Der Journalist Nir Rosen ist für außergewöhnliche Reportagen aus dem Irak und Afghanistan bekannt. Wir waren nicht immer von seinen Beiträgen überzeugt, bei denen er für uns nicht immer nachvollziehbare Schlußfolgerungen über das Geschehen zog.
Sein neuster Artikel beruht auf Beobachtungen in der afghanischen Provinz Helmand. Schwerpunkt des Beitrags ist der Zustand der ANP. Seine Beobachtungen werden durch zahlreiche andere Quellen bestätigt und legen nahe, dass eine Übergabe der Sicherheitsverantwortung an afghanische Sicherheitskräfte in großen Teilen des Landes sehr wahrscheinlich nicht innerhalb des Zeithorizonts liegt, auf den sich der amerikanische Präsident in seiner Rede ausdrücklich festgelegt hat.
Sein aktueller Beitrag gehört zu seinen besten. Stärker als früher beschränkt er sich darauf, Beobachtungen widerzugeben und dem Leser die Schlußfolgerungen zu überlassen. Wo er diese dennoch zieht, sind sie gut begründet, wie etwa diese:
The Americans have been ignoring the right lessons from Iraq—such as the use of community outposts—and internalizing the wrong ones. For example, all of the talk about bribing Afghan tribes shows that the Americans do not understand why Sunnis stopped resisting in Iraq (they lost) and overemphasizes the importance of tribalism in Afghan society.
Selten liest man auch so angemessene Kritik an der Überbewertung der Vermeidung ziviler Kollateralschäden:
It is also wrong to romanticize the extent to which the Americans protected the Iraqi population during the Surge. Air strikes killed more than 250 civilians in Iraq in 2006, more than 940 in 2007, and about 400 in 2008. Civilian deaths caused by Americans spiked during the Surge [...].
Die deutsche Diskussion scheint gar kein anderes Thema mehr zu kennen, wohingegen die Afghanen im konkreten Fall des Kunduz-Vorfalls eher gelassen reagieren.
Nur gegen Ende seines Artikel werden seine Bewertungenzu pauschal und negativ, z.B. wenn er behauptet, dass niemals begründet worden sei, welche Wirkung mehr Kräfte in Afghanista erzielen würden. Die Behauptung, dass die Aufständischen für viele Afghanen attraktiv geworden seien, widerspricht zudem den von ihm selbst widergegebenen Beobachtungen. Nicht zutreffend ist auch seine Behauptung, dass Al-Qaida vorhandene Unterstützung durch “imperialistische Exzesse” der USA gewonnen habe. Forschung über die Biographien der Anhänger zeichnet ein anderes Bild. Dennoch ist Rosens Beitrag insgesamt eine empfehlenswerte Lektüre.