Voller Empörung berichtet “Spiegel Online” darüber, dass amerikanische und afghanische Sicherheitskräfte bei ihrer erfolgreichen und längst überfälligen Offensive im Raum Gul Tapa in der Provinz Kunduz den Aufständischen offenbar hohe Verluste zugefügt haben. Die Angaben von 133 getöteten Aufständischen bei minimalen eigenen Verlusten, welche die ANA veröffentlicht hatte, wurden von den Amerikanern grob bestätigt.
Das deutsche PRT ist der Meldung zufolge zu seiner gewohnten Passivität zurückgekehrt und hat sich an der Offensive nicht beteiligt. Sollten die USA ihre Kräfte im Norden demnächst wie geplant verstärken (Kunduz und Mazar-e-Sharif sollen zu den zehn Schwerpunkten im Land gehören), könnte der Einsatz der Bundeswehr in Kunduz endgültig irrelevant werden.
Matthias Gebauer steht mit seinem stark gefärbten und fachlich mangelhaften (da wird ein ANA-Kommandeur zum “Anführer” und ein TB-Bandenführer zum “Kommandeur”) Beitrag stellvertretend für den Tenor der deutschen Diskussion, die immer noch davon auszugehen scheint, dass im Norden alles gut laufen würde wenn die Amerikaner dem nicht mit ihren “brachialen” Methoden entgegenwirken würden. Gebauer scheint sich zivile Opfer und Empörung in der afghanischen Bevölkerung geradezu herbeizuwünschen. Die Wahrheit ist jedoch, dass die afghanische Bevölkerung bei aller Distanz zu den USA mit Masse froh darüber ist, dass endlich gegen die Aufständischen gehandelt wird, die nur unter der Minderheit der Paschtunen über begrenzten (meist erzwungenen) Rückhalt verfügen.
Das eigentliche Problem im Zusammenhang mit der Offensive wird von Gebauer nicht erwähnt: Es mangelt möglicherweise an Sicherheitskräften, um der “Clear”-Phase (von Gebauer mit “Reinigungsoperation” übersetzt, wohl um unpassende Assoziationen zu schaffen) die erforderliche “Hold”-Phase folgen zu lassen. Die Bundeswehr hat diese Kräfte ebensowenig wie die afghanische Seite. Aber vielleicht übernehmen ja bald die Amerikaner ganz und leisten das, wozu Deutschland nicht willens und nicht fähig war. Die Rhetorik des neuen Verteidigungsministers macht am Boden bislang keinen Unterschied.
Wir hoffen, dass sich demnächst kompetente Journalisten mit Afghanistan-Schwerpunkt wie Friederike Böge, Marco Seliger oder auch Gebauers Kollegin Susanne Koelbl des Themas annehmen werden.
Wir selbst nutzen die Gelegenheit, um uns vorübergehend in eine Pause zu verabschieden.
Nachtrag: Laut “Wall Street Journal” war die Bundeswehr doch zumindest an Teilen der Operation beteiligt.
Afghan government officials said the offensive in Kunduz started last week as Afghan army units and U.S. special operations forces surrounded known Taliban strongholds in the Chahar Dara district, while German troops sealed off the area and trapped fleeing insurgents.
Aus internationalen Medien wird man möglicherweise erneut besser über die Lage im Norden Afghanistans sowie die Aktivtäten der eigenen Soldaten informiert als von deutschen Medien und der Bundesregierung.
Nachtrag: Leser “VB” weist auf Folgendes hin:
Laut Gebauer-Artikel wurde bei der Op seitens der ANA die 2. Brigade 209. Korps in Stärke 800 Mann eingesetzt. Der Brigadestab und mehrere Kandaks müssten durch deutsche OMLT begleitet werden. Daher wäre selbst die WSJ-Darstellung unterhalb des Versprochenen.
Deutsche OMLTs mussten bei Einsätzen der von ihnen mentorierten Kräfte außerhalb des Nordens in der Vergangenheit zurückbleiben. Es gibt auf den ersten Blick nur zwei Möglichkeiten: Entweder trifft die Information nicht zu, dass keine deutschen Soldaten beteiligt waren, oder deutsche OMLTs werden mittlerweile auch innerhalb des Nordens z.T. zurückgehalten.