Der am “Deutschen Institut für Politikwissenschaft” tätige Politikwissenschaftler Jörn Grävingholt hat einen Beitrag über die Perspektiven der Entwicklungszusammenarbeit in Afghanistan nach ISAF verfasst, den wir aus sicherheitspolitischer Perspektive kommentieren.
Er hat aus unserer Sicht Recht, wenn er sagt:
[D]er nachhaltige Aufbau eines Staates, der seinen Bürgern einen Grundbestand an Sicherheit, funktionierenden Institutionen und öffentlicher Daseinsvorsorge gewährleistet und die dafür erforderliche Legitimität genießt, ist mit den Mitteln und in den Zeithorizonten des Militärs nicht zu bewerkstelligen.
Wir halten es allerdings für fraglich, ob diese Aufgabe angesichts der Lage im Land überhaupt durch externe Akteure leistbar ist.
Grävingholt fordert, die “strukturellen Ursachen” der Instabiltität in Afghanistan anzusprechen. Die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte zeigt jedoch, dass sowohl Militär als auch Entwicklungszusammenarbeit und andere Akteure damit meist überfordert sind. Gesellschaften sind nicht so formbar, wie man in den 60er und 70er Jahren vermutete, als die Idee der Beseitigung “struktureller Ursachen” von Konflikten entwickelt wurde. “Strukturelle Ursachen” von Konflikten werden in der Praxis (wenn überhaupt) so beseitigt wie auf dem Balkan (ethnische Säuberung), in Ruanda (Sieg einer Konfliktpartei). Politischer Realismus würde anerkennen, dass “strukturelle Ursachen” nur selten wirksam angesprochen werden können.
Die Entwicklungszusammenarbeit soll diese Aufgabe dennoch leisten, und zwar als “neutraler” Akteur:
Internationale Akteure haben die größten Aussichten, Staatsaufbau in Nachkriegsgesellschaften erfolgreich zu unterstützen, wenn sie als moderierende “dritte Kraft” eingreifen, die eine Friedenslösung aushandeln und die Grundlagen für einen neuen Staat finden hilft. In Afghanistan fallen die meisten internationalen Akteure für diese Rolle vorerst aus, weil die ISAF faktisch Kriegspartei ist. Die Entwicklungspolitik muss in den nächsten Jahren versuchen, sich aus der damit verbundenen Mithaftung zu befreien und ihre Rolle neu zu definieren (auch wenn die Aufständischen derzeit demonstrieren, dass ihnen derlei subtile Rollendifferenzierungen gleichgültig sind). Zur Unparteilichkeit gehört, sich als externer Partner nicht an bestimmte Akteure, wie die herrschende Regierung, und ihren politischen Erfolg zu ketten.
Wir halten dies für politisch kontraproduktiv. Entwicklungspolitik sollte Teil einer außen- und sicherheitspolitischen Gesamtstrategie sein und kann in diesem Zusammenhang nicht neutral auftreten. Das Ziel einer rationalen Politik in Afghanistan wäre nicht “Frieden” im abstrakten Sinn, sondern die Förderung deutscher Interessen durch Stärkung jener Akteure im innerafghanischen Konflikt, welche diesen Interessen am nächsten stehen. Die Deutsche Außen- und Sicherheitspolitik hatte z.B. nach 1979 kein Interesse an “Frieden” in Afghanistan, sondern ein Interesse an einer Niederlage der Sowjetunion. In der aktuellen Situation besteht ein Interesse an der Schwächung feindlicher islamistischer Netzwerke. Auch wenn die mit diesen Netzwerken kooperierenden Taliban vielleicht “Frieden” in Teilen des Landes schaffen könnten, so gibt es dennoch kein deutsches Interesse daran.
Die staatliche Entwicklungspolitik in Deutschland leidet aus unserer Sicht immer noch daran, dass sie häufig eigentlich nicht Politik sein will, sondern Aktivismus. Davon abgesehen ist die Entwicklungszusammenarbeit schon jetzt nur schwach in Afghanistan vertreten, und wir glauben nicht, dass in den verschlechterten Bedingungen nach ISAF eine relevante Präsenz aus diesem Bereich zu erwarten ist.
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