Die jüngste Häufung von Verlusten der Bundeswehr in Afghanistan halten wir nicht für eine überraschende Entwicklung. Die bislang vergleichsweise niedrigen Verluste waren aus unserer Sicht primär eine Folge des schlechten militärischen Ausbildungsstandes der Masse der Aufständischen. Schon häufig wurde gemeldet, dass deutsche Soldaten z.B. mit Salven von RPGs angegriffen wurden. Ein einziger Treffer mit einer RPG gegen ein Fahrzeug der Bundeswehr kann ausreichen, um Verluste wie die bei den Vorfällen der letzten Tage und Wochen aufgetretenen herbeizuführen. Es würde nicht viel dazugehören, bei einzelnen Vorfällen zweistellige Verlustzahlen unter deutschen Soldaten zu erzeugen. Die aktuellen Verluste liegen aus unserer Sicht daher eher im unteren Bereich dessen, was man in Deutschland bei ernstgemeintem Engagement in Afghanistan auszuhalten bereits sein müsste.
Mit der offenbar wachsenden Präsenz möglicherweise professionellerer internationaler Kämpfer im Norden Afghanistans, der stärkeren Präsenz von Aufständischen im Kunduz-Baghlan-Korridor und der angekündigten Verstärkung der Präsenz der Bundeswehr dort wird möglicherweise auch ein Anstieg der deutschen Verluste verbunden sein. Die Politik könnte spätestens jetzt damit beginnen, die Öffentlichkeit besser darauf vorzubereiten. Die Betroffenheitswellen, die nach jedem Vorfall durch Deutschland gehen, mögen gut gemeint sein, sind aber letztlich Ausdruck einer Einstellung, auf deren Grundlage möglicherweise noch höhere Opferzahlen kaum bewältigt werden können.
Wiederholt haben wir die deutsche Afghanistan-Diskussion kritisiert, weil sie aus unserer Sicht durch die Demonstration von Schwäche die Motivation der Aufständischen stärkt. Leider wird den Aufständischen von Politik, Bundeswehr und Gesellschaft weiterhin vermittelt, dass Deutschland auch relativ niedrige Verluste in Afghanistan kaum erträgt und sowohl Bundeswehr als auch Politik dabei sind, den Willen zur Fortsetzung des Einsatzes zu verlieren. Einen stärkeren Anreiz für weitere Anschläge könnte es kaum geben.
Wir respektieren Militärgeistliche aufgrund unserer sehr positiven Erfahrungen mit deren Arbeit. Äußerungen wie die des Geistlichen Bernd Schaller in Kunduz halten wir für kontraproduktiv:
Hier herrscht ungemein große Betroffenheit und Traurigkeit, auch weil erst vor zwei Wochen drei Kameraden ums Leben kamen, viele verletzt wurden. Alle hier sind absolut schockiert.
Wir wissen, dass die meisten Soldaten ihren Auftrag auch unter Belastung professionell angehen und keinesfalls so eingeschüchtert sind, wie der Geistliche behauptet. Wir verstehen nicht, warum er die Soldaten erneut auf diese Weise öffentlich bloßstellt. Selbst wenn seine Beschreibung zutreffend wäre, könnte man von ihm erwarten, solche Beobachtungen für sich zu behalten. Der Konflikt in Afghanistan wird auch auf der Ebene der Wahrnehmungen entschieden, und die Wahrnehmungen die Herr Schaller erzeugt, wirken als Kräftemultiplikator für den Gegner.
Wie man mit solchen Fragen professionell umgehen kann, hat der von uns bereits zitierte Hauptfeldwebel Daniel Seibert vorgemacht, dessen sachliche, ernste und ohne Psychokitsch auskommende Worte aber bislang von den Medien ignoriert werden. Über die Ursache dafür können wir nur spekulieren: Passen Profis nicht in das bei den Medien beliebte Klischee des Soldaten als Opfer?
Ansonsten zeigt der aktuelle Vorfall, dass die Gegenüberstellung von Kampfeinsatz einerseits und Ausbildungseinsatz andererseits in der Praxis nicht funktioniert. Die Politik erweckt gerne den Eindruck, als sei die vorgesehene Verstärkung der Ausbildung der ANA eine Fortsetzung jener Politik, die eigene Risiken durch Passivität minimieren will und dies hinter Euphemismen wie “Vorrang vor zivilen Mitteln” etc. versteckt. Die Begleitung der afghanischen Soldaten im Einsatz durch deutsche Mentoren bringt jedoch fast selbstverständlich auch Situationen mit sich wie jene, bei der gestern mindestens vier deutsche Soldaten fielen.
Es hat Jahre gedauert, bis die Politik minimale Kompromisse an die Realität in Afghanistan eingegangen ist und z.B. den nicht-internationalen bewaffneten Konflikt dort als solchen (und auch erst nach gerichtlicher Entscheidung) anerkannt hat oder die Verlegung von Panzerhaubitzen ermöglichte. Immer noch leugnet man eine zentrale Realität: In Afghanistan gibt es neben anderen Herausforderungen auch einen militärischen Gegner, der auch deutsche Soldaten in möglichst großer Zahl töten will und dessen zu dessen Überwindung deutsche Soldaten nicht nur in Selbstverteidigung kämpfen müssten.
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