Bezüglich der Finanzierung der Aufständischen hatten wir darauf hingewiesen, dass die Bedeutung des Opiumanbaus überschätzt wird. Ein wichtiger Teil der Einnahmen stammt aus der allgemeinen Erpressung von Schutzgeldern von der Bevölkerung oder Spenden karitativer islamischer Organisationen u.a. aus Pakistan und arabischen Golfstaaten. Auch NROs tragen durch die Zahlung von Schutzgeldern zur Finanzierung der Aufständischen bei.
Wie auch ISAF und internationale Kräfte zur Finanzierung beitragen, hatte “b” bereits am Beispiel der Schutzgelder angesprochen, die u.a. im Rahmen des Treibstoffnachschubs gezahlt werden:
Nach eigenen Angaben gibt das U.S. Militär in Afghanistan € 70,93 je Liter Sprit für die kämpfende Truppe aus. Man kann jetzt mal überlegen wieviel davon die ‘Taliban’ als Wegezoll von den privaten Speditionsunternehmen abkassieren. Die USA. haben vor einiger Zeit alle Spritvertäge auf ‘frei Haus’ Bagram/Kandahar umgestellt. Das Transportrisiko tragen damit einzig die Lieferanten. Die sind dann natürlich bereit gutes Geld für die Sicherheit der Transporte auszugeben und Schutzgelder und Wegezoll an die ‘Taliban’ zu zahlen. Bei dem Preis ist ja eine ordentliche Pauschale für ‘Transportsicherheit’ drin – 3%, 5%, 10%? Insgesamt muss die Summe ziemlich groß sein. Eine Strassensperre bei Kunduz einzurichten ist unter diesem Gesichtspunkt ein hervorgendes Geschäft. Die Finanzierung der ‘Taliban’ ist allein durch diesen Privatisierungsunsinn in militärisch-operationellen Bereichen gesichert.
Das Problem scheint nicht auf amerikanische Kräfte beschränkt zu sein. Auch die Bundeswehr sichert ihren Nachschub nicht vollständig selbst.
Aram Roston hat nun in der amerikanischen “The Nation” einen Beitrag veröffentlicht, der sich detaillierter mit dem Problem auseinandersetzt. Der Beitrag dramatisiert zwar unnötig indem er stellenweise unterstellt, als hätten Sicherheitsdienstleister, Kriminelle und Aufständische (letztere nicht immer klar voneinander abgrenzbar) gemeinsame Interessen, aber das beschriebene Problem scheint real zu sein. Ohne die flächendeckende Gewährleistung von Sicherheit zumindest entlang der wichtigsten Verbindungsstraßen ist es wohl kaum lösbar.



@b
Befahrung – sicher, wenn Sie von Bestreifung o.ä. ausgehen haben Sie sicher recht. Das Legen von IED verhindert man aber schon durch “traffic”, auch durch zivile NfZ.
Vielleicht bin ich da zu blauäugig, aber ein Fahrzeug alle 500m würde ja schon ausreichen, ggf. fährt man auch im Umlauf / Pendelverkehr.
Man müßte dies einmal durchrechnen. Ansonsten ist eben auch mit UAV zu überwachen und der Verkehrsweg als “Sperrgebiet” auszuweisen.
Wieder eine Folge der Verkleinerung und massiven Privatisierung der (amerikanischen Streitkräfte) seite Ende des Kalten Krieges und der erhofften Friedensdividende: Um weiterhin Kampftruppenverbände in einer entsprechenden Stärke zur Verfügung zu haben, wurden überproportional viele Unterstützungsverbände aufgelöst.
Aber dieses Problem betrifft nicht nur die amerikanischen Streitkräfte: Auch die Bundeswehr hat im Zuge ihrer Transformation die (teilweise nichtaktiven) Sicherungszüge der Nachschub- / Transportbataillonen aufgelöst. Zwar gehört “Sicherung” auf dem Papier zu den allgemeinen Aufgaben im Einsatz, wird in vielen Truppenteilen und -gattungen der Nicht-Kampftruppen jedoch stark vernachlässigt. Zudem erfordert Konvoibegleitung zusätzliche, mit entsprechenden Fahrzeugen ausgestattete Kräfte, die derzeit in den Nachschub- / Transportbataillonen so nicht vorhanden sind. Dies hat zur Folge, dass die zahlenmäßig ohnehin schon schwachen Infanterie- und Sicherungsverbände zusätzliche Kräfte zur Sicherung von Nachschubkonvois abstellen muss. So stellen z.B. Marineschutzkräfte die Force Protection Anteile für das deutsche Nachschub- / Transportbataillon der Nato Response Force.
Um sowohl Konvoibegleitung (was mittlerweile auch Ausbildungsthema auf dem Lehrgang “Urbane Operationen” ist) als auch die Sicherung der Nachschubumschlagpunkte zu gewährleisten, wären Sicherungskräfte in Kompaniestärke je Nachschub- / Transportbataillon mit den entsprechenden Fahrzeugen nötig.
Aber es ist noch nicht einmal nötig, dass die Versorgung der internationalen und afghanischen Kräfte komplett durch eigene Nachschubverbände übernommen würde: Schon das Fahren der zivilen Tank- und Transportlastwagen im Konvoi mit militärischer Begleitung würde die Preise senken. Auch die Sicherung der Transporte durch private Dienstleister wie teilweise im Irak geschehen stellt eine Möglichkeit da, allerdings halte ich das angesichts der Gefahrenlage für nicht (erfolgreich) durchführbar.
@Brutus – “Eine kontinuierliche Befahrung der Straßen würde vielleicht schon ausreichen. Auch Überwachung mit UAV und ggf. Sensoren wäre möglich, wobei “Sperrzeiten” bzw. Konvoibildung für sonstige Zivilisten vorzusehen wären.”
Rechnen sie mal aus wieviele Kräfte man braucht um eine kontinuierliche Befahrung alleine der Strecke zwischen Kabul und Kandahar (480km) zu gewährleisten. Nicht nur die Befahrung 24/7 aber auch das entsprechende Backup an Reaktionskräften, Artillerie, Luftunterstützung etc. für den Fall das die Befahrungskräfte Probleme bekommen.
Da schafft ein verstärktes Infantriebatallion vielleicht 100 km Strecke ansatzweise unter Kontrolle zu halten. Sechs Züge in je einer FOB alle 15 Kilometer die jeweils eine Patrollie unterwegs haben und eine (möglichst luftverlegbaren) Reaktionskompanie in Reserve. Damit ist das Batallion gebunden.
Die Sowjets mussten 35% bis 50% ihrer Kräfte nur für die Sicherung der Lager und der Verbindungswege einsetzten. Die jetzigen Besatzer versuchen das durch Zahlungen an private Sicherheitsunternehmen zu vermeiden und kommen damit in die Sitution das sie im Endeffekt den Aufstand finanzieren da die Sicherheitsunternehmen ihre Arbeit durch Bestechung der Aufständischen erfüllen.
Wie kommt man aus dieser Situation raus? Verdoppelt man die Kräfte um selbst die Sicherung übernehmen zu können?
@b
Eine kontinuierliche Befahrung der Straßen würde vielleicht schon ausreichen. Auch Überwachung mit UAV und ggf. Sensoren wäre möglich, wobei “Sperrzeiten” bzw. Konvoibildung für sonstige Zivilisten vorzusehen wären.
Siehe auch dieses Guardian Stück das vor wenigen Tagen lief:
How the US army protects its trucks – by paying the Taliban
Sicherung der Nachschubwege, hauptsächlich der Ringstrasse und der Strassen ins Ausland, würde zwei bis drei Brigaden plus jede Menge Luftunterstützung erfordern. Zudem müsste ein Grossteil der Transporte dann vom Militär statt von Privatunternehmen abgewickelt werden.
Das wird wohl nicht geschehen. Statt dessen wird die Anwesenheit der ausländischen Soldaten weiterhin die Finanzierung derjenigen die sie bekämpfen sichern. Eine perfektes Rezept für ewigen Krieg.
Die Rüstungslobby freut sich …