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Militärische Nachwuchsgewinnung: Alternativen zu Zwangspraktika

Im Zusammenhang mit der auch mit Nachwuchsgewinnung begründeten sicherheitspolitisch überflüssigen Aufrechterhaltung der Wehrpflicht bzw. der Umwandlung des Wehrdienstes in eine Art Praktikum wurden wir auf drei Meldungen aufmerksam, welche die Gewinnung von Nachwuchs in anderen Staaten beschreiben:

Die Bundeswehr sollte in Erwägung ziehen, Nachwuchs nicht über Zwangspraktika zu gewinnnen, sondern durch höhere Standards, fordernden Dienst und die Erfüllung emotionaler Bedürfnisse z.B. nach Stolz und Ehre. Zu viele Grundwehrdienstleistende klagen immer noch über “Gammeldienst” und sind unterfordert. Wie gegenwärtig das Potential deutscher Rekruten vergeudet wird, schildert auch dieses Beitrag der “Frankfurter Rundschau”:

Wichtiger aber waren die vielversprechenden Vokabeln: Härte, Waffen, Belastung, Drill. Das, was schon Generationen von Männern durchgestanden haben, hatte eine Anziehungskraft für ihn. Er wollte raus aus der “Alltagslethargie” von dreizehn Jahren Schule, mal etwas ganz anderes machen, “neue Erfahrungen”, bevor er ins Studium einsteigt. Geschichte und Anglistik, wahrscheinlich. Er sei da wohl ein bisschen naiv gewesen, sagt er heute [...].

Der Vorfall in Coesfeld wurde von den Betroffenen hingegen selbst als positiv empfunden. Auch hier suchten die Betroffenen offenbar die Herausforderung und den Kontakt mit einer Wirklichkeit, die der Masse der Menschen in Deutschland nicht zugänglich ist. Die eigentliche Demütigung stellte für die Betroffenen anscheinend nicht die (unprofessionell und gegen Weisungen der Bundeswehr durchgeführte) irreguläre Ausbildung dar, sondern die Äußerung der Richter und Kläger, dass es sich “nur” um Grundwehrdienstleistende und “nur” um Instandsetzer gehandelt habe, bei denen eine unvollständige Ausbildung ausreiche. Wie der Wehrbeauftragte es in anderem Kontext ausdrückte: “Ich denke, das Schlimmste, was man jungen Menschen antun kann, ist, ihnen das Gefühl zu geben, überflüssig [...] zu sein.”

10 Kommentare zu “Militärische Nachwuchsgewinnung: Alternativen zu Zwangspraktika”

  1. Benjamin sagt:

    Das einzige, was ich für ansatzweise gefährlich im Osten halte, sind Konflikte zwischen Russland und den baltischen Staaten. Hier könnte Russland mal wieder die “Bürgerschutz-Kart” spielen. Trotz einiger unschöner Manöver ist ein Krieg dort m.E. sehr unwahrscheinlich. Ein richtiger Grund leuchtet mir auch nicht ein.

    Es gab vor kurzem einen Economist-Artikel (nicht mehr frei zugänglich) darüber, dass die Russen in Weißrussland geübt haben, wie man lättische Terroristen und polnische Separatisten aus Belarus (mit ganz konventionellen Waffen) vertreiben könnte. Der Economist kritisierte, dass die NATO keine konkreten Pläne zum Schutz der baltischen Staaten habe, wohl aus Rücksicht auf Russland. Ich weiß nicht, wie man das bewerten soll..

    Trotzdem: Ein russischer Angriff auf EU oder NATO? Ich kann es mir einfach nicht vorstellen.

  2. Weblog Sicherheitspolitik sagt:

    @Benjamin:
    Ich bin neugierig, wen “b” in Osteuropa außer Rußland als potentiellen Gegner sieht. Ist vielleicht eine neue Krise auf dem Balkan gemeint?

    Ich selbst sprach ausdrücklich nur von “potenziell”, aber das politische Klima scheint mir doch konfrontativer zu sein als noch vor einigen Jahren. Ich behaupte aber nicht, von Osteuropa/Rußland besondere Ahnung zu haben.

  3. Brutus sagt:

    Immerhin scheint die Bw den Wert von motivierten, gut ausgebildeten Reservisten wieder erkannt zu haben.

  4. b sagt:

    @Benjamin – “Wir haben keine (potenziellen) konventionellen Feinde.”

    Kurzfristig stimmt das was u.a. auch darauf zurückzuführen ist das wir eine halbwegs verteidigungsbereite Armee haben. Es ist auch darauf zurückzuführen das wir derzeit gewissen politischen Möglichkeiten, z.B. Unabhängigkeit von den USA, entsagt haben für deren Durchsetzung eine stärkere militärische Fähigkeit notwendig wäre.

    Wir haben übrigens auch keine (potentiellen) nichtkonventionellen Feinde (aka Terroristen) gegen die eine Bundeswehr nützlich wäre.

    Mittelfristig kann sich das alles, wie die Geschichte zeigt, aber extrem schnell ändern. Gerade in Osteuropa (ich meine nicht Russland) gibt es politische Tendenzen die ungesund sind und in Zeiten wirtschaftlicher Probleme schnell zu massiven (bündnis-)politischen Änderungen führen können.

    Verteidigungsbereitschaft ist zudem nichts was man in zwei, drei Jahren von Null auf Hundert bringen kann. Daher macht es Sinn die Kompetenzen in einer Kernbundeswehr vorzuhalten und auch die Bevölkerung langfristig einzubinden. Wer mit 18 öfter mal auf dem Schießplatz war wird zehn Jahre später innerhalb eines Tages wieder treffen können. Wer das mit 18 aber nicht gelernt hat wird wenn es denn mit 28 nötig wird erst wochenlang üben müssen.

    Aufwuchsfähigkeit ist wichtig denn bei einer Fläche wie Deutschland sie hat ist in einem Kriegsfall schon eine ordentliche Abdeckung des gesamten Raumes zumindest mit Sekundärkräften erforderlich um nicht plötzlich Überraschungen “von hinten” zu erleben.

  5. Benjamin sagt:

    Ein konventioneller Krieg mit Russland? Was ist hier denn los?

    Wir haben keine (potenziellen) konventionellen Feinde. Russland ist schwach und zudem kann eine Demokratisierung immer noch nicht ausgeschlossen werden. China ist weit weg und hat auch keinen Grund uns anzugreifen. Die USA sowieso nicht..

    Man mag mir Kurzsichtigkeit vorwerfen, aber die hohen Kosten einer konventionellen Armee sind nüchtern betrachtet in Europa kaum zu rechtfertigen. Auf keinen Fall brauchen wir allerdings “Aufwuchsfähigkeiten” zum Massenheer und damit einhergehend eine Wehrpflicht. Das wirkt reichlich weltfremd.

  6. Brutus sagt:

    @SiPol

    “Man darf nicht vergessen, dass die deutsche Bevölkerung mangels Nachwuchs Verluste in Größenordnung z.B. der irakischen Aufständischen wohl nicht verkraften würde, …”

    Das wiederum bedeutet, daß die Verteidigungsfähigkeit der Bundesrepublik generell nicht gegeben ist. Auch in einem symmetrischen Konflikt gibt es Verluste, die sogar viel höher sind. Konzepte wie z.B. IDZ ändern daran recht wenig.

  7. Weblog Sicherheitpolitik sagt:

    @b:
    Tom Ricks bezieht sich nicht auf ROTC (die Leute haben ohnehin keine Wahl), sondern auf Absolventen ohne militärischen Hintergrund. An einigen “Ivy League”-Unis darf ROTC ja bis heute nichteinmal präsent sein.

    Was die Fremdenlegion angeht, so gehört das Motiv der Flucht vor dem eigenen kriminellen Hintergrund bzgl. der Masse der Soldaten eindeutig der Vergangenheit an. Da gäbe es wohl auch deutlich leichtere Wege.

    Bezüglich der Marines: Ich meine mich zu erinnern, dass diese im Vergleich zu den anderen Teilstreitkräften auch in Phasen geringeren Aufkommens an Freiwilligen am wenigsten Probleme hatten.

    Man könnte alledings einwenden, dass das alles nicht vergleichbar ist, weil der durchschnittliche Amerikaner sich mehr mit seiner Heimat identifiziert als der Deutsche und eine gewisse patriotische Grundmotivation vorhanden ist, die hierzulande nicht gegeben ist.

    Was ihr Milizmodell und den Irak-Vergleich angeht: Man darf nicht vergessen, dass die deutsche Bevölkerung mangels Nachwuchs Verluste in Größenordnung z.B. der irakischen Aufständischen wohl nicht verkraften würde, und hierzulande wohl auch der nötige irrationale Fanatismus fehlt, um die entsprechende Motivation der Soldaten und damit Abschreckungswirkung zu erzeugen. Wieviele Selbstmordattentäter oder wieviele Todesschwadronen gegen Kollaborateure könnte man wohl in der deutschen Bevölkerung rekrutieren? Ich bin ehrlich gesagt froh, dass das irakische Modell in Deutschland nicht funktionieren würde. Zudem würde das Konzept, sich unter dem Schutz der Zivilbevölkerung zu bewegen, auch bei einem russischen Gegner der Gegenwart kaum funktionieren. Es ist noch nicht so lange her, dass die Russen die tschetschenische Guerilla erfolgreich dadurch besiegten, dass sie ihr diese Deckung nahmen und einfach Grozny vernichteten.

    Gegen konventionelle Gegner (die einzigen, die potentiell unser Territorium bedrohen) hilft das ganze RMA-Zeug zudem, wie mehrere Konfrontationen zwischen konventionellen westlich und sowjetisch ausgerüsteten Streitkräften gezeigt haben.

  8. b sagt:

    Ein bischen mehr Ehrlichkeit bitte.

    Der Andrang von einigen frischen Akademikern in die US Armeee hat sehr viel damit zu tun das das ROTC Programm der Armee diesen dafür einen großen Teil der exorbitanten Studienkosten bezahlt.

    Die Fremdenlegion gewinnt Kräfte nicht weil sie so toll ist sondern sie sich nicht für vergangene Untaten der Rekruten interessiert und ihnen zudem einen französischen Pass spendiert.

    Die Marines haben jetzt, nachdem die Wirtschaft eingebrochen ist, einen Andrang an Rekruten. Vor wenigen Jahren noch haben die ziemlich fette Verpflichtungsprämien bezahlen müssen weil es für junge Leute ausreichend Alternativen gab.

    Wenn wir bei demographisch kleiner werdendem Rekruitenpotential wieder einen Wirtschaftsaufschwung erleben dann wird die Bundeswehr zuwenig Bewerber haben oder wird massiv Geld für diese ausgeben müssen. Ob das denn die Leute sind die man haben will ist zudem zweifelhaft.

    Ich bin dafüt, auch aus den gesellschaftlichen Gründen die Brutus nennt, die Wehrpflicht weiterhin zu erhalten. Sechs Monate (fast) reine Infantrieausbildung für alle auch um in einem Ernstfall das Reservistenpotential zu haben um genügend Jägerregimente aufstellen zu können die die Lücken zwischen den zu wenigen Großverbänden schließen können.

    Dabei kann man ruhig auf Lowtech und wenig elektronisches Tüdelüt setzen. Das solche Infantriekräfte mit Flieger- und Panzerfaust und ausreichend Minen viel bewirken können hat man im Irak erlebt und erlebt man gerade wieder in Afghanistan. Das Abschrenkungspotential von zehn “billigen” Infantrieregimentern gegen eventuelle Angreifer ist nach meiner Ansicht höher als das einer erheblich teureren Hightech-Brigade.

  9. Weblog Sicherheitpolitik sagt:

    @Brutus:
    Wer vertritt diese Ansicht? Ich auf jeden Fall nicht. Ich spreche doch ausdrücklich von emotionalen Bedürfnissen, die von der Bundeswehr z.T. nicht erfüllt werden. Ich wollte im gestrigen Beitrag auch nicht so verstanden werden, dass ich gegen das öffentliche zum Ausdruck bringen positiver Emotionen bin. Ich würde mir von der Bundeswehr und auch vom deutschen Staat ganz im Gegenteil viel mehr Offenheit gegenüber emotionalen Identifikationsangeboten erwarten. Statt dessen wird von staatlicher Seite z.T. der Eindruck erweckt, als sei die positive emotionale Identifikation mit Deutschland und dem Dienst als Soldat etwas irgendwie heikles und anrüchiges.

  10. Brutus sagt:

    Wehrpflicht dient(e) nicht in erster Linie zur Nachwuchsgewinnung; die soziale und staatsbürgerliche Dimension des Dienstes (ob Wehr- oder Ersatzdienst) darf nicht vernachlässigt werden.

    Der Ansicht einer emotionslos und quasi automatisch agierenden, technokratischen Berufsarmee, so wie sie hier vertreten wird, widerspreche ich.

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