Wir haben schon häufig darauf hingewiesen, wie öffentliche Bekundungen von Schwäche und Mangel an Entschlossenheit das Vertrauen der afghanischen Bevölkerung in die Ernsthaftigkeit des Einsatzes untergraben und damit Anstrengungen behindern, die Unterstützung der afghanischen Bevölkerung zu gewinnen. Wie soll z.B. ein deutscher Soldat die Unterstützung eines Dorfes im Kampf gegen die Aufständischen gewinnen, wenn seine militärische Führung ihm keine dauerhafte Präsenz dort gestattet und die Politiker in der Heimat nur über “Exitstrategien” diskutieren? Viele Afghanen glauben unter diesen Bedingungen nicht, dass internationale Kräfte sie wirklich vor den Aufständischen beschützen werden, wenn sie sich offen gegen diese stellen.
Die Aufständischen agieren hier viel kompenter. Sie sind in der Bevölkerung zwar allgemein unbeliebt, aber sie sind scheinbar stets präsent, kommunizieren niemals Schwäche und setzen jeden glaubwürdig unter Druck, der sich gegen sie stellt. Die Aufständischen werden gewinnen wenn es ihnen gelingt, nicht zu verlieren und den Aufbau des afghanischen Staates durch Einschüchterung der Bevölkerung so lange zu sabotieren, bis der Westen abzieht.
Angesichts des inkonsistenten Auftretens ihrer politischen Führung haben auch die amerikanischen Marines in Helmand Schwierigkeiten, die Unterstützung der potentiell kooperativen Bevölkerung zu gewinnen:
“The No. 1 question the Marines get is: ‘When are you going home?’ ” said Brig. Gen. Larry Nicholson, an Iraq combat veteran and now the top Marine in Afghanistan. “They can’t believe we’re staying.” [...] After 10 days of intense fighting, the Marines pushed Taliban fighters out of several small villages. The troops fanned out and announced to startled villagers that they had arrived to protect the population from the Taliban. But a whisper campaign, which Marines blame on the Taliban, suggested that the Americans would leave as soon as President Hamid Karzai was reelected. The message was clear: Anyone who cooperates with the Americans is marked for death.
Counterinsurgency kann funktionieren, wenn die notwenigen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden und der politische Wille vorhanden ist, diese in der Bevölkerung zur Kontrolle der Bevölkerung (freundlich ausgedrückt “zu ihrem Schutz”) einzusetzen. Wo dieser Wille nicht vorhanden ist, funktioniert der Ansatz nicht.



Ich bin hier seit einigen Wochen stiller Leser, aber ich möchte sagen: Großartige Arbeit und gute Positionen, die Ihr hier bezieht!
Weiter so!
“Die Aufständischen werden gewinnen wenn es ihnen gelingt, nicht zu verlieren und den Aufbau des afghanischen Staates durch Einschüchterung der Bevölkerung so lange zu sabotieren, bis der Westen abzieht.”
Da stimme ich Ihnen voll zu.
Aber irgendwann wird der ‘Westen’ abziehen. Spätestens wenn der jeweilige Soverän unserer ‘westlichen’ Länder, i.e. wir, keine Lust mehr hat da Geld und leben zum Fenster hinaus zu werfen. Die Aufständischen werden dann immer noch in ihrem Heimatland leben und noch immer nicht “verloren” haben. (Was bedeuted Sieg und Verlust in diesem Zusammenhang eigentlich konkret?)
Der “Westen” kämpft gegen einen wesentlichen Teil der Bevölkerung und ohne Genozid, der wohl nicht zugelassen würde, ist gegen die nicht zu gewinnen. Das wird mehr und mehr klar.
Der angeblich ideologische Hintergrund des Kampfes der in der hiesigen Propaganda so hervorgehoben wird – Taliban, radikaler Islam – ist längst nicht mehr relevant. Al-Qaida schwebt nur noch als Idee im Internet und einige Verrückte trainieren in Pakistan. Was bitte sollen dann unsere Soldaten in Afghanistan?
Few militants driven by religion, reports say
/quote/
Nearly all of the insurgents battling US and NATO troops in Afghanistan are not religiously motivated Taliban and Al Qaeda warriors, but a new generation of tribal fighters vying for control of territory, mineral wealth, and smuggling routes, according to summaries of new US intelligence reports.
…
“Ninety percent is a tribal, localized insurgency,’’ said one US intelligence official in Washington who helped draft the assessments. “Ten percent are hardcore ideologues fighting for the Taliban.’’
/endquote/