangriffe am 04.09.09 bei Kunduz zeigt, sind Luftangriffe zudem auch in der aktuellen Strategie nicht grundsätzlich falsch.

Äußerungen wie die von General a.D. Reinhardt sind zwar geeignet, die “Hearts and Minds” der deutschen Bevölkerung zu gewinnen, aber die strategische Diskussion bringen sie nicht voran.

9 Kommentare zu “General a.D. Klaus Reinhardt: Militärisches Vorgehen gegen militante Islamisten in AFG “hirnverbrannt””

  1. Brutus sagt:

    Nachtrag zum Beitrag / 6. November 2009 um 20:52:

    http://www.ftd.de/politik/international/:afghanistan-briten-wollen-taliban-an-macht-beteiligen/50035036.html

    So langsam wird der Einsatz dort “echt” absurd – und vor allem unglaubwürdig.

  2. Reinhardt ist ein typischer Vertreter der deutschen Generalität der vergangenen 20 Jahre. Nett, freundlich und in seiner aktiven Zeit auf maximalen Konsens mit der politischen Führung bedacht, entdeckt er nun, dass er mit kritischen Kommentaren seine Eitelkeit befriedigen kann. Aber wo war er, als die Soldatinnen und Soldaten echte Führungsstärke gebraucht haben?

  3. Brutus sagt:

    Zum Verständnis: wer schaut sich z.B. dies schon “freiwillig” an?

    http://www.youtube.com/watch?v=eW3h8VajmJI

    Eigentlich gehört auch dies zur Einsatzvorbereitung, zumindest ab Uffz., von denen man außer ihrem handwerklichem Rüstzeug auch etwas Einfühlungsvermögen erwarten sollte.

  4. Brutus sagt:

    Oh, ob das stimmt?

    Die Vereinigten Staaten bieten den Taliban 6 Provinzen für 8 Basen an

    http://www.linkezeitung.de/cms/index.php?option=com_content&task=view&id=7600&Itemid=214

    (unabhängig von der Quelle …)

  5. Brutus sagt:

    Ein Land stabilisieren kann man nur, wenn man sich ernsthaft mit der Aufgabe identifiziert. Soldaten, die den Sinn ihres Auftrages nicht vermittelt bekommen (sofern überhaupt bekannt), welche meist kaum Kontakt zur Bevölkerung haben und auch nur relativ kurz vor Ort sind (sechs bzw. nun vier Monate) können dies nicht schaffen. Man muß eine Beziehung zum Land aufbauen, und sei es eine Art “Haßliebe”.

  6. Weblog Sicherheitpolitik sagt:

    @Georg:
    So wie es aussieht, gelingt es derzeit keinem, das Land zu stabilisieren. Auch der Bundeswehr ist das nicht gelungen, obwohl sie auf Luftangriffe etc. größtenteils verzichtet hat. Was gelungen ist, ist 2001 und 2002 ausschließlich der militärische Teil, den General Reinhardt kritisiert. Ich würde die Schlußfolgerung daraus anders formulieren als der General: Das Ziel des Einsatzes ist doch die Schwächung von Al-Qaida. Man weiß mittlerweile: Dies ist militärisch vergleichsweise leicht zu erreichen. Über den Umweg des Aufbaus einer Zentralregierung und der Stabilisierung des Landes scheint das Ziel aber kaum erreichbar. Warum tut man dann nicht das, was nachgewiesenermaßen funktioniert, und verzichtet auf das, was nicht so gut funktioniert?

  7. Georg sagt:

    @ Weblog SiPo

    Ich habe den Eindruck, dass die Aussagen von General Reinhard missverstanden worden sind.

    Zitat:
    “Auch General Klaus Reinhardt, der einst als Befehlshaber der Nato-Schutztruppe im Kosovo 50.000 Mann befehligt hat, sieht „eine massive Verschlechterung der Gesamtlage in Afghanistan“. Dass noch in der Bush-Ära versucht worden sei, das Taliban-Problem mit Luftangriffen zu lösen, nennt Reinhardt eine „hirnverbrannte Strategie“. Da sei „aus der Luft zerstört worden, was man am Boden hätte aufbauen sollen“.

    Mit solchen Aktionen habe man die afghanische Bevölkerung, die ab Herbst 2001 die ausländischen Soldaten noch begeistert begrüßt hat, schrittweise von der Nato-Schutztruppe entfremdet. Nur, erklärt der General: „Wenn man die Bevölkerung nicht hinter sich hat, kann Aufstandsbekämpfung nicht funktionieren.“ Reinhardt meint auch: „Zu glauben, dass man die Taliban militärisch vernichten könne, ist eine absolute Illusion.“
    Zitatende

    General Reinhard hat nich von OEF im Jahre 2001 gesprochen, sondern von ISAF von 2002 bis heute. Da hat es vor McChrystal jede Menge Luftangriffe nach dem üblichen amerikanischen Muster gegeben. (Carry a big stick…)
    Nach der Vertreibung der Taliban wussten die Amerikaner nicht wie das Land stabilisiert werden konnte und machten einfach mit dem weiter was sie gut können – Mit militärischen Mitteln kämpfen.

    Wenn man so will sind die Amerikaner nach dem Irakkrieg zum zweiten Mal in die gleiche Fallen getappt. Sie können relativ schnell militärische Erfolge mit leichten, schnellen Bodentruppen und massiver Luftunterstützung erzieletn (das Konzept hieß Anfang der 80er Jahre “Air Land Battle 2000″ und 40 Jahre vorher “Blitzkrieg”).

    Was sie nicht können ist ein Land wiederaufbauen und befrieden, dazu sind amerikanische Soldaten nicht ausgebildet, sondern sie sind zum Kämpfen ausgebildet.

    Aus diesem Grund und in der Bewertung der Geschehnisse in AFG seit 2002 stimmt jeder Satz der Aussage von General Reinhard !

  8. Weblog Sicherheitpolitik sagt:

    @Benjamin:
    Ich verstehe Ihr Argument, aber die seit 2002 verfolgte Strategie scheint nicht erfolgreich zu sein, und es ist zunehmend fraglich, ob sie noch erfolgreich sein wird.

    Was die ursprüngliche Strategie angeht: Jedem, der nach einem solchen Ausgang Al-Qaida unterstützt hätte, wäre doch klar gewesen, worauf er sich einlässt. Furcht vor Vernichtung hätte weitere Situationen dieser Art wahrscheinlich unterbunden, und wenn nicht, hätte man solche Aktionen mit geringem Aufwand wiederholen können. Weil man es nicht getan hat, kooperieren die Pakistans nur sehr eingeschränkt, und Akteure wie Al-Shabab meinen, dass sie nichts zu befürchten hätten.

  9. Benjamin sagt:

    “Hätte man diese erfolgreiche Strategie konsequent zu Ende geführt, hätte man den Einsatz 2002 mit einem Sieg beenden können. ”

    Man wäre abgezogen und dann..? Die Geschichte hätte doch an diesem Punkt nicht aufgehört. Wenn das Ziel ist, langfristig zu verhindern dass von Afghanistan wieder Instabilität und Terror ausgeht, hätte man mit so einer Strategie doch nichts gewonnen.

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