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EU-Pirateriebekämpfung: "Keine spürbare Abschreckungswirkung"

Das “Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung” hat die Maßnahmen der EU gegen Piraterie im Rahmen der “Operation Atalanta” mit negativem Ergebnis untersucht:

Der internationale Militäreinsatz gegen die Piraterie vor der Küste Somalias hat keine spürbare Abschreckungswirkung. Die Zahl der Piratenangriffe hat sich seit Beginn der Militäraktion sogar nahezu verdoppelt. [...] „Der internationale Marineeinsatz hat dazu beigetragen, dass sich der Kreislauf aus Angriffen, Kaperungen und Lösegeldzahlungen stabilisiert hat,“ sagte Anja Shortland, Autorin der Untersuchung und Dozentin an der britischen Brunel University. „Damit wird die Piraterie aber nicht nur für die Seeräuber sondern auch für Versicherungen und Schiffseigner besser kalkulierbar.

Effektive Bekämpfung der Piraterie würde die Risiken für die Piratenbanden unkalkulierbar machen. Dazu fehlt es jedoch an Realismus und  politischem Willen. Auch die Empfehlungen des DIW (Schaffung einer somalischen Küstenwache) sind angesichts der Lage in Somalia wenig realistisch.

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Horn von Afrika: Realistische und unrealistische Optionen der Pirateriebekämpfung

Franz Feyder und Alexander Richter (zuletzt bekannt geworden durch die Asgaard-Geschichte) beschäftigen sich für die NDR-Reihe “Streitkräfte und Strategien” erneut mit dem Thema Somalia. Diesmal geht es um die mutmaßlichen Hintergründe der Piraterie dort und Optionen zu ihrer Bekämpfung.

Die Autoren zitieren einige akademische Stimmen, welche die Ursache der Piraterie in illegaler Fischerei sehen, und erwecken den Eindruck, dass die Bekämpfung illegaler Fischerei ein potentieller Weg zur Eindämmung der Piraterie sei. Wir halten dies jedoch für sehr unwahrscheinlich.

Allgemein halten wir die akademische Diskussion über Lösungen des Piratenproblems für sehr unbefriedigend (siehe auch hier). Auch das neue Vorhaben “Piraterie und maritimer Terrorismus als Herausforderungen für die Seehandelssicherheit” beschränkt seine Untersuchungen eindimensional auf zivile Optionen.

Die Piraterie am Horn von Afrika wird nicht von frustrierten Fischern betrieben, sondern von Banden der organisierten Kriminalität. Auch bei einer Eindämmung der illegalen Fischerei gäbe es für diese Banden keinerlei Anreiz, im Bereich Fischerei aktiv zu werden, da mit Piraterie wesentlich größere Profite ohne großes Risiko zu erzielen sind. Die vorgeschlagenen Maßnahmen würden daher sehr wahrscheinlich wirkungslos bleiben.

Auch der bebauptete Zusammenhang zwischen illegaler Fischerei und Piraterie hat nicht den romantischen Robin-Hood-Charakter, dem ihm manche Akademiker gerne unterstellen. Solche gesichtswahrenden Geschichten werden von westlichen Aktivisten leider oft gerne geglaubt. Viel plausibler und von Piraten teils selbst bestätigt ist die Annahme, dass die Piraterie von Banden ausgeht, welche ursprünglich Schutzgelder von Fischereischiffen erpressen wollten und dann entdeckten, dass Geiselnahme noch profitabler ist.

Aus der Afghanistan-Erfahrung sollte die sicherheitspolitische Diskussion in Deutschland gelernt haben, dass man sich leicht damit überfordern kann, wenn man zur Lösung überschaubarer sicherheitspolitischer Probleme die strukturellen Probleme unterentwickelter Gesellschaften beheben will.

Im Zusammenhang mit diesen Forderungen fällt häufig der Begriff der “Ursachenbekämpfung”.  Die reale Ursache des Piratenproblems ist jedoch die Wahrnehmung, dass Piraterie maximale Profite bei geringem Risiko verspricht. Ein naheliegender Weg, das Problem der Piraterie zu erledigen, ist daher die Erhöhung des Risikos für Leib, Leben, Freiheit und Eigentum der Piraten. Ist das Risiko hoch genug, ändert sich die Entscheidungsgrundlage und Piraterie wird eingestellt.

Dass diese Logik in der Praxis funktioniert, zeigen einige Präzedenzfälle:

The French response to Somali piracy is now so well known that “in Puntland they talk about avoiding ‘the French option’,” says John S. Burnett, author of the prescient 2002 study of modern piracy, “Dangerous Waters.” “They know French commandos will come after them,” says Burnett, “and some of these French guys are really tough mothers.”

Wie kinetische Optionen zur Bekämpfung der Piraten aussehen könnten, hat “Information Dissemination” vor einiger Zeit beschrieben. Angesichts des immer noch vergleichsweise geringen Schadens, der durch Piraterie erzeugt wird, werden solche Optionen jedoch wohl mittelfristig nicht zur Anwendung kommen. Frühere Anzeichen von Entschlossenheit in der deutschen Diskussion stellten sich als leere Worte heraus, und die Sicherstellung des Wohlergehens der Piraten bildet weiterhin den Schwerpunkt der deutschen Pirateriebekämpfung.

Nachtrag:
Wa die Piraterieabwehr angeht scheinen  private Sicherheitskräfte effektiver zu sein als staatliche Marinekräfte.

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Pirateriebekämpfung: Antworten der Friedensforschung

Piraterie am Horn von Afrika schadet wirtschaftlichen Interessen Deutschlands. In einem interessanten Kommentar zu Marinefragen wies die “taz” heute auf Folgendes hin:

[D]ie deutsche Containerflotte [ist] die größte auf den Weltmeeren: Jeder dritte Frachter der Globalisierung gehört hiesigem Kapital.

Lösungen sind aufgrund dieser Relevanz erforderlich. Da bisherige Ansätze weitgehend ineffektiv waren, besteht Bedarf an konzeptioneller und strategischer Auseinandersetzung mit den zugrundeliegenden Fragen.

Das “Bonn International Center for Conversion” (BICC), eine von zahlreichen Einrichtungen der Friedensforschung in Deutschland, hat sich des Themas nun angenommen und eine Kurzfassung der Ergebnisse einer entsprechenden Studie der Autoren Michael Ashkenazi und Edward Ceska veröffentlicht.

Das Dokument wirft jedoch einige Fragen auf:

  • Welche Beobachtungen veranlassen die Autoren zu der Annahme, dass Netzwerke der Organisierten Kriminalität (um solche handelt es sich bei Piraten) ihre Aktivitäten einstellen oder deutlich reduzieren werden, wenn sich legale Einkommensmöglichkeiten verbessern? Diese Netzwerke können aus verschiedenen Gründen ihre Aktivitäten nicht ohne Weiteres auf legale Aktivitäten umstellen und in diesem Bereich auch keine vergleichbaren Profite erzielen.
  • Die geforderten Maßnahmen würden grob geschätzt einen zweistelligen Milliardenbetrag kosten und allenfalls langfristig Wirkung entfalten, wobei diese Wirkung aufgrund der unklar begründeten Wirkungszusammenhänge fraglich wäre. Gleichzeitig werden kinetische Ansätze, deren Wirkung erprobt ist und unmittelbar sowie zu deutlich geringeren Kosten einträte, nicht einmal erwähnt.
  • Die Autoren sehen einen kausalen Zusammenhang zwischen illegaler Fischerei und Piraterie. Dieser Zusammenhang ist aber widerlegt. Entsprechende Behauptungen sind jedoch gerade im akademischen Bereich weiterhin populär, vermutlich weil sie zu Klischees vom Westen als Täter und der Dritten Welt als Opfer passen.
  • Die Autoren behaupten, dass wirksames Vorgehen gegen Piraten eine Stabilisierung Somalias bedinge. Warum? Die verantwortlichen Banden operieren von einer kleinen Zahl von Ortschaften der puntländischen Küste aus. Die Lage in anderen Landesteilen ist für die Operationen der Banden weitgehend irrelevant.

Die von Somalia aus operierenden Banden stellen ein taktisch vergleichsweise leicht zu lösendes Problem dar. Den Fähigkeiten westlicher Streitkräfte hätten sie wenig entgegenzusetzen. Es gibt keinen nachvollziehbaren Grund, ein leicht zu lösendes Problem so umzudefinieren, dass eine Lösung deutlich schwieriger bis unmöglich wird.

Es ist an der Zeit, aus dem Beispiel Afghanistans zu lernen. Man muß nicht alle sozialen Probleme Somalias lösen, um Piraterie in den Griff zu bekommen. Ein zeitlich und in den eingesetzten Fähigkeiten begrenztes offensives militärisches Vorgehen gegen Ziele in einigen Ortschaften am Land und ein paar Dutzend Boote würde sehr wahrscheinlich ausreichen. Verantwortliche an Land wären danach ggf. stärker motiviert, eigene Sicherheitsstrukturen zu schaffen, evtl. mit internationaler Ausbildungs- und Ausrüstungsunterstützung. Ist dies nicht der Fall, würde eine weitere militärische Eskalation eine Lösung herbeiführen. Die vorhandenen Erfolgsbeispiele der Bekämpfung entsprechender Banden lassen diese Schlußfolgerung zu. Die französische Erfahrung am Horn von Afrika deutet darauf hin, dass diese Beispiele auf Somalia übertragbar sind:

The French response to Somali piracy is now so well known that “in Puntland they talk about avoiding ‘the French option’,” says John S. Burnett, author of the prescient 2002 study of modern piracy, “Dangerous Waters.” “They know French commandos will come after them,” says Burnett, “and some of these French guys are really tough mothers.”

Repressalien gegen die Bevölkerung haben sich im somalischen Kontext ebenfalls als geeignetes Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen erwiesen:

United Nations assistance was withheld from the Somali clan or region by which or in which hostages were being held until those hostages were released. In every case there was a release, and in no case were hostages harmed or ransom paid. [...] In 1995, for example, the water supply for Mogadishu, the capital, was shut off by the United Nations humanitarian agencies until a hostage who worked for another aid organization was released. On the first day of the shutoff, the women who collected water from public distribution points yelled at the kidnappers; on the second day they stoned them; on the third day they shot at them; on the fourth day, the hostage was released.

Aufgrund der verschlechterten humanitären Lage ist die Verwundbarkeit für solche Repressalien aktuell vermutlich noch größer als in der Vergangenheit, weshalb sie wahrscheinlich effektiver wären.

Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit sicherheitspolitischen Fragestellungen müsste solche Optionen zumindest zur Kenntnis nehmen. Eine begründete strategische, operative und taktische Bewertung wäre bei einer rationalen Herangehensweise die Grundlage für die eigenen Empfehlungen. Der Wohlfühlansatz der Friedensforschung klammert unangemehme Aspekte der Realität allerdings meist grundsätzlich aus, weshalb die Schlußfolgerungen und Empfehlungen auch in diesem Fall rationalen Maßstäben nicht genügen.

Wie eine angemessene Auseinandersetzung mit realen Optionen aussehen kann, machen alternativ die Fachleute von “Information Dissemination” vor.

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Ethik und Sicherheitspolitik: Das Problem des "letzten Mittels"

Wir halten den praktischen Wert der Disziplin Ethik bei der Betrachtung sicherheitspolitischer Probleme für äußerst gering. Dies wird aktuell an einem Interview mit Volker Stürmke deutlich, der als Dozent für Sozialethik an der Führungsakademie der Bundeswehr tätig ist.

Bei seinem Versuch, die Frage nach einem Streitkräfteeinsatzes gegen Piraten am Horn von Afrika ethisch zu beantworten, produziert er wenig substanzhaltige Argumente und beschränkt sich auf subjektive Bewertungen, denen eine rationale Basis fehlt (oder die zumindest nicht erkennbar wird). Besonders deutlich wird dies, wenn er das Konzept des “Gerechten Krieges” heranzieht, das den Einsatz von Streitkräften nur als “letztes Mittel” für legitim hält. Im Fall der Piraterie erkennt er zahlreiche Alternativen, weshalb Streitkräfte nicht das “letzte Mittel” darstellen würden und ein Einsatz daher unethisch sei:

Die Seemänner sollten besser ausgebildet werden, Reeder könnten längere Routen in Kauf nehmen und das Seegebiet vor Somalia meiden. Es gibt also andere Mittel gegen die Überfälle.

Bei Geiselnahmen kann man Lösegelder zahlen, und bei militärischen Angriffen kann man die politischen Forderungen der Angreifer erfüllen. In fast jeder denkbaren sicherheitspolitischen Situation wäre immer noch ein anderes Mittel denkbar als der Einsatz von Streitkräften, und wenn es die Kapitulation ist. Das Kriterium des “letzten Mittels” ist daher für die Praxis wertlos. Diese Schwäche ethischer Argumentation wird auch im Standardwerk zum Thema Ethik und Krieg von Michael Walzer (“Just and Unjust Wars”) deutlich.

Ausnahsweise hat Noam Chomsky Recht, wenn er über das Konzept des “Gerechten Krieges” und Walzers Werk hart urteilt. Das Konzept des “Gerechten Krieges” objektiviert ethische Fragestellungen nur scheinbar und trägt nicht zu einer besseren Entscheidungsfindung bei. Die auf seiner Grundlage formulierten Gedanken sind im konkreten Beispiel nur Phrasen, die keine Frage wirklich beantworten.

Zudem fehlen objektive Gründe dafür, warum die dem Konzept des “Gerechten Krieges” zugrundeliegende Ethik gültig sein soll. Der Bezug auf das “Christentum” ersetzt eine rationale Basis nicht. Es bleibt z.B. völlig unklar, warum es unethisch sein soll, wirtschaftliche Interessen militärisch zu schützen. Einige Ethiker sind dieser subjektiven Meinung, andere nicht. Ethische Diskussionen verlieren sich meist rasch in der bloßen Äußerung von vorgeblich durch höhere moralische Mächte legitimierten persönlichen Meinungen, was keine sinnvolle Grundlage für politische Entscheidungen sein sollte. Es stellt sich die Frage, ob auf der Grundlage des Christentums überhaupt eine sicherheitspolitisch relevante Ethik formuliert werden kann, wenn man bedenkt, dass die Texte des Neuen Testaments weniger von der Bewältigung der Tatsache der Unvollkommenheit der Welt handeln als der Flucht vor dieser Welt.

Es gibt allerdings ernstzunehmende Alternativen zur konventionellen subjektiven Ethik, z.B. in Form der politischen Philosophie des Realismus oder auch der Ethik des Objektivismus.

Die von konventionellen Ethikern thematisierten Fragestellungen sind davon abgesehen dennoch relevant, sollten aber auf einer rationalen Grundlage diskutiert werden. Um ein anderes Beispiel zu wählen: Zivile Kollateralschäden werden häufig als ethisches Problem behandelt, würden aber sicherheitspolitisch keine Rolle spielen, wenn sie nicht die innenpolitische Unterstützung für den Einsatz und deren Unterstützung durch die afghanische Bevölkerung gefährden würden. Sie sind primär als strategisches Problem zu betrachten und nicht als ethisches. Ähnlich verhält es sich mit der Frage eines Einsatzes gegen Piraten am Horn von Afrika.

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Abwehr von Piraterie: Stärkerer Einsatz privater Sicherheitskräfte?

Das Vorgehen internationaler Marinekräfte gegen Piraten am Horn von Afrika ist weiterhin ineffektiv. Vor diesem Hintergrund erwägen betroffene Unternehmen nun einen stärkeren Einsatz von privaten Sicherheitskräften.

Private Kräfte haben sich gegenüber staatlichen Streitkräften nicht nur als effektiver beim Schutz von Schiffen erwiesen. Ihr Einsatz wäre volkswirtschaftlich auch wesentlich günstiger. Was sie allerdings kaum leisten können, ist die Befreiung von Schiffen und Geiseln sowie offensive Operationen gegen Piraten.

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