Jürgen Todenhöfer liefert neben Christoph Hörstel vermutlich die unseriösesten Beiträge zur Afghanistan-Diskussion in Deutschland ab. In einem Gespräch mit Peter Struck hat Todenhöfer hat erneut kondensierten Unfug vorgetragen. Leider mangelte es Struck in diesem Gespräch an Aggressivität, sonst hätte er Todenhöfer problemlos bloßstellen können. Wir helfen gerne aus.
Todenhöfer beginnt mit einer fragwürdigen Darstellung der Motivation der Operateure transnationaler militanter Netzwerke:
Die Bilder der amerikanischen Bombenangriffe, der getöteten Zivilisten, der zerstörten Dörfer flimmern weltweit in Millionen muslimischen Haushalten über den Bildschirm. Es ist doch klar, dass es junge Menschen gibt, die sich das nicht gefallen lassen, die sich wehren wollen. Auch in unserem Land. Innenminister Schäuble jagt in Deutschland Terroristen, die sein Kollege Jung in Afghanistan heranzüchtet. Der Afghanistankrieg ist ein Terrorzuchtprogramm.
Im Fall Deutschlands bestand jedoch in keinem dokumentierten Fall bestand ein Zusammenhang zwischen den Motiven der Operateure und zivilen Kollateralschäden in Afghanistan. Todenhöfer hat sich dies schlicht ausgedacht.
Todenhöfer tritt zudem als Moralist auf, obwohl er zu moralischen Unterscheidungen nicht in der Lage zu sein scheint:
Wer gegen den Selbstmordterrorismus von al-Qaida protestiert, muss auch gegen den Bombenterror der USA protestieren.
Seine Unfähigkeit, zwischen absichtlicher Tötung von Zivilisten und Unfällen zu unterscheiden, disqualifiziert Todenhöfer moralisch. Eine seriöse Auseinandersetzung mit moralischen Fragen beruht stets auf der Unterscheidung von Handlungen und zugrundeliegenden Absichten. Sonst dürfte man auch nicht zwischen Kriminellen und Polizisten unterscheiden.
Was er über “die Afghanen” und ihre angeblichen Wünsche sagt, stimmt mit der Realität nur sehr unvollkommen überein:
Die Afghanen wollen nicht mehr amerikanische Truppen, sondern weniger. Der afghanische Präsident Karzai hat mir gesagt, dass er auf mehr deutsche Kampfeinsätze und zusätzliche amerikanische Soldaten sehr gut verzichten kann.
Mit realen Afghanen scheint er nicht gesprochen zu haben: Diese sehen das Problem meist differenziert. Sie wünschen sich mit Masse mehr Sicherheit und unterstützen die Präsenz zusätzlicher Kräfte, wenn diese als vorübergehende Garanten von Sicherheit wahrgenommen werden. Dies ist auch im Süden des Landes oder unter Paschtunen im Norden meist der Fall. Kritisch sieht man die gegenwärtige Verstärkung internationaler Kräfte, weil man befürchtet, dass diese befreite Räume nicht gehalten werden. Bekämpft werden internationale Kräfte überigens in der Regel nicht dort, wo sie in der Bevölkerung präsent sind, sondern wo sie zu wenig präsent sind.
Todenhöfers Verweis auf ein Gespräch mit Karzai ist eine seiner üblichen rhetorischen Taktiken. Ein Einheimischer hat es ihm so gesagt, also muß es wohl so stimmen. Einheimische können in Todenhöfers Denken nie irren, eigene Interessen mit ihren Darstellungen verfolgen oder über unvollständige Kenntnisse verfügen. Es sei denn, sie unterstützen den Westen. Dann sind sie irgendwie nicht authentisch.
Böswillig falsch ist seine Darstellung des Vorgehens von ISAF:
Die Nato-Truppen am Boden rufen sofort Luftunterstützung herbei, wenn in ihrer Nähe auch nur ein Schuss fällt. Dann wird gebombt. Die westlichen Truppen nehmen lieber zivile Opfer in Kauf als zu kämpfen.
Spätestens hier hätte Struck Kontra geben müssen. Es ist unverständlich, warum er Todenhöfer diese Verzerrung der Tatsachen durchgehen lässt. Man kann von jemandem wie Todenhöfer, der über keine relevanten militärischen Vorkenntnisse und keine persönliche Kenntnis der Lage verfügt, nicht verlangen, dass sich zu solchen Fragen kompetent äußern kann. Was man jedoch verlangen kann ist, dass er von Dingen schweigt, von denen er keine Ahnung hat.
Interessant ist auch Todenhöfers Definition von “Zivilist”:
Die amerikanischen Drohnenangriffe in Pakistan töten ständig Zivilisten. Erst letzte Woche wurden mehrere Dutzend Trauergäste totgebombt.
Die “Trauergäste” waren Talibanführer und -Kämpfer, welche das Begräbnis eines zuvor getöteten Anführers besucht hatten. Der u.a. getötete führende Ausbilder von Selbstmordattentätern trug zwar keine Uniform, war aber mit Sicherheit kein “Zivilist”. Todenhöfers Motto: Wenn es keine zivilen Kollateralschäden gibt, erfinde ich eben welche.
Zu Strucks Ablehnung von Verhandlungen mit der Führung der afghanischen Taliban:
Dann müssten ja auch die Afghanen, deren Angehörige im amerikanischen Bombenhagel umgekommen sind, Gespräche mit den Amerikanern ablehnen. Wenn Sie radikale Taliban von Verhandlungen ausschließen, ist das so, als hätten die Amerikaner in den Friedensverhandlungen mit Vietnam gesagt: Wir reden nur mit den gemäßigten Vietcong. Das ist doch lächerlich. Wir brauchen eine Versöhnungs-Loya-Jirga, eine Stammesversammlung, an der alle Aufständischen teilnehmen.
Es gibt z.T. gravierende Differenzen zwischen traditionellen Stammesstrukturen und den Führern der Aufstandsbewegung, von denen nur einzelne wie Haqqani auch Stammesführer sind. Ein Teil des in Pakistan immer wieder zu beobachtenden paschtunischen Widerstands gegen die Taliban geht darauf zurück, dass die Taliban diese Strukturen eben nur bedingt respektieren. In den FATA wurden seit 2002 mehrere hundert paschtunische Stammesführer getötet, weil sie sich gegen die Talibanführer gestellt hatten. Angesichts der wahrgenommenen Stärke der Aufstandsbewegung arrangieren sich viele traditionelle Führer mit den Aufständischen und versuchen, dass beste aus der Situation zu machen.
Der Großteil der Afghanen befürwortet zwar eine Aussöhnung mit den Aufständischen, jedoch nicht um den Preis der Anerkennung ihrer politischen Forderungen. Man hört in Afghanistan zunehmend die Sorge, dass der Westen möglicherweise bereit sei, die Afghanen den Taliban zu opfern, um einen raschen Rückzug zu ermöglichen. Todenhöfer stärkt diese Ängste und reduziert das Vertrauen der Afghanen in den Westen.
Zum Thema Al-Qaida:
Al-Qaida spielt in Afghanistan keine Rolle mehr. Das sagt selbst der amerikanische Oberbefehlshaber, General Petraeus. Wer behauptet, dass wir bei einem Abzug das Land al-Qaida überlassen, erzählt Märchen. Verbrecher kehren selten in die Verstecke zurück, aus denen sie gerade vertrieben worden sind.
Das ist bestenfalls die halbe Wahrheit. Der Kern der AQ ist in Afghanistan zwar nicht mehr präsent. Die Kooperation zwischen afghanischen und pakistanischen Taliban mit internationalen militanten Netzwerken besteht jedoch ungebrochen weiter. Diese Netzwerke operieren zur Unterstützung der Aufständischen zudem weiterhin in Afghanistan.
Die Aufstandsbewegung versteht Todenhöfer vollkommen falsch:
Wir kämpfen in Afghanistan gegen einen nationalen, antiwestlichen Aufstand.
Tatsächlich handelt es sich nicht um eine auf die Bevölkerung getützte Bewegung. Die Führer der Aufständischen handeln von Pakistan aus und handeln nicht aus nationalen Motiven, sondern auf der Grundlage islamistischer Weltanschauung und teilweise ethnischen Motiven. Unterstützung finden sie fast ausschließlich in der paschtunischen Bevölkerung, was vorwiegend an tribalen Netzwerken liegt, auf die sich die Führer abstützen. Die Masse der Kämpfer ist weder national noch antiwestlich motiviert, sondern kämpft weil ihre Stammesführer Teil entsprechender Netzwerke sind bzw. aus materiellen Gründen.
Trotz seiner offensichtlich mangelnden Kenntnisse der Lage vor Ort gibt Todenhöfer den Islamversteher:
Einer der Hauptgründe für die Fehleinschätzungen des Westens ist die Unkenntnis der muslimischen Welt.
Tatsächlich jedoch würde jemand, dem die Situation in zwischen Marokko und Indonesien auch nur halbwegs bekannt ist, Klischeebegriffe wie “muslimische Welt” erst gar nicht in den Mund nehmen.
Auf Strucks Äußerungen zur vermuteten Dauer des Einsatzes angesprochen antwortet er:
Wenn es so lange dauert, bleibt es nicht bei 35 toten deutschen Soldaten, dann werden es Hunderte sein. Und wir werden unseren Kredit in der muslimischen Welt total verspielen. Unsere Politiker müssen den Deutschen vor der Bundestagswahl eine ehrliche Exitstrategie vorlegen. Damit wir in spätestens zwei, drei Jahren aus diesem Schlamassel herauskommen.
Todenhöfer schämt sich offenbar nicht, Drohungen militanter Islamisten zur Verstärkung seiner Forderung nach Abzug zu benutzen. Er verwendet zudem wieder die islamistische Propagandafigur der “muslimischen Welt”, die es so nicht gibt. Auch wenn Todenhöfer dies nicht verstehen mag, so gibt vor allem in Afghanistan tatsächlich Muslime, die sich wünschen, dass die Taliban nicht erneut die Macht ergreifen. In Afghanistan sind dies mehr als 90% der Bevölkerung. Todenhöfer unterschlägt seinen Zuhörern nicht nur den Willen dieser Menschen. Er unterstellt ihnen zudem pauschal, sie seien keine richtigen Muslime. Auch in diesem Punkt folgt er (vermutlich unbewusst) den Propagandadarstellungen militanter Islamisten.
Er scheitert sowohl moralisch als auch analytisch erneut auf ganzer Linie. Es ist nicht nachvollziehbar, warum er von den Medien immer wieder als “Experte” herangezogen wird, und warum Peter Struck ihm gegenüber solche Beißhemmung gezeigt hat.
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