Schlagwortarchiv | "Bundeswehr"

ISAF: Darstellung der deutschen Beteiligung am Targeting-Prozess (II)

Die bislang umfassendste Darstellung der deutschen Beteiligung am Targeting-Prozess hat jetzt das BMVg selbst vorgelegt. Es wurd. u.a. erwähnt, dass entsprechende Entscheidungen auf Grundlage des humanitären Völkerrechts durch die höchste politische Führungsebene innerhalb der NATO legitimiert werden. Darstellungen die implizieren, dass im Rahmen des “Kinetic Targeting” Spezialkräfte quasi auf eigene Faust “im Wildwest-Stil” handeln würden, sind damit endgültig nicht mehr haltbar.

Warum der Bundeswehr die Tötung feindlicher Anführer im Rahmen des “Kinetic Targeting” trotz dessen solider Legitimation und vorhandenen Bedarfs weiterhin verweigert wird, erklärt das BMVg allerdings nicht. Wir erwarten auch nicht, dass aus der deutschen Diskussion diesbezüglich kritische Nachfragen kommen werden.

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Nicht-öffentliche Gelöbnisse: Falsches Signal

Die Tatsache, dass Gelöbnisse von Rekruten der Bundeswehr angesichts der Drohungen von Linksextremisten (unterstützt von Teilen der SPD/der Jusos und Bündnis90/Die Grünen) unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, halten wir für ein falsches Signal. Man sollte es auf die Konfrontation mit den Gewalttätern ankommen lassen und diese die Konsequenzen Folgen ihres Verhaltens angemessen spüren lassen. Früher oder später würden diese mit Sicherheit die Lust an ihrem Einschüchterungsgehabe verlieren. Die Flucht vor den Chaoten passt aber zu einer sicherheitspolitischen Kultur, die ständiges Zurückweichen vor Herausforderungen als Tugend empfindet.

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Erneut deutsche Gefallene in Afghanistan: Kommentar

Die jüngste Häufung von Verlusten der Bundeswehr in Afghanistan halten wir nicht für eine überraschende Entwicklung. Die bislang vergleichsweise niedrigen Verluste waren aus unserer Sicht primär eine Folge des schlechten militärischen Ausbildungsstandes der Masse der Aufständischen. Schon häufig wurde gemeldet, dass deutsche Soldaten z.B.  mit Salven von RPGs angegriffen wurden. Ein einziger Treffer mit einer RPG gegen ein Fahrzeug der Bundeswehr kann ausreichen, um Verluste wie die bei den Vorfällen der letzten Tage und Wochen aufgetretenen herbeizuführen. Es würde nicht viel dazugehören, bei einzelnen Vorfällen zweistellige Verlustzahlen unter deutschen Soldaten zu erzeugen. Die aktuellen Verluste liegen aus unserer Sicht daher eher im unteren Bereich dessen, was man in Deutschland bei ernstgemeintem Engagement in Afghanistan auszuhalten bereits sein müsste.

Mit der offenbar wachsenden Präsenz möglicherweise professionellerer internationaler Kämpfer im Norden Afghanistans, der stärkeren Präsenz von Aufständischen im Kunduz-Baghlan-Korridor und der angekündigten Verstärkung der Präsenz der Bundeswehr dort wird möglicherweise auch ein Anstieg der deutschen Verluste verbunden sein. Die Politik könnte spätestens jetzt damit beginnen, die Öffentlichkeit besser darauf vorzubereiten.  Die Betroffenheitswellen, die nach jedem Vorfall durch Deutschland gehen, mögen gut gemeint sein, sind aber letztlich Ausdruck einer Einstellung, auf deren Grundlage möglicherweise noch höhere Opferzahlen kaum bewältigt werden können.

Wiederholt haben wir die deutsche Afghanistan-Diskussion kritisiert, weil sie aus unserer Sicht durch die Demonstration von Schwäche die Motivation der Aufständischen stärkt. Leider wird den Aufständischen von Politik, Bundeswehr und Gesellschaft weiterhin vermittelt, dass Deutschland auch relativ niedrige Verluste in Afghanistan kaum erträgt und sowohl Bundeswehr als auch Politik dabei sind, den Willen zur Fortsetzung des Einsatzes zu verlieren. Einen stärkeren Anreiz für weitere Anschläge könnte es kaum geben.

Wir respektieren Militärgeistliche aufgrund unserer sehr positiven Erfahrungen mit deren Arbeit. Äußerungen wie die des Geistlichen Bernd Schaller in Kunduz halten wir für kontraproduktiv:

Hier herrscht ungemein große Betroffenheit und Traurigkeit, auch weil erst vor zwei Wochen drei Kameraden ums Leben kamen, viele verletzt wurden. Alle hier sind absolut schockiert.

Wir wissen, dass die meisten Soldaten ihren Auftrag auch unter Belastung professionell angehen und keinesfalls so eingeschüchtert sind, wie der Geistliche behauptet. Wir verstehen nicht, warum er die Soldaten erneut auf diese Weise öffentlich bloßstellt. Selbst wenn seine Beschreibung zutreffend wäre, könnte man von ihm erwarten, solche Beobachtungen für sich zu behalten. Der Konflikt in Afghanistan wird auch auf der Ebene der Wahrnehmungen entschieden, und die Wahrnehmungen die Herr Schaller erzeugt, wirken als Kräftemultiplikator für den Gegner.

Wie man mit solchen Fragen professionell umgehen kann, hat der von uns bereits zitierte Hauptfeldwebel Daniel Seibert vorgemacht, dessen sachliche, ernste und ohne Psychokitsch auskommende Worte aber bislang von den Medien ignoriert werden. Über die Ursache dafür können wir nur spekulieren: Passen Profis nicht in das bei den Medien beliebte Klischee des Soldaten als Opfer?

Ansonsten zeigt der aktuelle Vorfall, dass die Gegenüberstellung von Kampfeinsatz einerseits und Ausbildungseinsatz andererseits in der Praxis nicht funktioniert. Die Politik erweckt gerne den Eindruck, als sei die vorgesehene Verstärkung der Ausbildung der ANA eine Fortsetzung jener Politik, die eigene Risiken durch Passivität minimieren will und dies hinter Euphemismen wie “Vorrang vor zivilen Mitteln” etc. versteckt. Die Begleitung der afghanischen Soldaten im Einsatz durch deutsche Mentoren bringt jedoch fast selbstverständlich auch Situationen mit sich wie jene, bei der gestern mindestens vier deutsche Soldaten fielen.

Es hat Jahre gedauert, bis die Politik minimale Kompromisse an die Realität in Afghanistan eingegangen ist und z.B. den nicht-internationalen bewaffneten Konflikt dort als solchen (und auch erst nach gerichtlicher Entscheidung) anerkannt hat oder die Verlegung von Panzerhaubitzen ermöglichte. Immer noch leugnet man eine zentrale Realität: In Afghanistan gibt es neben anderen Herausforderungen auch einen militärischen Gegner, der auch deutsche Soldaten in möglichst großer Zahl töten will und dessen zu dessen Überwindung deutsche Soldaten nicht nur in Selbstverteidigung kämpfen müssten.

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Afghanistan: 2009 war “härtestes Jahr” für die Bundeswehr

Im vergangenen Jahr gab es in Afghanistan nach Angaben der Bundeswehr 77 Vorfälle, die sich direkt gegen deutsche Soldaten richteten. Insgesamt fielen fünf deutsche Soldaten, weshalb Medien vom “härtesten Jahr” bislang sprachen.

Vergleicht man diese Zahlen mit denen anderer Regionen in Afghanistan, so relativiert sich diese wahrgenommene Härte jedoch deutlich. So gab es alleine am Wahltag im August rund 300 Sicherheitsvorfälle und somit ein mehrfaches dessen, was die Bundeswehr in einem ganzen “harten” Jahr auszuhalten hat. Im ersten Halbjahr 2009 gab es durchschnittlich pro Monat rund 900 Sicherheitsvorfälle (nach VN-Zählung). Nach Zählung der amerikanischen Streitkräfte gab es alleine im Juli rund 800 IED-VorfälleZahl der monatlich von Aufständischen durchgeführten Anschläge (“Insurgent initiated attacks”) liegt im Durchschnitt bei über 1.000 im Monat. Die Verlustzahlen der Bundeswehr eines ganzen Jahres erleiden manche Verbündete im Süden am schlechten Einzeltagen. (versuchte und durchgeführte Anschläge), und die

Verglichen mit den Schwerpunkten der Aufständischen innerhalb Afghanistans ist die Lage auch an den Brennpunkten des Nordens wie Kunduz immer noch vergleichsweise unproblematisch. Die Herausforderungen dort sind keinesfalls durch besondere Härte gekennzeichnet sondern liegen in ihrer Intensität weit unter dem, was etwa in Helmand oder Kandahar die Norm ist.

Die Diskussion über die verschlechterte Bedrohungslage im Norden Afghanistan ist grundsätzlich positiv, weil sie die öffentliche Aufmerksamkeit auf Fehlentwicklungen lenkt. Eine Korrektur dieser Fehlentwicklungen würde jedoch zumindest kurzfristig höhere deutsche Verluste und einen Anstieg der Zahl der Sicherheitsvorfälle mit sich bringen. Wer wahrgenommene “Härte” problematisiert, setzt in diesem Zusammenhang falsche Schwerpunkte. Das Ziel des Einsatzes sollte nicht die Minimierung des Risikos für deutsche Soldaten sein, sondern die Erfüllung des Auftrags.

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Weihnachten im Einsatz: Wahrnehmung in Deutschland

Über die Weihnachtstage war in deutschen Medien eine grundsätzlich begrüßenswerte Welle ernstgemeinter Empathie für die deutschen Soldaten im Afghanistan-Einsatz zu beobachten. Bestes Beispiel sind Auszüge aus Weihnachts-Feldpost, die von der “Süddeutschen Zeitung” veröffentlicht wurden. Leider gab es auch einen Fall geheuchelter Empathie, wie sie u.a. der Weihnachtsbrief der SPD darstellte. Dieser stellte aber eine Ausnahme dar und wurde, soweit wir es überblicken können, auch durchweg negativ aufgenommen.

Was uns an der gut gemeinten Empathie stört ist, dass zu häufig versucht wird, vermeintlich Belastendes in den Vordergrund zu stellen oder etwas zu angestrengt danach zu suchen, wo es in Wirklichkeit gar nicht vorhanden ist. Die Medien versuchen z.B., im Alltag der Soldaten nach Entbehrung und Härte zu suchen. Für die Masse der Soldaten ist der Einsatz jedoch eher langweilig und gleicht betreutem Wohnen in Einrichtungen mit besserer Verpflegung als in Deutschland sowie durchgängig gewährleisteter Verpflegung mit Feldpost, Marketenderwaren und Gastronomie (“Betreuungseinrichtungen”). Der Komfort, den deutsche Soldaten im Einsatz genießen, wird von vielen Verbündeten beneidet.

Belastungen für die Soldaten werden von den Medien zudem sehr selektiv wahrgenommen. Akzeptierte Belastungen sind Komforteinbußen teilweise auch trivialster Art. Weniger wahrgenommen werden Belastungen, die für den Zeitgeist weniger nachvollziehbar sind, z.B. der für viele Soldaten irritierende Umgang der Heimat mit dem Tanklaster-Vorfall. Echte Empathie würde es wagen, auch dieses Thema anzusprechen.

Eine potentielle Gefahr dieses gesellschaftlichen Umgangs mit Entbehrungen und Belastungen im Einsatz sehen wir darin, dass unter Soldaten angesichts der Rückmeldungen aus der Heimat das Bewusstsein dafür abnehmen könnte, dass reale Härten anders aussehen als das, was 95% der Soldaten im Einsatz derzeit erleben.

Verbündete in Afghanistan übernachten in diesen Tagen bei Minusgraden im Freien, der Nachschub kommt nicht durch, es mangelt an Trinkwasser und Treibstoff (oder, noch schlimmer, an Munition), und der Feind sitzt rings umher auf den Anhöhen um die eigene Stellung, und täglich gibt es eigene Verluste. Auch so kann Weihnachten in Afghanistan aussehen. Deutsche Soldaten müssen sich darüber im Klaren sein, dass ihr Dienst eines Tages solche und noch wesentlich größere Belastungen mit sich bringen kann, und dass von ihnen dann erwartet werden wird, diese klaglos zu bewältigen.

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Kunduz: Warum die Aufständischen erstarkten

Die politische Führung und Vertreter fast aller Parteien behaupten gerne, dass der Einsatz der Bundeswehr im Norden Afghanistans eigentlich ein Erfolg sei, und dass die zu beobachtende Verschlechterung der Bedrohungslage und das Erstarken der Aufständischen primär eine Folge des angeblich unangemessen kinetischen Vorgehens der USA oder der Briten im Süden und Osten des Landes sowie ziviler Kollateralschäden sei. Diese Darstellung gehörte zu den durch den ehemaligen Verteidigungsminister verbreiteten Unwahrheiten, für die er praktisch nie kritisiert wurde. Andere meinen, dass zuwenig zivile Aufbauhilfe oder andere Faktoren die primäre Ursache dieser Entwicklung seien.

Wir meinen hingegen, dass das zentrale Problem im Norden mangelnde Präsenz der Bundeswehr in der paschtunischen Bevölkerung in Verbindung mit militärischer Passivität ist. Carlotta Gall beschreibt in der “New York Times”, wie die Passivität der Bundeswehr den Aufständischen ermöglichte, im Raum Kunduz zu erstarken:

Kunduz, a fertile farming region interspersed with desert, has had a trajectory similar to that of many other provinces, as the insurgents extended their hold through calculated intimidation and exploitation of tribal ties. By the spring of 2008, militants started appearing in groups of as many as 100, with some foreign fighters among them, local residents and officials said. They assassinated local leaders, including a Pashtun Koran reader who was beheaded, and quickly took control of several Pashtun areas, forcing ethnic Uzbeks from their homes in some districts, said Wakil Qara Qushlik, a local leader who had to flee his village last year. The Taliban were at first more subtle with their fellow Pashtuns. A group of them came last spring without guns to introduce themselves to one prominent Pashtun family in Chahardara, and asked for support. They were worried about their own safety then, one family member said, asking not to be named. “They were behaving very well with the people,” he said. “They stopped thieves, and brought law and order to the area.” But as elsewhere, that changed as the Taliban gained power and confidence, he said. This year the Taliban arrived with “lots of cash, new dollars and guns,” and began collecting ushr, an Islamic tax, from farmers. Now, he said, they come to his home and demand to be fed, and have begun an intimidation campaign against his family for not supporting them at the beginning.

Alle diese Entwicklungen hätten militärisch verhindert werden können. Dies geschah nicht, weil die Bundesregierung dies ausdrücklich nicht wollte. Nicht nur Minister Jung hat über die Lage im Norden die Unwahrheit gesagt und damit dazu beigetragen, dass eine Diskussion über die Erfordernisse der Lage bis heute in Deutschland nur sehr unzureichend stattfindet.

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Neuer Bundeswehr-Skandal: "Du sollst nicht stehlen"

Ein Bekannter schickte uns vor einigen Tagen aus Afghanistan das Photo eines T-Shirts mit der Aufschrift “Du sollst nicht stehlen” und der Abbildung zweier Tanklaster. Er hatte das T-Shirt im norwegischen PX im Camp Marmal erworben. Wir haben trotz des attraktiven Motivs darauf verzichtet, diese Form des humorvoll-selbstbewussten Umgangs mit dem Vorfall vom 04. September zu veröffentlichen, weil die in diesem Fall zu erwarteten Reflexe vorhersehbar gewesen wären.

So ist es dann auch gekommen: Die Bundeswehr hat das T-Shirt entdeckt und bezeichnet das Bibelzitat “Du sollst nicht stehlen” offiziell als “geschmacklos”. Der Feind könnte sich durch die Erinnerung an universelle moralische Grundsätze beleidigt fühlen, also verbietet man das T-Shirt und distanziert sich vorsorglich von dessen biblischer Botschaft. Zudem werden “disziplinare Maßnahmen” gegen Soldaten angekündigt, die möglicherweise an der Erstellung dieses  beliebten T-Shirts (wir haben direkt mehrere bestellt) beteiligt waren. Man fragt sich, gegen welche Vorschriften hier verstoßen worden sein soll?

Die militärische Führung in Afghanistan spielt weiterhin Friedensarmee. Wenn man sich nicht gerade damit beschäftigt, Soldaten das Tragen praktischer Fleecejacken im afghanischen Winter zu verbieten,  kümmert man sich um T-Shirts. Ernstere Probleme scheint man nicht zu haben. Wie die meisten Bundeswehr-”Skandale” ist auch dieser eine Lachnummer. Dank der typisch deutschen Kombination aus öffentlicher Hypermoral und Hypersensibilität der Bundeswehr sind weitere “Skandale” bereits vorprogrammiert.

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Militärische Nachwuchsgewinnung: Alternativen zu Zwangspraktika

Im Zusammenhang mit der auch mit Nachwuchsgewinnung begründeten sicherheitspolitisch überflüssigen Aufrechterhaltung der Wehrpflicht bzw. der Umwandlung des Wehrdienstes in eine Art Praktikum wurden wir auf drei Meldungen aufmerksam, welche die Gewinnung von Nachwuchs in anderen Staaten beschreiben:

Die Bundeswehr sollte in Erwägung ziehen, Nachwuchs nicht über Zwangspraktika zu gewinnnen, sondern durch höhere Standards, fordernden Dienst und die Erfüllung emotionaler Bedürfnisse z.B. nach Stolz und Ehre. Zu viele Grundwehrdienstleistende klagen immer noch über “Gammeldienst” und sind unterfordert. Wie gegenwärtig das Potential deutscher Rekruten vergeudet wird, schildert auch dieses Beitrag der “Frankfurter Rundschau”:

Wichtiger aber waren die vielversprechenden Vokabeln: Härte, Waffen, Belastung, Drill. Das, was schon Generationen von Männern durchgestanden haben, hatte eine Anziehungskraft für ihn. Er wollte raus aus der “Alltagslethargie” von dreizehn Jahren Schule, mal etwas ganz anderes machen, “neue Erfahrungen”, bevor er ins Studium einsteigt. Geschichte und Anglistik, wahrscheinlich. Er sei da wohl ein bisschen naiv gewesen, sagt er heute [...].

Der Vorfall in Coesfeld wurde von den Betroffenen hingegen selbst als positiv empfunden. Auch hier suchten die Betroffenen offenbar die Herausforderung und den Kontakt mit einer Wirklichkeit, die der Masse der Menschen in Deutschland nicht zugänglich ist. Die eigentliche Demütigung stellte für die Betroffenen anscheinend nicht die (unprofessionell und gegen Weisungen der Bundeswehr durchgeführte) irreguläre Ausbildung dar, sondern die Äußerung der Richter und Kläger, dass es sich “nur” um Grundwehrdienstleistende und “nur” um Instandsetzer gehandelt habe, bei denen eine unvollständige Ausbildung ausreiche. Wie der Wehrbeauftragte es in anderem Kontext ausdrückte: “Ich denke, das Schlimmste, was man jungen Menschen antun kann, ist, ihnen das Gefühl zu geben, überflüssig [...] zu sein.”

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Kriegsverbrecher-Vorwürfe gegen Oberst Klein: Völkerrechtliche Fakten

Oberst Klein mag möglicherweise gegen ROE verstoßen haben, aber sein Handeln war nach Stand der Dinge militärisch richtig und leistete einen Beitrag zur Verbesserung der Bedrohungslage in der Provinz Kunduz, die seit den Luftangriffen zu beobachten war.

Die zuweilen geäußerten Verdächtigungen, er habe mit der Anforderung der Luftangriffe ein Kriegsverbrechen begangen, sind offensichtlich haltlos. Reinhard Müller und Stephan Löwenstein nennen in der FAZ die völkerrechtlichen Fakten, auf die es ankommt:

Nur vorsätzliches Handeln ist als Kriegsverbrechen strafbar. Ein militärischer Angriff ist untersagt, wenn als sicher erwartet wird, dass dabei Zivilpersonen in einem Ausmaß geschädigt werden, das außer Verhältnis zum erwarteten militärischen Vorteil steht.

Anders als viele Beobachter meinen, ist die Bekämpfung von militärischen Zielen auch dann nicht grundsätzlich verboten, wenn zu erwarten ist das Zivilisten (im konkreten Fall Plünderer und Kollaborateure) zu Schaden kommen. Die hypermoralische Diskussionsklima in Deutschland hat hier völlig falsche Vorstellungen geschaffen.

Ein Gutes hat die Situation aber vielleicht doch: Der Druck auf die Bundesregierung könnte zunehmen, die Lage in Afghanistan als “nicht-internationalen bewaffneten Konflikt” anzuerkennen. Mit dieser Anerkennung würde nach fast acht Jahren Einsatz endlich die rechtliche Grundlage dafür geschaffen, offensiv gegen die Aufständischen vorzugehen.

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Diskussion um Untersuchungsbericht zu Tanklaster-Vorfall: Falsche Schwerpunkte

Die Diskussion über den Untersuchungsbericht der NATO zu den Luftangriffen auf von Taliban entführte Tanklaster bei Kunduz im September geht in die falsche Richtung. Es ist vergleichsweise unwichtig, ob Oberst Klein sich an an die Vorgaben zur Anforderung von Luftnahunterstützung gehalten hat oder nicht. Es ist aber typisch für die deutsche Diskussion, dass sie sich in legalistischen Details verliert.

Wesentlich relevanter sind aus unserer Sicht die folgenden Fragen:

  • Welche Folgen hatten die Luftangriffe für die Bedrohungslage vor Ort? Wenn unsere Wahrnehmung zutrifft, dass die Wirkung positiv war: Welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Müssten solche Luftangriffe nicht häufiger befohlen werden?
  • Warum waren Kräfte der Bundeswehr entlang der strategisch wichtigen Hauptverbindungsstraße nicht ausreichend präsent, um Aufständischen den Betrieb illegaler Checkpoints zu verweigern? Wenn unsere Wahrnehmung zutrifft, dass dies an zu wenig eigenen Kräften und einem allgemein zu passiven Ansatz liegt: Welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Warum fordert keiner der politisch Verantwortlichen mehr Kräfte und einen aggressiveren Ansatz?
  • Wie reagierte die Bevölkerung vor Ort auf die Luftangriffe? Unsere Wahrnehmung ist, dass die Reaktionen positiv bis neutral waren. Die nichtpaschtunische Bevölkerung nimmt ISAF bzw. die Bundeswehr tendenziell als zu passiv wahr, und die von den Folgen des Luftangriffs betroffene paschtunische Bevölkerung hielt sich zurück, weil die betroffenen Familien sich schämten, dass ihre Angehörigen sich an Plünderung und Raubmord beteiligt hatten. Wer auch immer beim Luftangriff getötet wurde, war nicht unschuldig, und auch die Bevölkerung vor Ort sieht es mehrheitlich so. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Müsste man nicht stärker als bisher gegen die Aufständischen vorgehen, um das Vertrauen in der Bevölkerung zu stärken?

Eine angemessene Diskussion des Vorfalls und seiner Folgen müsste sich diesen Fragen stellen. Es wäre fatal, wenn in Folge des Vorfalls im Norden Afghanistans noch passiver und “besonnener” (deutsche Medien beschrieben dies als eine angeblich positive Eigenschaft Oberst Kleins) vorgegangen würde als bislang der Fall.

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Diskussion um Untersuchungsbericht zu Tanklaster-Vorfall: Falsche Schwerpunkte

Die Diskussion über den Untersuchungsbericht der NATO zu den Luftangriffen auf von Taliban entführte Tanklaster bei Kunduz im September geht in die falsche Richtung. Es ist vergleichsweise unwichtig, ob Oberst Klein sich an an die Vorgaben zur Anforderung von Luftnahunterstützung gehalten hat oder nicht. Es ist aber typisch für die deutsche Diskussion, dass sie sich in legalistischen Details verliert.

Wesentlich relevanter sind aus unserer Sicht die folgenden Fragen:

  • Welche Folgen hatten die Luftangriffe für die Bedrohungslage vor Ort? Wenn unsere Wahrnehmung zutrifft, dass die Wirkung positiv war: Welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Müssten solche Luftangriffe nicht häufiger befohlen werden?
  • Warum waren Kräfte der Bundeswehr entlang der strategisch wichtigen Hauptverbindungsstraße nicht ausreichend präsent, um Aufständischen den Betrieb illegaler Checkpoints zu verweigern? Wenn unsere Wahrnehmung zutrifft, dass dies an zu wenig eigenen Kräften und einem allgemein zu passiven Ansatz liegt: Welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Warum fordert keiner der politisch Verantwortlichen mehr Kräfte und einen aggressiveren Ansatz?
  • Wie reagierte die Bevölkerung vor Ort auf die Luftangriffe? Unsere Wahrnehmung ist, dass die Reaktionen positiv bis neutral waren. Die nichtpaschtunische Bevölkerung nimmt ISAF bzw. die Bundeswehr tendenziell als zu passiv wahr, und die von den Folgen des Luftangriffs betroffene paschtunische Bevölkerung hielt sich zurück, weil die betroffenen Familien sich schämten, dass ihre Angehörigen sich an Plünderung und Raubmord beteiligt hatten. Wer auch immer beim Luftangriff getötet wurde, war nicht unschuldig, und auch die Bevölkerung vor Ort sieht es mehrheitlich so. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Müsste man nicht stärker als bisher gegen die Aufständischen vorgehen, um das Vertrauen in der Bevölkerung zu stärken?

Eine angemessene Diskussion des Vorfalls und seiner Folgen müsste sich diesen Fragen stellen. Es wäre fatal, wenn in Folge des Vorfalls im Norden Afghanistans noch passiver und “besonnener” (deutsche Medien beschrieben dies als eine angeblich positive Eigenschaft Oberst Kleins) vorgegangen würde als bislang der Fall.

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Tanklaster-Vorfall: Untersuchungsbericht liegt vor

Laut dpa soll der Untersuchungsbericht der NATO zum Tanklaster-Vorfall bei Kunduz im September mittlerweile abgeschlossen sein. In den nächsten Tagen könnte es also möglicherweise Klarheit zu den vielen Vorwürfen gegen die Bundeswehr geben. Was bereits feststeht: Die Luftangriffe haben die Aufständischen im betreffenden Gebiet zumindest vorübergehend geschwächt, und zu der von ihnen angekündigten Reaktion waren sie offenbar nicht mehr in der Lage. Die afghanische Bevölkerung vor Ort reagierte entweder positiv oder neutral auf die Luftangriffe. Die voreilige Skandalisierung des Vorfalls war unbegründet. Unklar ist noch, ob der Befehl zum Luftangriff unter Einhaltung der Weisungen des ISAF-Kommandeurs und auf der Grundlage eines klaren Lagebildes erteilt wurde, und wieviele der Getöteten Personen waren, die nicht im Zusammenhang mit der Aufstandsbewegung handelten.

Nachtrag: Die Bundeswehr reagiert diesmal rasch und verhindert durch die Veröffentlichung einiger Informationen die Entstehung von Gerüchten und Spekulationen. Laut General Schneiderhan kommt der Bericht zu dem Ergebnis, dass das PRT Kunduz militärisch angemessen gehandelt habe, die Entscheidung Oberst Kleins richtig war und dass die Zahl der Toten nicht mehr ermittelt werden könne.

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Bundeswehr: Reservisten beim Kommando Spezialkräfte gesucht

Die Rolle von Reservisten in der Bundeswehr hat sich in den vergangenen Jahren radikal gewandelt. Während es früher darum ging, eine möglichst große Zahl vorwiegend konventionell-militärisch ausgebildeten Personals für die Abwehr eines Angriffs des Ostblocks bereitzuhalten, werden nun verstärkt Spezialisten gesucht, die mit ihrer zivilen Qualifikation die Bundeswehr unterstützen können.

Der Bedarf der Bundeswehr an qualifizierten Reservisten ist hoch, aber für Interessierte ist es häufig schwierig in Erfahrung zu bringen, wie und wo sie ihre Fähigkeiten einbringen können. In einem lobenswerten ersten Schritt hat die Bundeswehr nun Listen veröffentlicht, aus denen ersichtlich wird, wo Personal für welche Aufgaben gesucht wird. Vielen Interessen dürfte es aber schwerfallen, ihre zivile Qualifikation hinter den nicht immer allgemein geläufigen Bundeswehrabkürzungen wiederzufinden.

Es lohnt sich allgemein, einen Blick auf die Listen zu werfen: So gibt es z.B. beim Kommando Spezialkräfte offenbar unbesetzte Dienstposten für Reservisten mit Kenntnissen bestimmter Fremdsprachen (“SprM SK”). Wer Dari oder Paschto oder andere relevante Sprachen beherrscht, könnte unter Angabe dieser Information das zuständige Kreiswehrersatzamt anrufen und sein Glück versuchen. Auch Mediziner und Psychologen werden hier offenbar gesucht.

Ob dieser Weg der Gewinnung von Interessenten erfolgreich ist oder nicht, wird sich vor allem daran zeigen, wie die Kreiswehrersatzämter damit umgehen. Leider ist zu befürchten, dass hier viele Interessenten abgeschreckt werden.

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Baghlan: Bundeswehr und ANSF gehen gegen Aufständische vor

Die Provinz Baghlan im Norden Afghanistans ist seit einigen Monaten Ziel verstärkter Aktivitäten der Aufständischen entlang der Straße zwischen Kunduz und Pol-e-Khomri. Aufgrund der relativen Schwäche afghanischer Sicherheitskräfte und der Passivität der Bundeswehr verfügten die Aufständischen über relative Bewegungsfreiheit, z.B. im an Kunduz angrenzenden Distrikt Baghlan-e-Jadid.

Nun sind afghanische Sicherheitskräfte mit Unterstützung von ISAF offenbar gegen die Aufständischen dort vorgegangen und sollen sie aus einigen Dörfern verdrängt haben.

Dem Kontext der Meldung zufolge dürfte es sich um eine Operation mit Beteiligung von Bundeswehrsoldaten gehandelt haben, bei denen es sich vermutlich um Mentoren eines OMLT handelte. Ob die Operation nachhaltig erfolgreich ist hängt vor allem davon ab, ob afghanische Sicherheitskräfte dauerhaft in dem Raum präsent bleiben oder nicht.

Auch in der Provinz Kunduz gab es zuletzt interessante Entwicklungen. Während in Problemdistrikten wie Chahar Darreh keine Verbesserung zu beobachten ist, gehen andernorts Milizen erfolgreich gegen die Aufständischen vor. Dies ist grundsätzlich positiv, unterstreicht aber die Schwäche afghanischer Sicherheitskräfte in großen Teilen der Provinz. Zudem sind die Milizen in der Bevölkerung eher unbeliebt.

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Bundeswehr: Hauke Friederichs über Ausrüstungsmängel der Bundeswehr

Einen oberflächlich recherchierten und unpräzise formulierten Artikel über Herausforderungen der Bundeswehr im Einsatz hat Hauke Friederichs bei “Zeit Online” vorgelegt.Eine Auswahl der zahlreichen Schwächen und Fehler:

  • Der Autor spekuliert, wenn er von einer “fatalen Fehlentscheidung” Oberst Kleins und “mindestens 40 Zivilisten” spricht, die angeblich durch den Luftangriff getötet worden seien. Man hätte hier wenigstens den Konjunktiv verwenden oder die nicht unumstrittenen Quellen nennen können.
  • Er spricht von einem “Ausrüstungsproblem”, subsummiert darunter aber auch Herausforderungen, die in Folge zu geringer Kräftedichte entstehen.
  • Er bemüht sich sichtlich um die Verwendung korrekter Begriffe, und trotzdem: Das Lager des PRTs bezeichnet er als “Kaserne”, den Kommandeur als “Kommandant”, den Leopard 2 als “Leopard II”, und Luftraumüberwachung als “Flugraumüberwachung” (beide Begriffe wären im Kontext des von ihm beschriebenen Sachverhalts jedoch unzutreffend). Die Operation Aragon ist zudem bereits beendet.
  • Er behauptet: “Ein Einsatz der Panzerhaubitze wäre mit dem aktuellen Mandat kaum möglich.” Das stimmt so definitiv nicht. Bereits jetzt setzt die Bundeswehr Mörser ein, und politische Auflagen, welche den Einsatz von Artillerie grundsätzlich ausschließen, gibt es nicht.
  • Der NH-90 soll nicht die CH-53 ersetzen, sondern den UH-1.
  • Die Bedrohung von Luftfahrzeugen geht nicht in erster Linie von Stinger-Systemen aus, deren Problem auch nicht “Veraltung” wäre, sondern Überlagerung. Das sind zwei sehr unterschiedliche Dinge.

Einige der Schwächen des Beitrags werden auch bei “Augen Geradeaus!” diskutiert.

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Video: ZDF-Beitrag zur Lage in AFG

Zwei gestern vom ZDF ausgestrahle Beiträge zur Lage in AFG gehört zum besten, was bislang im deutschen Fernsehen zum Thema zu sehen war. Es wird vor allem Klartext über mangelnde Kräfte und mangelnde Präsenz in der Fläche gesprochen.

(Gefunden bei “Augen Geradeaus!”)

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Tanklaster-Vorfall: Was ist bekannt? (aktualisierter Sammelbeitrag)

Wir fassen hier die Meldungen zusammen und bewerten diese ggf. kurz. Der Beitrag wird laufend aktualisiert.

Zusammenfassende Bewertungen (Stand: 09.09. 1830 Uhr, aktuelle zuerst)

(1830 Uhr, 09.09.) Einige Kommentatoren fühlen Deutschland insbesondere von amerikanischer Seite unfair verurteilt, und sie haben damit nicht Unrecht. Jetzt rächt sich, mit welcher Arroganz von deutscher Seite (nicht auf eine Partei oder politische Strömung beschränkt) über Jahre über kinetischer vorgehende Verbündete hergezogen wurde. Man sollte zudem bedenken, dass ein Großteil der unfairen und vorschnellen Kritik hätte unterbunden werden können, wenn die Bundesregierung eine bessere Informationspolitik betrieben hätte. Mittel- bis langfristig wird man weiterer Kritik dieser Art nur dadurch wirksam begegnen können, dass man im Norden Afghanistans bessere Ergebnisse produziert.

(2200 Uhr, 08.09.) Die interessanteste Nachricht des Tages war vermutlich die Bestätigung der Beobachtungen über die relativ gelassene und zum Teil sogar positive Reaktion der Bevölkerung im Raum Kunduz auf den Luftangriff. In den kommenden Tagen wird vermutlich das endgültige Wahlergebnis bzw. die Enttäuschung darüber im Norden den Luftangriff in der öffentlichen Wahrnehmung in Afghanistan weiter zurückdrängen. Ein Eintritt der befürchteten Folgen des Luftangriffs auf die Akzeptanz der Bundeswehr im Norden Afghanistans ist nun sehr unwahrscheinlich geworden. Interessant war heute auch der scheinbar wachsende Rückhalt für die Bundeswehr bzw. die Entscheidung des PRT in Deutschland.

(0915 Uhr, 08.09.) Die Furcht einiger Politiker vor “Racheakten der Taliban” ist nur eingeschränkt nachvollziehbar und bezeichnend dafür, mit welcher Einstellung man sich den Herausforderungen in Afghanistan nähert. Es ist nicht so, dass die Taliban sich bislang zurückgehalten hätten. Sie operierten auch bislang am Maximum ihrer Fähigkeiten, insbesondere auch wegen der Wahlen in Afghanistan und in Deutschland. Die Bundeswehr wird von ihnen so oder so als Gegner betrachtet. Die Kommunikation von Angst und der eigenen Eingeschüchtertheit ist grundsätzlich kontraproduktiv und wird von den Taliban vor Ort sehr wahrscheinlich als Indikator dafür wahrgenommen, dass ihr Kampf erfolgreich ist. Die Implikationen der Äußerungen dieser Politiker sind zudem besorgniserregend: Indirekt deuten sie an, dass man auf Druck auf die Aufständischen verzichten sollte, um eigene Kräfte nicht zu gefährden. Wenn man so denkt, dann sollte man deutsche Soldaten erst gar nicht in den Einsatz entsenden.

(1900 Uhr, 07.09.) Der Tag brachte wenig Klarheit. Was verbirgt sich z.B. hinter dem “dritten Aufklärungsstrang”, auf den sich das BMVg als eine der Grundlagen der Entscheidung zum Luftangriff beruft? Sollen hier durch Geheimhaltung mangelnde Erkenntnisse kaschiert werden, oder war gar das “Kommando Spezialkräfte” (KSK) vor Ort?

(1340 Uhr, 07.09.) Es wurde in der deutschen Diskussion Kritik am Washington-Post-Artikel geäußert, auch durch das BMVg. Warum ist man nicht in der Lage, ggf. eigene Fakten zu präsentieren? Warum hat man dies nicht schon zu Beginn getan? Die Aussagen des Artikels sind doch so klar, dass man eventuelle Zweifel (z.B. bzgl. der NG&A auf die sich die Entscheidung stützte) problemlos faktisch begründen können müsste. Die ausbleibende Präsentation von Fakten bzw. die Rücknahme früherer Festlegungen stärkt statt dessen die Glaubwürdigkeit des Artikels.

(0700 Uhr, 07.09.) Thomas Wiegold verweist darauf, dass Journalisten der “Washington Post” und von AP offenbar sehr gut aus dem direkten Umfeld der laufenden Untersuchung informiert sind. Man wird tatsächlich den Eindruck nicht los, dass hier die bevorstehende Diskussion innerhalb der NATO politisch vorbereitet wird. Die Fronten verlaufen in diesem Punkt zwischen den USA und Deutschland, und die Amerikaner haben sich von Beginn an wesentlich geschickter verhalten. Mit Ausnahme des ANP-Berichts bei “Bild” ist von deutscher Seite keine Maßnahme erkennbar, die öffentliche Diskussion im eigenen Sinne zu formen.

(1315 Uhr, 06.09.) Die Situation könnte auf einen Schlagabtausch zwischen Bundeswehr/Bundesregierung und der NATO (insbesondere den USA) herauslaufen. Die Widersprüche zwischen beiden Versionen sind enorm, und beide Seiten haben viel zu verlieren. General McChrystal muss handeln, um seine Glaubwürdigkeit zu beweisen, und für Minister Jung steht aufgrund seines schlechten Krisenmanagements einiges auf dem Spiel. Hier bahnt sich ein Konflikt mit massiven Implikationen an.

Stand: 10.09., 1600 Uhr

Meldungen 09.09.09, Stand: 1800 Uhr

Meldungen 08.09.09, Stand: 2200 Uhr

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Unterschiedliche Darstellungen zum Vorfall

Meldungen über zivile Kollateralschäden

Als glaubwürdig erscheinen die folgenden Meldungen:

Weniger glaubwürdig oder nicht bewertbar sind die folgenden Meldungen:

Ablauf des Vorfalls

Unterschiedliche Darstellungen zu Nachrichtengewinnung und Aufklärung

Weitere Ereignisse im Raum Kunduz

Reaktionen in Afghanistan

  • Hinterbliebene in Chahar Darreh fordern gegenüber afghanischer Untersuchungskommission Bestrafung und Kompensation (Pajhwok). Da entsteht ein neues Problem: Die Kommission hat für morgen Ergebnisse angekündigt, und Karzais Mannschaft wird vor dem Hintergrund der umstrittenen Wahlen vermutlich  sich durch populistische Vorwürfe gegen den Westen Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung verschaffen. Die “Ergebnisse” werden sehr wahrscheinlich vor denen von ISAF vorliegen und das Klima gegenüber ISAF in Afghanistan negativ beeinflussen. Taliban verlangen Untersuchung des Vorfalls (BBC). Ihre Propaganda fühlt sich zu solchen Schritten vermutlich auch durch die unproportinale Selbstanklage der deutschen Diskussion ermutigt. Aus der Reaktion unserer Gesellschaft lernen die Aufständischen u.a., dass es sich lohnt, zivile Opfer zu provozieren.

Reaktion von Bundeswehr und Bundesregierung

Politische Reaktionen in Deutschland

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Kunduz-Vorfall: “Start behaving like a real Army”

Die Kritik am deutschen Einsatz in Afghanistan und der Bundeswehr erreicht die internationalen Weblogs. Folgend zwei Beispiele von kompetenten Beobachtern der Situation, die beide über Afghanistan-Erfahrung verfügen und keinesfalls als Polemiker bezeichnet werden können.

Der ansonsten so zurückhaltende Joshua Foust vom Zentralasien-Weblog “Registan” schreibt:

Germany’s near-criminal negligence in Afghanistan must come to an end [...] . Either they need to man up and start behaving like a real army, or they need to get the hell out and let someone else do their job appropriately. Because right now, they have spent enough years making everything they touch worse off.

Foust bringt zum Ausdruck, was innerhalb der NATO nicht wenige über Deutschland denken.

“Abu Muqawama”, einer der führenden sicherheitspolitischen Weblogs überhaupt, kritisiert:

Why, one has a right to ask, did the Germans not deploy a QRF or Ground Assault Convoy to recover the fuel trucks when they were stolen? Even after the trucks became stuck the Germans decided to instead engage with an F-15. And they wonder why or how civilians are killed? [...] The locals, you’ll note, are angry — but not angered by the civilian casualties. They’re angry, instead, at ISAF for not taking a firmer hand against the insurgents.

Ein interessanter Punkt: Die deutsche Diskussion über mögliche zivile Kollateralschäden ist gegenwärtig tatsächlich wesentlich aufgeregter als die afghanische.

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Afghanistan: Dutzende Aufständische in Kunduz getötet

Es ist noch unklar, was genau heute Nacht bei Omarkhel im Distrikt Aliabad, Provinz Kunduz/RC North geschah, aber vermutlich wurden zwischen 56-90 Menschen bei der Bekämpfung von zwei Tanklastwagen durch Luftangriffe getötet, welche die Aufständischen zuvor entführt hatten. Offenbar saßen einige Dutzend Aufständische auf den Lkw oder hielten sich unmittel um dieser herum auf, und die NATO spricht von 56 toten Aufständischen. Die Angaben afghanischer Stellen von 90 Toten, inklusive 40 Zivilisten, sind erfahrungsgemäß übertrieben, aber leider ist man vor negativen Überraschungen in dieser Hinsicht nie sicher. Offenbar hatte sich mindestens einer der Lkw festgefahren, und es ist möglich, dass Einheimische sich diesem unmittelbar vor dem Luftangriff genährt hatten, um Treibstoff zu erhalten.

Wenn der Luftangriff ordnungsmäß durchgeführt worden ist, dann wurde zuvor die Anwesendheit von Zivilisten aber zuvor ausgeschlossen, was angesichts des Zeitpunkt und des berichteten Ortes (außerhalb bebauten Gebietes) eigentlich möglich hätte sein sollen. Die Tötung einer großen Zahl von Aufständischen, inklusive mindestens eines ihrer lokalen Führer, wäre dann ein enormer Erfolg. Möglicherweise wurde sogar der “Schattengouverneur” der TB für die Provinz Kunduz, Mullah Abdul Salam, bei dem Vorfall getötet. Andernfalls wäre der Vorfall trotz des taktischen Erfolges vermutlich ein deutlicher Rückschlag.

Entführte Tanklastwagen hätten sich zum Einsatz als VBIEDs mit verheerender Wirkung geeignet. Es ist klar, dass sofort gehandelt werden musste. Der Vorfall zeigt auch, in welchem Ausmaß die Aufständischen die Nachschubroute durch die Provinz Kunduz bedrohen.

Vor dem Hintergrund dieses Vorfalls gingen Meldungen von gestern über einen Vorfall ebenfalls in der Provinz Kunduz unter, bei dem die Bundeswehr mindestens drei Aufständische getötet hat. Wie man hört war die Bundeswehr in mehrere relativ intensive Gefechte verwickelt, und trotz der Verwundeten hätte der Vorfall auch negativer ausgehen können.

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Bundeswehr: “Vorschriftsmäßig verbluten”

Die “Süddeutsche Zeitung” berichtet:

Der Verwundete aber braucht dringend Hilfe. Ein speziell ausgebildeter Kamerad könnte sie leisten, aber er darf es nicht. Rechtliche Gründe stehen dagegen.

Es handelt sich nicht um einen rechtlichen Einzelfall. Schon der normale Dienstbetrieb ist im Einsatz in Teilen nur durch permanenten Verstoß gegen deutsche Gesetze und Verordnungen aufrechtzuerhalten.

Minister Jung sieht einen angeblichen

“Zielkonflikt zwischen möglichst weitreichender Selbst- und Kameradenhilfe zum Erhalt von Leben bis zum Eintreffen eines Arztes und den in Deutschland geltenden Rechtsgrundsätzen zur Delegation ärztlicher Maßnahmen und den gegebenenfalls daraus entstehenden rechtlichen Haftungskonsequenzen”.

Wie soll man Rekruten die Idee des Dienstes aus Überzeugung vermitteln, wenn dieser Staat sie im Einsatz dazu zwingt, seine Gesetze zu brechen? Denn natürlich wird kein Soldat in solch einer Situation einen Zielkonflikt wahrnehmen. Die Regierung mag ihm zwar die notwendige Ausbildung verweigern, aber handeln wird er dennoch, so gut es unter den von seiner politischen Führung künstlich erschwerten Bedingungen eben geht. Und dann wundert man sich, dass Soldaten einsatzorientierte Ausbildung (u.U. unsachgemäß wie in Coesfeld) selbst in die Hand nehmen.

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