Verteidigungsminister Guttenberg: Gegen “kühles Soldatentum”

Verteidigungsminister Guttenberg rief in Mazar-e-Sharif deutsche Soldaten dazu auf, nicht “kühl dem Soldatentum als solches nachzugehen”. Statt dessen sollten Soldaten “auf Gefühle achten”:

Ich bin dankbar dafür, (…) spüren zu dürfen, was Emotionen (…) bedeuten können und bedeuten müssen und, dass wir diese Emotionen zuzulassen haben.

Mit Emotionskitsch dieser Art ist jedoch keinem gedient. Zum Thema Gefühle  in Krisensituationen sagt dieses nichtmilitärische Beispiel alles, was gesagt werden muß:

Man achte auf die Eiseskälte in den Stimmen des Piloten und der anderen Beteiligten im Angesicht des wahrscheinlichen Todes. Soldaten sollten sich diese professionelle emotionale Kälte aneignen. Das schließt offene Gespräche unter Kameraden zur Bewältigung belastender Situationen nicht aus. Die zur Mode gewordene öffentliche Betonung und Zurschaustellung von Emotionen anstelle von Professionalität und Leistung ist jedoch vollkommen unangemessen und nicht zielführend.

Die afghanische Bevölkerung schätzt übrigens, so wie die Passagiere des Flugzeuges im Videobeispiel, eher den selbstbeherrschten und vertrauenswürdige Stärke ausstrahlenden Profi.

Guttenberg war übrigens schon 2007 negativ aufgefallen, als er “kühl kalkulierte Interessenpolitik” als etwas schlechtes darstellte. Rationalität und an objektiven Kriterien gemessene Leistung auf Kosten von Gefühlssprech und Symbolpolitik abzuwerten mag in der Bevölkerung populär sein, aber zu einer besseren Politik führt es nicht.

15 Kommentare zu “Verteidigungsminister Guttenberg: Gegen “kühles Soldatentum””

  1. Weblog Sicherheitpolitik sagt:

    @Sascha Stoltenow:
    OK, die Kritik ist angekommen.

  2. In der Sache sind wir vermutlich nicht weit auseinander. Dennoch finde ich die Diktion “XY ist negativ” aufgefallen weiterhin mehr als fragwürdig und unangemessen.

  3. Weblog Sicherheitpolitik sagt:

    @alle
    In meinem vorletzten Kommentar wollte ich eigentlich zum Ausdruck bringen, was auch “politisch inkorrekt” gesagt hat. Vielleicht bin ich bei dem Thema einfach zu empfindlich (bzw. emotional), und der Minister meinte nur, was ich über die Verarbeitung von Emotionen im kleinen Kreis und pi über Tränen gesagt hat. Danke für die konstruktive Kritik.

  4. Brutus sagt:

    VUZG sprach auch davon, daß es sich in AFG um einen “nicht internationalen bewaffneten Konflikt” handeln würde, was dann z.B. die Anwendung des Völkerstrafrechtes von 2002 ermöglicht.

  5. Georg sagt:

    Nochmals, kein Mensch kann Emotionen ausblenden. Er kann vielleicht eine gewisse Zeit lang nach einem sehr stark belastenden Ereignis, eine “emotionale Seperation” seiner Gedanken durchführen um kühlund proffessionell den Auftrag weiter erfüllen zu können.
    Der Zusammenbruch kommt aber dann spätestens im Heimatland, wenn er sich nicht mehr über Grasflächen laufen traut, wegen der Minengefahr, die Kommunikation mit den Familienangehörigen extrem eingeschränkt wird, denn er soll ja keine Emotionen zeigen und er extreme Probleme hat sich in den normalen Ablauf zu integrieren. Von PTBS will ich in dem Zusammenhang noch gar nicht sprechen.

  6. politisch inkorrekt sagt:

    @Weblog

    Ich glaub hier verrennen sie sich. Soldaten sind Menschen. Solange erlernte Situationen(IED, Beschuss, Gefechte) herrschen, müssen diese professionell und nüchtern angegangen werden. Da gibt es ein Video mit der DEU Patouille, die angesprengt wird, ein gutes Bsp.
    Da wird niemand hektisch und auch der Funk bleibt cool.

    Wenn aber später darüber gesprochen wird, wenn Gefallene betrauert werden, wenn es Nachrichten von zu Hause gibt… dann müssen Tränen erlaubt sein. Ein mil. Führer macht sich nicht unglaubwürdig wenn er Gefühle zeigt -eher im Gegenteil.

    Es gibt dazu auch genügend Weißheiten aus der Landsersprache.

    “Im Schützengraben riecht es nach Angst und Scheiße(bei Angst geht der Schließmuskel durch).”
    “Sei nie mutiger als der Typ neben dir.”

    Diejenigen, die diese Angst überwinden und das Ganze auch überleben – das sind Helden. Ohne “”.

    Ich hab inzwischen auch genügend Bilder von anderen Streitkräften gesehen bei denen Emotionen kein Fremdwort sind.

    pi

  7. Weblog Sicherheitpolitik sagt:

    @Sascha Stoltenow:
    Der Minister sprach ja von mehr als nur “auf Gefühle achten”, sondern stellte diese als etwas grundsätzlich positives dar, was man “zuzulassen habe”. Ich habe den Eindruck, dass dies eher eine Verbeugung vor dem Zeitgeist war als ein Eingehen auf die Herausforderungen des Einsatzes.

    Ich habe in mehreren Einsätzen unmittelbar nach kritischen Situationen sowohl Soldaten erlebt, die “Emotionen zuließen”, und solche, die kühl reagierten und, begleitet von wenigen unaufgeregt und ruhig geäußerten Worten, die vielfach geübten Abläufe befahlen oder (weil ohnehin verinnerlicht) automatisch umsetzten. Ich bevorzuge eindeutig das letztere. Das gleiche tut mein berufliches Umfeld, in dem es nach Anschlägen geradezu einen Wettbewerb um die stoischere Reaktion gibt. “Emotionen zugelassen” haben jene Marines, die nach einem Anschlag in Afghanistan angeblich auf jedes ihnen verdächtig vorkommende Fahrzeug geschossen haben und dabei etliche Afghanen getötet haben sollen, und die zugrundeliegenden Emotionen gehören zu denen, die bei so etwas völlig normal sind. Wer sie nicht kontrolliert, durch Training, sozialen Druck oder Hierarchie, macht m.E. etwas falsch. “Emotionen zugelassen” haben übrigens auch die Urheber der “Schädelphotos”. Die nächsten Urheber eines solches Vorfalls sollten sich m.E. direkt auf den Minister berufen.

    Die natürlich auftretenden emotionalen Reaktionen werden nach Vorfällen später im kleinen Kreis und sehr offen und ohne jegliche Stigmatisierung der Offenheit besprochen und bleiben auch in diesem Kreis. In unserer politisch korrekten Welt würde es nicht sehr geschätzt, wenn mit bestimmten Emotionen so offen umgegangen würde wie der Minister es fordert, denn diese Emotionen sind nicht immer so positiv wie der Minister unterstellt. Diese Offenheit bedingt m.E. vollständiges gegenseitiges Vertrauen und die Akzeptanz von Einstellungen, die im Rest der Gesellschaft nicht akzeptiert würden. Mit den Visionen der “Inneren Führung”, die so tut als seien Soldaten letztlich nur mit einer Uniform verkleidete Normalbürger, hat dies zugegebenermaßen wenig zu tun. Die Herausforderungen und die dazu erforderlichen Einstellungen und Werte unterscheiden sich m.E. deutlich von denen, die außerhalb dieses Kreises des Vertrauens als nachvollziehbar gelten.

    Ich habe mit dem beschriebenen Ablauf sehr gute Erfahrungen gemacht, allerdings gab es in meinem unmittelbaren Umfeld bislang aber keine Toten und “nur” Verwundete. Wer andere Erfahrungen gemacht hat und besser funktionierende Abläufe vorstellen kann, darf natürlich jederzeit Zweifel an meiner Kompetenz äußern.

    Der Minister selbst ist möglicherweise nur Opfer seiner PR-Berater geworden, die etwas an seinem Image tun wollten. Ich spekuliere nur, aber die SPD hatte ja versucht, ihn nach seiner rationalen Herangehensweise in der Opel-Frage als “sozial kalt” etc. abzustempeln. Ich respektiere denn Minister, wenn er wie im Fall Opel die Wahrheit sagt, auch wenn dies unbeliebt ist. Er könnte ruhig auch im Fall der allgemeinen Emotionsverherrlichung Widerspruch zum Zeitgeist wagen.

  8. Jetzt bin ich mal ganz emotional und stelle fest: Die belehrende Tonalität “Guttenberg war negativ aufgefallen” entspricht in ihrer Diktion einem vorhergehenden Beitrag, in dem es hieß “Das Darmstädter Siganl ist wiederholt negativ aufgefallen”. Das ist völlig unangemessen, und klingt nach “Karl-Theodor stört den Unterricht”. Ganz kühl professionell stelle ich fest, dass Sprache Haltung offenbart. In diesem Fall eine Haltung des Autors, bei der ich ernstliche Zweifel habe, ob sie auf Kompetenz gegründet ist.

    In Bezug zum eigentlichen Thema: Einsatz ist emotional extrem belastend, und zu Guttenberg hat ja nicht verlangt, dass die Soldatinnen und Soldaten sich durch AFG weinen, weil es so schrecklich ist, sondern, dass sie, eben weil sie Profis sind, auch professionell mit ihren Emotionen umgehen sollen, was in diesem Fall eben heißt “auf Gefühle zu achten.”

  9. Martin sagt:

    @Georg
    Da schließe ich mich Ihnen an, zumal es positive Emotionen gibt, die man fördern und kultivieren sollte.

  10. Georg sagt:

    Okay, die Emotionen unter Stress, Anspannung sollte man kontrollieren, aber emotionslos führen ist meiner Ansicht nach schlecht und für den Führungserfolg kontroproduktiv.

  11. Martin sagt:

    @Georg
    Die Emotionen, die gewöhnlich auftreten wenn man unter Stress steht, helfen meist nicht weiter, mit den entsprechenden Situationen optimal fertigzuwerden. Man kann (und sollte) diese Emotionen kontrollieren.

    Das gilt auch für Situationen, in denen man nur verbal angegriffen wird. Wer seine Emotionen da unter Kontrolle hat und den Angreifer kühl entweder entkräftet oder bloßstellt, kommt meist doch besser weg als der der sich emotional unter Druck setzen lässt.

    Ich kann den Emotionskult unserer Gesellschaft wirklich nicht verstehen, und andere Nationen schätzen gerade die traditionelle deutsche Neigung zum Stoizismus und zur Wertschätzung von guter Arbeit und Effektivität vor Gefühlen und Oberflächlichkeiten.

  12. Georg sagt:

    Ein bisschen weltfremd ist der Artikel und die Kommentare schon.

    Hat schon jemand von Ihnen emotionslos darauf reagiert, wenn er in einer Besprechung verbal angegriffen wurde ? Um wieviel stärker ist dies erst, wenn jemand versucht Sie zu töten ?

    Auch Vorgesetzte können gegenüber ihren Untergebenen in begrenzten Maße Gefühle zeigen ! Die glaubwürdigsten und in der Truppe geachtesten Vorgesetzten zeigen jedenfalls zumindestens hie und da Gefühle !

  13. Brutus sagt:

    Allerdings kann man auch emotionslos (d.h. die Emotionen ausblenden bzw. verdrängen) die scheußlichsten Taten auf “professionelle” Art und Weise begehen.

  14. Martin sagt:

    Warum wird Emotionen eigentlich grundsätzlich unterstellt, etwas positives zu sein? Was ist mit Haß, Angst, Rache, Wut, Grausamkeit, Habsucht? Alles das kann unter Einsatzbedingungen verstärkt auftreten und sich in Disziplinmängeln äußern. Die militärische Ausbildung aller zivilisierten Nationen versucht daher, Emotionen so weit wie möglich zurückzudrängen bzw. Emotionen durch Befehl und Gehorsam, Drill etc. zu kontrollieren. Wer mit Emotionen anfängt, öffnet die Büchse der Pandora. Wenn man Emotionen zulässt, so wie KTvG es will, bekommt man außer Kontrolle geratene Banden wie im Ostkongo, auf dem Balkan oder der Sowjetarmee 44/45.

  15. Brutus sagt:

    Das kühle “Machertum” kommt eben beim Volk nicht so gut an, höchstens im Film. Empathie ist angesagt.

Trackbacks/Pingbacks


Beitrag kommentieren

  • Kommentare
  • Schlagwörter
  • Abo

Bilder aus Afghanistan - Alle Photos ansehen