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Guttenberg: "Der Vorschusslorbeer ist welk geworden"

Wir sind nicht der Ansicht, dass Ausrüstungprobleme die zentrale Herausforderung für den deutschen Einsatz in Afghanistan darstellen. Das eigentliche Problem sehen wir in einem weiterhin fehlgeleiteten strategischen Ansatz.

Der von uns geschätzte Marco Seliger beschreibt aktuell in der FAZ reale Ausbildungs- und Ausrüstungsprobleme und macht Verteidigungsminister zu Guttenberg für deren Fortbestehen verantwortlich: “Der Vorschusslorbeer des Inhabers der Befehls- und Kommandogewalt ist welk geworden.”

Wir respektieren zu Guttenberg mittlerweile, weil er auf seine unbegründete Neubewertung des Luftangriffs vom 04.09.2009 keine weiteren für uns erkennbaren gravierenden Fehler folgen ließ und mit seinen Vorschlägen zu Einsparungen bei der Bundeswehr den Mut zur Schwerpunktsetzung bewiesen hat. Deutschland wird aus unserer Sicht durch Überschuldung und den dysfunktionalen Sozial- und Schuldenstaat weit stärker bedroht als durch militante Islamisten in Afghanistan. Minister zu Guttenberg ist das einzige Kabinettsmitglied, das bislang überzeugende Vorschläge zur Bekämpfung dieser Bedrohung vorgelegt hat.

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Afghanistan: Guttenberg präzisiert Aussagen zu "Nachsorgeoperationen"

Vor rund einem Monat erwähnte Verteidigungsminister zu Guttenberg “Nachsorgeoperationen”, die man für Afghanistan in Erwägung ziehen solle. Wir sahen in seinen Äußerungen ein Anzeichen für die Vorbereitung strategischer Alternativen für den nicht unwahrscheinlichen Fall eines Scheiterns des aktuellen Ansatzes in Afghanistan. Diese Alternativen werden von den USA bereits andernorts praktiziert und beinhalten Tötung und Gefangennahme militanter Islamisten bei minimaler eigener Präsenz am Boden und Verzicht auf “Nation Building”.

Der Minister hat seine Worte nun präzisiert. Wir sehen unsere Wahrnehmung bestätigt:

Die internationale Gemeinschaft müsse sich jetzt schon über “Nachsorgeelemente” Gedanken machen, forderte Guttenberg. Dazu gehöre “die internationale Koordination des Einsatzes von Nachrichtendiensten und Spezialkräften”.  Ein solches Vorgehen könnte nach Guttenbergs Einschätzung dem Vorgehen der USA in Afghanistans Nachbarland Pakistan ähneln, wovon vor allem gezielte Luftangriffe mit unbemannten Drohnen bekanntgeworden sind. Guttenberg sagte, das Vorgehen werde dem in Pakistan “in einigem vielleicht ähnlich, aber auf die jeweilige Begebenheit mit Rechtsgrundlage zugeschnitten” sein. (Hier ist der Verweis zum Original-Artikel der FAZ)

Wir sind gespannt, ob und wann es dem Minister gelingt, mit seinen für die deutsche Diskussion ungewöhnlichen Worten eine Diskussion anzustoßen. Keiner der Bestandteile der angesprochenen Alternativen wird in Deutschland leicht zu vermitteln sein.

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Guttenberg: "Nachsorgeoperationen" und strategische Alternativen zum Afghanistan-Einsatz

Leser “politisch inkorrekt” wies uns auf eine aktuelle Aussage von Verteidigungsminister zu Guttenberg hin, welche wir für bemerkenswert halten:

Ein weiteres Fass, das der Minister in seiner Hamburger Rede aufmachte, enthält Spezialkräfte-Operationen in Zusammenarbeit mit Geheimdiensten. Diese konkreten Reizworte mied er allerdings, obwohl er sagte, diese Debatte fehle „in unserem Lande noch völlig und treibt einigen sofort die Schweißtropfen auf die Stirn“. Man müsse diese Debatte dennoch „proaktiv“ führen. In der Diktion des Ministers klang das so: „Wie gehen wir künftig mit Nachsorgeoptionen um? Stichwort Afghanistan.“ Wenn dort „aus welchen Gründen auch immer ein Abzugsszenario entstehen mag“, würden diese Optionen formuliert werden müssen. Nicht nur für Afghanistan werde man künftig womöglich „auf ein Optimum an nachrichtendienstlichem Austausch international zurückgreifen“ müssen, aber auch auf die Möglichkeit, „gezielt punktuell eingreifen zu können“.

Seit einiger Zeit werden international Alternativen zur gegenwärtigen Strategie in Afghanistan diskutiert, vor allem in den USA. Es setzt sich dort die Erkenntnis durch, dass Counterinsurgency eine zu aufwendige Antwort auf die Bedrohung durch zahlenmäßig sehr begrenzte Zahlen feindlicher Kämpfer ist. In Afghanistan hätte es 2001 ausgereicht, eine niedrige vierstellige Zahl von Personen aus dem Umfeld internationaler militant-islamistischer Netzwerke (sowie einige sie unterstützende Mitarbeiter pakistanischer Behörden) zu töten oder festzunehmen. Statt dessen weitete man den Einsatz auf die möglicherweise mit realistischem Aufwand nicht lösbare Aufgabe aus, Afghanistan zu demokratisieren und dort staatliche Strukturen aufzubauen. Der eigentliche Feind wich unterdessen nach Pakistan aus und ist auch im Jemen oder Somalia seitdem verstärkt aktiv geworden. Westliche Staaten haben ihre Kräfte im Irak und in Afghanistan bereits überdehnt, und der COIN-Ansatz ist kaum auf andere Regionen übertragbar. Es stellt sich daher die Frage nach strategischen Alternativen (Charles Krulak, Ralph Peters, George F. Will).

Diese Alternativen werden begrenzt bereits im Sahel, auf den Philippinen, im Jemen, in Somalia und anderswo praktiziert. Sie bestehen in der mit niedrigem Profil erfolgenden Unterstützung lokaler Partner in bestimmten taktischen Bereichen sowie in der Tötung und Gefangennahme feindlicher Kämpfer. Die USA erklärten jüngst, diese Alternativen stärker als bisher im Nahen Osten zu verfolgen zu wollen. Guttenbergs Worte hören sich für uns so an, als plane man auch auf deutscher Seite solche Alternativen (vermutlich in Abstimmung mit Verbündeten) bezüglich Afghanistan.

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Afghanistan: Sind die Aufständischen feige?

In der deutschen Diskussion werden die afghanischen Aufständischen bzw. deren Vorgehen häufig als “feige” bezeichnet. Zuletzt traf Veteidigungsminister zu Guttenberg in seiner Rede anlässlich der letzten Trauerfeier für gefallene deutsche Soldaten diese Bewertung.

Wir teilen diese Bewertung nicht. Der Einsatz von Sprengfallen und Hinterhalten ist kein Ausdruck von Feigheit, sondern ein Ausdruck taktischer Vernunft. Auch unsere Seite wählt ihre Vorgehensweisen im Idealfall so, dass sie eigene Stärken gezielt gegen Verwundbarkeiten des Feindes richtet, und handelt damit ebenfalls nicht feige, wie manche Aktivisten behaupten.

Die Annahme, dass der Feind sich moralisch dazu verpflichtet fühlen könnte so zu kämpfen, dass unsere Seite ihre taktischen Stärken vollständig zur Geltung bringen kann, halten wir für naiv. Dem Feind ist unsere moralische Bewertung seines Vorgehens ohnehin gleichgültig. Er handelt rationaler als unsere Führung es tut, wenn er sein Handeln nur von dessen erwarteter Wirkung abhängig macht und darauf verzichtet, es überholten Regelwerken oder realitätsfremden ethischen Vorbehalten zu unterwerfen.

Der Feind hält seinerseits westliche Soldaten wegen deren Schwerpunkts auf Eigenschutz für feige und geht u.a. aufgrund der Reaktionen auf Verluste in Deutschland davon aus, dass er aufgrund seines größeren Durchhaltewillens, seiner höheren Opferbereitsschaft, seiner tieferen weltanschaulichen Überzeugung und seiner überlegenen Leidensfähigkeit langfristig den Sieg davon tragen wird.

Der Feind handelt nicht feige, wenn er zahlenmäßig unterlegen mit einem Minimum an Ausbildung und Ausrüstung dem immer noch mächtigsten Militärbündnis der Welt gegenübertritt. Obwohl der Feind jedes Jahr tausende Kämpfer verliert, gibt es auf seiner Seite keine öffentlichen Bekundungen von Verzweiflung, keine Diskussionen über Exitstrategien oder öffentlich geäußerte Zweifel am Ausgang des Konflikts.

Wir möchten dem Feind mit unseren Worten nicht als Vorbild darstellen. Ihn als feige darzustellen halten wir jedoch für einen zu simplen Versuch, unsere Seite als moralisch überlegen darzustellen. Davon abgesehen ist das Beschwören der eigenen moralischen Überlegenheit nicht selten ein Kennzeichen von Akteuren, die sich ihrer Unterlegenheit auf der Ebene der Resultate sehr bewusst sind.

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Tanklaster-Vorfall: "Militärische Operation"

Verteidigungsminster zu Guttenberg hat bezüglich der Luftangriffe vom 04.09.2010 die Formulierung “militärische Operation” verwendet. Diese Bezeichnung ist auffällig, da sie langfristige Planung impliziert. Dies wäre interessant, zumal es seriöse Stimmen gibt, welche in den Luftangriffen mehr sehen als eine bloße taktische Reaktion auf die Entführung der Tanklaster. Allerdings überzeugt uns die Begründung für diese Bewertung derzeit nicht.

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Tanklaster-Vorfall: Die Frage der militärischen Angemessenheit

In der Frage der militärischen Angemessenheit der Luftangriffe im Raum Kunduz am 04.09.2009 ist eine Antwort nicht leicht, da es anders als in der Frage der völkerrechtlichen Angemessenheit (die gerichtlich bestätigt ist) keine klare Definition gibt, an der sich Angemessenheit festmachen lässt.

Verteidigungsminister zu Guttenberg hatte seine Position in dieser Frage ohne Angabe von Gründen vor einigen Monaten revidiert und befand, die Luftangriffe seien militärisch nicht angemessen gewesen. Auch neue Äußerungen des Ministers bringen diesbezüglich keine Klarheit.

Wir versuchen eine Definition militärischer Angemessenheit: Diese liegt dann vor, wenn die erwartete militärische Wirkung der Bekämpfung eines Ziels zu potentiell damit verbundener negativer Wirkung in einem Verhältnis steht, dass insgesamt positive Wirkung im Sinne der “Campaign Effects” erwarten lässt.

Aus der Sicht von Oberst Klein lag eine solche Situation am 04.09. wohl vor: Ein bedeutender Anteil der im Raum Chahar Darreh aktiven feindlichen Kämpfer war inklusive einiger Anführer demnach an einer abgelegenen Stelle konzentriert und zivile Kollateralschäden mit negativer Wirkung auf öffentliche Meinung etc. nicht zu erwarten, weshalb der Entschluss von Oberst Klein prinzipiell als militärisch angemessen erscheint.

Der Gefechtsraum umfasst jedoch auch den Informationsraum, und da einige Annahmen von Oberst Klein nicht zutrafen und eine unbekannte Zahl ziviler Plünderer im Zusammenwirken mit den Aufständischen am Schauplatz aktiv war, entwickelten die Luftangriffe in Deutschland (nicht in Afghanistan) negative Wirkung auf den Rückhalt der Bevölkerung für den Einsatz. Zudem waren die vermuteten feindlichen Führer offenbar zum Zeitpunkt der Luftangriffe nicht mehr am Ziel anwesend. Die Gesamtwirkung der Luftangriffe (wieder im Sinne der “Campaign Effects”) war daher vermutlich negativ, weshalb man die militärische Angemessenheit im Rückblick tatsächlich in Frage stellen kann. Im Rückblick sind Bewertungen dieser Art stets leichter als in der eigentlichen Situation, weshalb der Minister sein Urteil vielleicht etwas zurückhaltender hätte formulieren können. Immerhin hat der Minister die gebotene Zurückhaltung nachgereicht.

Streitkräfte stehen der Herausforderung gegenüber, dass sie nur in Teilen des Gefechtsraumes handeln können. Der Informationsraum ist, was die öffentliche Meinung in Deutschland angeht, ihrem Einfluss weitestgehend entzogen. Hier wäre es Aufgabe der Politik, den Einsatz so zu begründen, dass er bei Routinevorgängen in Kampfeinsätzen (z.B. zivilen Kollateralschäden) durchhaltbar bleibt, was den Rückhalt in der Bevölkerung angeht. Die Luftangriffe waren auch deshalb in ihrer Wirkung insgesamt negativ, weil die Politik diese Aufgabe nicht leisten wollte.

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Tanklaster-Vorfall: Diskussion um Minister Guttenbergs Neubewertung der Luftangriffe

Auch wenn eine Fortsetzung des Weblog Sicherheitspolitik mit neuen Beiträgen nicht vorgesehen ist, so möchten wir angesichts der laufenden Diskussion um das Verhalten des Verteidigungsministers nach dem Tanklaster-Vorfall doch unsere ursprüngliche Bewertung vom Dezember letzten Jahres nocheinmal bekräftigen:

Minister Guttenbergs Neubewertung der Luftangriffe vom 04.09.09 als “militärisch unangemessen” beruht nicht auf neuen Erkenntnissen, sondern auf Angst vor der Öffentlichkeit.

Die Bundessstaatsanwaltschaft hat vor einigen Tagen die Einstufung der Situation in Afghanistan als “nichtinternationalen bewaffneten Konflikt” bestätigt. Eigentlich wäre es Aufgabe der politischen Führung solche Einstufungen vorzunehmen. Hier fehlt es aber schon seit langem an politischem Führungs- und Handlungswillen.

Die durch das Gericht vorgenommene völkerrechtliche Einstufung zieht nach sich, dass das humanitäre Völkerrecht den rechtlichen Rahmen für das eigene Vorgehen darstellt. Das humanitäre Völkerrecht gestattet die Bekämpfung von Kombattanten auch dann, wenn diese (in Relation zum militärischen Ziel) mit Risiken für Unbeteiligte verbunden ist. An der prinzipiellen Angemessenheit von Oberst Kleins Entscheidung bestehen angesichts der Tatsache, dass der Sachverhalt der Entführung der LKw durch Aufständische bestätigt ist (und somit ein militärisches Ziel bekämpft wurde), somit keine begründbaren Zweifel mehr. Offene Fragen gibt es nur noch zu Details der Durchführung.

Anstatt den Soldaten im Einsatz im Interesse der Bundesrepublik den rechtlichen Rahmen vorzugeben, den sie zur Ausführung ihres Auftrags benötigen, haben es alle Regierungen seit 2001 vermieden, die dazu erforderlichen möglicherweise unpopulären Entscheidungen zu treffen. Auch Minister zu Guttenberg hat unserer Ansicht nach durch seine Neubewertung der Entscheidung diesen Weg gewählt. Eckard Lohse kommentiert in der FAZ:

[W]ahrscheinlicher ist, dass der unerfahrene Minister einen deutlichen Hinweis bekommen hat, in Zeiten, da man über den Abzug aus Afghanistan nachdenke, sei eine allzu krachende Rückendeckung für Klein nicht angemessen.

Zu Guttenbergs Fehlern gehört auch, dass er es zuließ, dass die Bundeswehr durch den als “Opferanwalt” auftretenden Karim Popal unter Druck gesetzt wurde. Seine Aktivitäten erzeugen einigen Rufschaden sowie möglicherweise hohe Kosten für Deutschland und die Bundeswehr. Die von ihm behaupteten Opferzahlen waren von Beginn an zweifelhaft, und seine Arbeitsweise offensichtlich unseriös. Dennoch entschloss sich das BMVg, offenbar aus Angst vor weiterem öffentlichen Druck Popals, zur Zusammenarbeit. Auch hierfür trägt letztlich der Minister die Verantwortung.

Ein Politiker, der sich nicht von Stimmungen in der Öffentlichkeit führen lässt sondern selbst führt (d.h. richtige Entscheidungen identifiziert und sie vermittelt und durchsetzt) hätte den Mut aufbringen müssen, der Öffentlichkeit zu erklären, warum die Lage in Afghanistan Entscheidungen wie die von Oberst Klein zuweilen erfordert. Minister Guttenberg hat diese Leistung nicht erbringen wollen. Er hat dadurch das Vertrauen vieler Soldaten verloren und Deutschland geschadet. Seinen Rücktritt würden wir begrüßen, auch wenn dies vermutlich wohl nichts am grundsätzlichen Problem des mangelnden politischen Führungswillens ändern würde.

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Afghanistan: Guttenberg kündigt Konzept für Afghanistan-Konferenz an”

Es ist ja grundsätzlich positiv, dass Verteidigungsminister zu Guttenberg angekündigt hat, auf der bevorstehenden Afghanistan-Konferenz ein Konzept vortragen zu wollen. Angesichts der von der Bundesregierung stets unspezifisch (aber mit klarem Anspruch) vorgetragenen Forderungen nach “zivilen Schwerpunkten” etc. sollte die Existenz eines Konzepts eigentlich selbstverständlich sein, wobei Profis das Konzept erstellt hätten, bevor sie sich öffentlich zur künftigen Politik äußern. Wer dem Handeln der Bundesregierung in Afghanistan Konzeptlosigkeit unterstellte, wird also nicht falsch gelegen haben. Noch besser als die bloße Ankündigung eines Konzeptes wäre es gewesen, wenn der Minister der Öffentlichkeit mitgeteilt hätte, was der Inhalt dieses Konzeptes ist, damit eine öffentliche Diskussion stattfinden kann.

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Guttenberg: Afghanistan nicht als “Vorzeige-Demokratie” geeignet

Die aktuellen Äußerungen Verteidigungsminister zu Guttesbergs über die Grenzen der Erreichbarkeit bestimmter politischer Ziele in Afghanistan begrüßen wir als weiteren Schritt in Richtung Anerkennung der Realität:

Ich bin schon länger zu der Überzeugung gelangt, dass Afghanistan gerade wegen seiner Geschichte und seiner Prägung sich nicht als Vorzeige-Demokratie nach unseren Maßstäben eignet.

Nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 wollten Staaten wie Deutschland den Einsatz in Afghanistan nicht auf vergleichsweise leicht zu realisierende Ziele wie die Zerschlagung der Präsenz von Al-Qaida dort begrenzen. Man bemühte sich statt dessen nach Kräften, den Einsatz zu einer Aufgabe der Entwicklungspolitik umzudefinieren. Dadurch war er möglicherweise zunächst leichter zu vermitteln, aber seine Ziele hatten mit der ursprünglichen Herausforderung kaum noch etwas zu tun. Aus einer potentiell innerhalb von Monaten mit geringen militärischen lösbaren Aufgabe wurde so ein Einsatz mit offenem Ende, dessen Ziele allenfalls mit einem Aufwand erreicht werden können, den vermutlich kein truppenstellender Staat aufbringen will.

Konzepte wie Demokratie oder auch Entwicklung sind nicht kulturell neutral oder gar universell, sondern entstammen einem westlichen kulturellen Kontext (das Thema wird u.a. hier näher diskutiert). Außerhalb dieses Kontextes funktionieren sie nur in Ausnahefällen und setzen entsprechende kulturelle Anpassung voraus. Viele Menschen aus nicht-westlichen Kulturen wollen an den Ergebnissen von Entwicklung teilhaben, aber einige Kulturen haben sich als generall nicht aufnahmefähig für die kulturellen Grundlagen herausgestellt, auf denen das Konzept Entwicklung beruht. Der Anteil der afghanischen Bevölkerung, die entsprechend aufnahmefähig ist, dürfte irgendwo im unteren einstelligen Prozentbereich liegen. Aufgeklärte afghanische Herrscher der Vergangenheit hatten dies erkannt und versuchten, dem Land Entwicklung aufzuzwingen und scheiterten am Widerstand der Bevölkerung, die mit Masse Konzepte wie säkulare Demokratie oder individuelle Freiheit entweder nicht versteht oder aktiv ablehnt.

Am Beispiel der Auseinandersetzung um das “Vergewaltigunggesetz” hatten wir einige der kulturellen Hindernisse erwähnt, welche Entwicklung im Falle Afghanistans verhindern.

In der internationalen Diskussion ist schon seit längerem eine Tendenz hin zu mehr Realismus bei der Bewertung des Entwicklungspotentials Afghanistans zu beobachten:

Aus dem Umfeld der neuen amerikanischen Regierung verlautete, Afghanistan müsse keine Demokratie sein, nur sicher. Der amerikanische Verteidigungsminister Gates äußerte, man solle die Ziele des Einsatzes enger definieren. Eine Beteiligung der Taliban an der Regierung sei zudem akzeptabel, falls diese die Waffen niederlegten. Der britische Botschafter in Afghanistan wurde bereits vor einigen Monaten zitiert, er bevorzuge einen “akzeptablen Diktator” für Afghanistan.

Pragmatisch äußerte sich auch Air Marshal Angus Houston (australischer “Chief of the Defense Force”):

What we want to see is an Afghanistan that can exist in a secure way. It might not be a full-blown democracy. It might be something more practical … something which reflects the tribal culture from whence it came,” Air Chief Marshal Houston said. “Obviously we want to create a viable state that can exist in that part of the world. Fundamentally what we don’t want to see is groups like al-Qa’ida able to operate with impunity in a place like Afghanistan.

In dem ihm eigenen Stil kritisiert Ralph Peters den Einsatz in Afghanistan im “Joint Forces Quarterly” und erklärt, warum Ziele wie Entwicklung sicherheitspolitisch irrelevant wären, selbst wenn sie erreichen könnte:

Afghanistan doesn’t matter. Afghanistan’s just a worthless piece of dirt. Al Qaeda matters. [...] Even a perfect success in Kabul (which we shall not achieve) influences nothing beyond the country’s largely imaginary borders. [...] Even if we could [...] reduce state corruption to a manageable level, if we built thousands of miles of roads, eliminated opium growing, and persuaded Afghans that women are fully human, it would have no effect on al Qaeda.

Auch die Maßnahmen der deutschen Politik sollten sich darauf konzentrieren, Bedrohungen für nationale Interessen Deutschlands zu bekämpfen anstatt globale Sozialpolitik zu betreiben.

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Verhandlungen mit den Aufständischen: Bedingungen der Bundesregierung

Im Rahmen der Diskussion über Verhandlungen mit Aufständischen hat die Bundesregierung jetzt Bedingungen genannt:

“Dazu gehören die Anerkennung der Verfassung und der Gewaltverzicht”, sagte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm am Dienstag in Berlin.

Eine Anerkennung des afghanischen Staates sowie ein Gewaltverzicht wären für potentiell kooperative Aufständische allenfalls als Ergebnis von Verhandlungen denkbar. Die Bedingungen der Bundesregierung erinnern an ähnliche Bedingungen Mullah Omars, der ebenfalls das Ergebnis möglicher Verhandlungen zur Vorbedingung für diese erklärt hat, z.B. einen vollständigen Abzug internationaler Kräfte.

Während die Führung der Taliban zum gegenwärtigen Zeitpunkt kein Interesse an Verhandlungen hat, scheinen die Äußerungen aus der Bundesregierung eher dadurch motiviert zu sein, dass man den Einsatz nicht ernst genug nimmt und deshalb mit undurchdachten Äußerungen an die Öffentlichkeit tritt. Möglicherweise ging es dem Minister nur darum, der öffentlichen Meinung hinterherzulaufen, so wie es auch bei seiner ansonsten ebensowenig durchdachten Äußerung der Fall war, dass man in Afghanistan militärisch nicht gewinnen könne. Tatsächlich wird es ohne militärische Erfolge niemals zu den Verhandlungen kommen, von denen er spricht.

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Guttenberg: Gespräche mit Aufständischen

Verteidigungsminister zu Guttenberg hat in einem Interview die Absicht geäußert, mit Teilen der Aufstandsbewegung zu verhandeln. Er vermied dabei die Phrase “moderate Taliban”, die irreführend ist. “Moderate Taliban” gibt es nur in der Satire.

Grundsätzlich sind die Äußerungen des Ministers nicht falsch. Das Problem ist jedoch nicht, dass man in der Vergangenheit nicht verhandeln wollte. Die entscheidende Frage ist, wie man die Aufständischen oder Teile von ihnen dazu bringt, die eigenen Bedingungen anzunehmen.

Die Idee der Einbindung pragmatischer Aufständischer, die sich zu einem Seitenwechsel entschließen, ist wenig kontrovers und wird auch offen etwa von CENTCOM-Kommandeur Petraeus vertreten:

[W]e must pursue the enemy relentlessly and tenaciously.  True irreconcilables, again, must be killed, captured, or driven out of the area.  And we cannot shrink from that any more than we can shrink from being willing to support Afghan reconciliation with those elements that show a willingness to reject the insurgents and help Afghan and ISAF forces.

Verhandlungen mit Aufständischen werden sowohl von internationalen Akteuren als auch von der afghanischen Regierung seit langem durchgeführt. Bereits vor 9/11 führten die USA ergebnislose Gespräche mit den Taliban über die Auslieferung Osama Bin Ladens durch, die nach den Anschlägen ebenso ergebnislos fortgesetzt wurden. Auch der BND versuchte vor einiger Zeit offenbar ohne Ergebnis, Verhandlungen mit den Taliban zu führen. Vergangenes Jahr fanden in Saudi-Arabien Verhandlungen zwischen ehemaligen Funktionären der Taliban und der afghanischen Regierung unter westlicher Beteiligung statt, auch hier offenbar ohne Ergebnisse.

Potentiell ansprechbare Teile der Aufstandsbewegung verfolgen das Ziel, Afghanistan oder zumindest dessen paschtunische Regionen zu kontrollieren. Obwohl sie wesentliche Elemente der Weltanschauung anderer militanter Islamisten teilen, erkennen diese Teile der Aufstandsbewegung an, dass eine Unterstützung internationaler militanter Netzwerke ihrem Ziel einer Machtergreifung in Afghanistan im Wege steht. Diese Auständischen verstehen, dass der Westen Afghanistan zwar mit seinen afghanischen Verbündeten kurzfristig nicht unter Kontrolle bringen kann, aber sie selbst ebenfalls das Land nicht kontrollieren können, wenn der Westen seine Verbündeten militärisch unterstützt. Die amerikanische Intervention Ende 2001 hat gezeigt, dass nur vergleichsweise geringer militärischer Aufwand erforderlich ist, um das Land für die Aufständischen unregierbar zu machen. Von einer Zusammenarbeit mit internationalen militanten Netzwerken könnten diese Teile der Aufstandsbewegung potentiell Abstand nehmen, wenn der militärische Druck auf ihnen hoch genug ist.

Die potentielle Motivation zu kooperativem Verhalten seitens dieser Akteure beruht auf Einschüchterung durch militärische Stärke. Wenn die Zusammenarbeit mit Al-Qaida den Taliban nicht enorme Nachteile bereitet hätte, würde die Zusammenarbeit vermutlich ungebrochen weitergehen. Um sinnvolle Verhandlungen durchzuführen, muß daher von westlicher Seite zunächst die notwendige Abschreckungswahrnehmung erzeugt werden, dass westliche Akteure kompromisslose und wirksame Gewalt einsetzen werden, wenn ihren Forderungen nicht nachgegeben wird.  Erfolgsbeispiel ist die Kapitulation von Taliban und Al-Qaida in Kunduz im Herbst 2001. Der Gegner gab dem Vernehmen nach u.a. deshalb auf, weil ihnen die Wirkung von B-52 bewusst geworden war. Auch Osama Bin Laden soll Ende 2001 durch hohe Verluste seiner Kämpfer und fortgesetzte Luftangriffe so demoralisiert gewesen sein, dass er seinen Kämpfern die Kapitulation freigestellt habe. Militärisches Vorgehen und Verhandlungen sind somit nicht gegensätzliche Vorgehensweisen, sondern bedingen einander.

Sinnvolle Verhandlungen sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zu erwarten, da die Aufständischen der Ansicht sind, dass sie ohnehin gewinnen werden. Die Ankündigung des US-Präsidenten, 2011 mit dem Rückzug zu beginnen, dürfte eventuelle Bereitschaft zu Verhandlungen vor diesem Hintergrund weiter reduziert haben. Auch die Art der deutsche Diskussion über Tanklaster-Vorfall ist dazu geeignet, bei den Aufständischen Zweifel daran zu wecken, ob von Deutschland die Bedrohung ausgeht, die als Motivator für eine Verhaltensänderung erforderlich wäre.

Die Nachhaltigkeit eventueller Verhandlungsergebnisse würde zudem den Willen voraussetzen, bei Verstößen gegen diese hart, sichtbar und wirksam zuzuschlagen. Geschähe dies nicht, gäbe es keinen Grund für die Aufständischen, Vereinbarungen einzuhalten. Das Beispiel Pakistan zeigt, dass Abkommen mit militanten Islamisten, welche nicht auf geklärten Kräfteverhältnissen beruhen, instabil sind.

Der offen vorgetragene Wunsch nach Verhandlungen trägt darüberhinaus potentiell dazu bei, die Bereitschaft der anderen Seite für Verhandlungen weiter zu reduzieren, da solche Äußerungen in der gegenwärtigen Lage als Zeichen von Schwäche verstanden werden. Taliban-Sprecher Qari Yusuf Ahmadi bewertete Verhandlungsangebote des US-Präsidenten als Ausdruck von Erschöpfung seitens der USA.  Taliban-Führer Mullah Omar erklärte bereits bei früheren Verhandlungsangeboten Karzais, die Verhandlungsbereitschaft der afghanischen Regierung sei ein Beleg für deren Schwäche.

Ebenfalls kontraproduktiv wirken sich öffentliche Äußerungen über Verhandlungen mit den Aufständischen auf afghanische Verbündete aus. Diese nehmen solche Äußerungen z.T. ebenfalls als Zeichen von Schwäche wahr und verlieren an Vertrauen in ihre westlichen Partner sowie an Vertrauen in die Durchsetzungfähigkeit des Westens.

Richtiger wäre es, Verhandlungen ohne öffentliche Diskussion aus einer Position der Stärke heraus zu führen. Wenn der Minister also tatsächlich Verhandlungen zum Bestandteil einer deutschen Strategie machen will, sollte er Stärke kommunizieren und darlegen, wie er die Aufständischen militärisch so unter Druck setzen will, dass bei ihnen die Motivation zu Verhandlungen entsteht.

Statt dessen behauptet der Minister jedoch, dass es “keine militärische Lösung” gebe und scheint damit einen Verzicht auf zusätzlichen militärischen Druck vorzubereiten. Ohne wirksameren militärischen Beitrag wird es jedoch allenfalls eine unilaterale Rückzugslösung geben. Zudem hat er es versäumt, die Luftangriffe vom 04.09.09. als Beweis eigener Stärke zu kommunizieren und weitere Maßnahmen dieser Art glaubwürdig anzudrohen. So wurde die Chance größtenteils vergeben, den nach den Luftangriffen vorhandenen Vertrauensgewinn in der Bevölkerung des Nordens auszubauen und Einschüchterungseffekte unter den Aufständischen zu realisieren. Innenpolitischer Druck scheint zu verhindern, dass jene Maßnahmen durchgeführt werden können, die zur Vorbereitung sinnvoller Verhandlungen erforderlich wären.

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Guttenbergs Neubewertung der Luftangriffe: Kommentar

Minister Guttenbergs Neubewertung der Luftangriffe vom 04.09.09 als “militärisch unangemessen” beruht nicht auf neuen Erkenntnissen, sondern auf Angst vor der Öffentlichkeit. Soweit sie öffentlich bekannt sind, gehen aus den vorliegenden neuen Informationen keine neuen Erkennisse hervor, so dass die eine Notwendigkeit zu einer Neubewertung nicht erkennbar ist.

Neu ist nur der außergewöhnliche öffentliche Druck, der nach der Veröffentlichung u.a. von Auszügen des Feldjägerberichts und des Videos entstanden ist. Ein Politiker, der sich nicht von Stimmungen in der Öffentlichkeit führen lässt sondern selbst führt (d.h. richtige Entscheidungen identifiziert und sie vermittelt und durchsetzt) hätte den Mut aufbringen müssen, der Öffentlichkeit zu erklären, warum die Lage in Afghanistan Entscheidungen wie die von Oberst Klein zuweilen erfordert. Minister Guttenberg hat diesen Mut offenbar verloren.

Die Frage der Angemessenheit beurteilt der Minister streng formalistisch an der Einhaltung der “Rules of Engagement” (ROE). Nach diesem Verständnis wäre der Befehl auch dann unangemessen gewesen, wenn Mullah Omar sich persönlich sich am Ort des Geschehens aufgehalten hätte. Die Einhaltung von ROEs ist jedoch nicht das einzige Kriterium, nach dem man militärische Angemessenheit beurteilen sollte. Man bewertet diese Angemessenheit ja auch nicht primär danach, ob z.B. die Umweltschutzbestimmungen eingehalten wurden.

Ein wichtigeres Kriterium ist das Verhältnis zwischen eingesetzten Mitteln und militärischer Wirkung. Daran gemessen sind die Luftangriffe weiterhin als angemessen zu beurteilen. Die Aufständischen wurden durch die Luftangriffe nachgewiesenermaßen geschwächt, und große Teile der Bevölkerung reagierten positiv darauf, dass die Bundeswehr ausnahmsweise einmal handelte anstatt dem Vorgehen der Aufständischen wie üblich passiv zuzusehen.

Verstöße gegen ROE sind natürlich abzulehnen, kommen aber aufgrund der Erfordernisse der Lage in Afghanistan regelmäßig vor und führen nicht automatisch dazu, dass das Vorgehen der verantwortlichen Kräfte automatisch als militärisch unangemessen bewertet wird. Die ROE sollen primär die Unterstützung durch die afghanische Bevölkerung durch Reduzierung der Wahrscheinlichkeit ziviler Kollateralschäden sicherstellen. Die Luftangriffe in Kunduz wären gemessen an diesem Ziel militärisch unangemessen gewesen, wenn sie tatsächlich zu wachsendem Widerstand in der Bevölkerung geführt hätten. Da das Gegenteil der Fall war, wird der Verstoß gegen die ROE zu einem bloßen Verstoß gegen Formalia, dem man auf politischer Ebene mit Gelassenheit begegnen könnte.

Dass ein mit dem Handeln der Aufständischen und dem völkerrechtlichen Status zur Beteiligung am Konfliktgeschehen gezwungener Personen offenbar nicht vertrauter Feldjäger der Meinung war, dass die von ihm beobachteten “Teenager” grundsätzlich Unbeteiligte gewesen sein müssen, ist für die Bewertung der militärischen Angemessenheit der Luftangriffe zunächst irrelevant.

Mit seiner Entscheidung für formalistische Kriterien setzt Minister Guttenberg die Politik seines Vorgängers fort, der ebenfalls so tat, als sei jegliches Geschehen im Einsatz sauber durch völkerrechtliche Regelungen oder nicht immer sinnvolle ROEs abgebildet.  Wir sehen uns durch Minister Guttenbergs Entscheidung in unserer Wahrnehmung bestätigt, dass nicht die Person Minister Jung das Problem darstellte, sondern die dysfunktionale sicherheitspolitische Kultur, deren Teil er war.

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