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Innere Führung: Einsatztauglich?

Einen kritischen Beitrag über das Konzept der Inneren Führung der Bundeswehr hat Joachim Güntner in der “Neuen Zürcher Zeitung” veröffentlicht:

Je «robuster» ihre Mandate werden, je häufiger sie im Gefecht stehen, desto eher kommt es zu Relativierungen des Leitbilds «Staatsbürger in Uniform». Nicht, dass es jemand begraben wollte. Aber ob es zureicht, um jenes Selbstbewusstsein zu stiften, das ein Bundeswehrangehöriger braucht, um Angriffe der Taliban in Kunduz oder Kabul zu überstehen, mag sich mancher fragen. Näher liegt es, sich als in der feindlichen Ferne operierendes Kommando eine Identität als Kämpfer zu basteln.

Die Integration der Streitkräfte in die Gesellschaft findet ihre Grenze, wo unterschiedliche Wertesysteme eine logische Folge aus unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten sind:

Kommt es zum Kampf, sind Tapferkeit, Härte, Durchhaltevermögen gefragt. Der Gegensatz von ziviler und militärischer Mentalität bricht wie eine Kluft auf.

Im zivilen Leben wäre eine Betonung von “Härte und Durchhaltevermögen” ebenso unangebracht wie eine Betonung postheroischer Werte es für eine Patrouille im Raum Kunduz wäre. Solche Kritik am Konzept der Inneren Führung fordert gerade nicht die “Militarisierung der Gesellschaft” (wie Kritikern manchmal unterstellt wird), sondern ein Ende der Illusion, dass der Beruf des Soldates ein “Job wie jeder andere” ist. Man tut angehenden Soldaten und Rekruten keinen Gefallen, wenn man ihnen diesbezüglich falsche Vorstellungen vermittelt.

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Innere Führung: Herausforderung durch die Einsatzrealität

Wir stehen der “Inneren Führung” der Bundeswehr in Teilen kritisch gegenüber, weil sie sich in ihrer gegenwärtigen Fassung unserer Ansicht nach zu wenig an den Herausforderungen der Gegenwart orientiert und soldatische Werte wie Tapferkeit, Kameradschaft und Disziplin nur nebenbei und dann auf einer Augenhöhe mit dem Umweltschutz behandelt (Punkt 507). “Ehrenhaftes Verhalten” wird zwar erwähnt, ohne dies aber näher zu definieren.

In einem aktuellen Beitrag des “Stern” äußern sich drei der vier Träger des “Ehrenkreuzes der Bundeswehr für Tapferkeit” auch zu einigen Fragen der Inneren Führung. Hauptfeldwebel Alexander Dietzen erklärt z.B., was die Soldaten zu ihrer besonderen Leistung motivierte:

Wie sie es geschafft haben, die Gefahr für ihr Leben auszublenden, wüssten sie nicht mehr, sagen die Soldaten. “Wir dachten einfach”, erinnert sich Dietzen, “wir können unseren Kameraden nicht da liegen lassen”.

Eine deutliche Botschaft haben die Ehrenkreuzträger auch an jene Stimmen der deutschen Diskussion, die ihren Fluchtreflex nur mangelhaft unter Kontrolle haben:

Jeder, der rufe “Raus aus Afghanistan”, biete “nur Futter für die Jungs, die uns dort angreifen”.

Und:

Während die US-Amerikaner zu ihren Truppen stünden, klagt Lukács, seien die eigenen Landsleute nur dann patriotisch, “wenn Deutschland Fußball spielt”.

Das Konzept der “Innere Führung” will u.a. verhindern, dass wie in der Reichswehr der 20er Jahre eine Kluft zwischen den Streitkräften und dem Rest der Gesellschaft entsteht. Die gegenwärtigen Bedingungen und Herausforderungen jedoch sind nicht mit denen der 20er Jahre zu vergleichen, und die gegenwärtig vorhandene (noch weitgehend unproblematische) Kluft zwischen Bundeswehr dem Rest der Gesellschaft ist eine Folge von Faktoren, welche die Bundeswehr kaum kontrollieren kann.

Soldaten wie die vier ausgezeichneten Fallschirmjäger müssen zunehmend eine Realität bewältigen, welche der Großteil der Bevölkerung nicht kennt und nicht versteht. Die Werte, welche ihnen die Bewältigung dieser Realität ermöglichen, unterscheiden sich in logischer Konsequenz von denen des Rests des Gesellschaft. Eine Herausforderung von Innerer Führung besteht darin, diese Werte anzuerkennen und Rekruten zu vermitteln, die aus einer Gesellschaft kommen, der diese Werte fremd geworden sind. Die Vorbildfunktion der Ehrenkreuzträger für Tapferkeit bietet sich in diesem Zusammenhang zur Wertevermittlung an.

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Friedensforschung: Studie zur Inneren Führung

Die “Innere Führung” entspricht dem, was in der zivilen Wirtschaft eine Unternehmensphilosophie wäre. Die “Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung” (HSFK) hat eine Studie aktuellen Herausforderungen für die Innere Führung gewidmet, die einige interessante Gedanken enthält.

Wir hätten uns ein stärkeres Eingehen auf Kritik an dieser Philosophie gewünscht. Unserer Ansicht nach ist diese Philosophie in ihrem Kern eine Reaktion auf Probleme von Reichswehr und Wehrmacht in den 20er, 30er und 40er Jahren. Mit der zu erwartenden Aussetzung der Wehrpflicht und den Herausforderungen der Einsätze sind große Teile der Inneren Führung endgültig nicht mehr zeitgemäß. Andere Aspekte der Inneren Führung sind hingegen selbstverständlich geworden.

Die Studie geht auch nicht auf dringend zu beantwortende Fragen des soldatischen Selbstverständnisses ein. Der Bundeswehr fehlt eine Kultur, wie sie in den Streitkräften Frankreichs, Großbritanniens oder der USA vorhanden ist. Eine solche Kultur hilft Soldaten existenzielle Fragen zu beantworten und stellt eine wichtige immaterielle Motivation zum Dienst auch unter schwierigsten Bedingungen dar.

Materielle Anreize oder abstrakter Verfassungspatriotismus sind als Motivatoren nicht sehr relevant, wo Gefahr für das eigene Leben die Norm ist. Die Empfänger des Ehrenkreuzes für Tapferkeit bekamen weder mehr Sold für ihre Leistungen, noch dachten sie im Moment ihres herausragenden Einsatzes an die FDGO. Die Fallschirmjägertruppe hat sich selbst eine Kultur geschaffen, die manchmal im Konflikt zur Inneren Führung stehen mag, ihre Soldaten aber zu solchen besonderen Leistungen motivieren kann.

Sehr negativ bewerten die Forderung der Studie,

die Vereinbarkeit von Dienst und Familie durch einen zurückhaltenden Streitkräfteeinsatz im Ausland […] zu verbessern [...].

Der Einsatz von Streitkräften (bzw. Krieg) sollte nicht primär von der Vereinbarkeit von Dienst und Familie abhängig gemacht werden, sondern höheren Kriterien folgen.

Ansonsten werden interessante Fragen auf konstruktive Art und Weise angesprochen.

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