Verteidigungsminister zu Guttenberg hat in einem Interview die Absicht geäußert, mit Teilen der Aufstandsbewegung zu verhandeln. Er vermied dabei die Phrase “moderate Taliban”, die irreführend ist. “Moderate Taliban” gibt es nur in der Satire.
Grundsätzlich sind die Äußerungen des Ministers nicht falsch. Das Problem ist jedoch nicht, dass man in der Vergangenheit nicht verhandeln wollte. Die entscheidende Frage ist, wie man die Aufständischen oder Teile von ihnen dazu bringt, die eigenen Bedingungen anzunehmen.
Die Idee der Einbindung pragmatischer Aufständischer, die sich zu einem Seitenwechsel entschließen, ist wenig kontrovers und wird auch offen etwa von CENTCOM-Kommandeur Petraeus vertreten:
[W]e must pursue the enemy relentlessly and tenaciously. True irreconcilables, again, must be killed, captured, or driven out of the area. And we cannot shrink from that any more than we can shrink from being willing to support Afghan reconciliation with those elements that show a willingness to reject the insurgents and help Afghan and ISAF forces.
Verhandlungen mit Aufständischen werden sowohl von internationalen Akteuren als auch von der afghanischen Regierung seit langem durchgeführt. Bereits vor 9/11 führten die USA ergebnislose Gespräche mit den Taliban über die Auslieferung Osama Bin Ladens durch, die nach den Anschlägen ebenso ergebnislos fortgesetzt wurden. Auch der BND versuchte vor einiger Zeit offenbar ohne Ergebnis, Verhandlungen mit den Taliban zu führen. Vergangenes Jahr fanden in Saudi-Arabien Verhandlungen zwischen ehemaligen Funktionären der Taliban und der afghanischen Regierung unter westlicher Beteiligung statt, auch hier offenbar ohne Ergebnisse.
Potentiell ansprechbare Teile der Aufstandsbewegung verfolgen das Ziel, Afghanistan oder zumindest dessen paschtunische Regionen zu kontrollieren. Obwohl sie wesentliche Elemente der Weltanschauung anderer militanter Islamisten teilen, erkennen diese Teile der Aufstandsbewegung an, dass eine Unterstützung internationaler militanter Netzwerke ihrem Ziel einer Machtergreifung in Afghanistan im Wege steht. Diese Auständischen verstehen, dass der Westen Afghanistan zwar mit seinen afghanischen Verbündeten kurzfristig nicht unter Kontrolle bringen kann, aber sie selbst ebenfalls das Land nicht kontrollieren können, wenn der Westen seine Verbündeten militärisch unterstützt. Die amerikanische Intervention Ende 2001 hat gezeigt, dass nur vergleichsweise geringer militärischer Aufwand erforderlich ist, um das Land für die Aufständischen unregierbar zu machen. Von einer Zusammenarbeit mit internationalen militanten Netzwerken könnten diese Teile der Aufstandsbewegung potentiell Abstand nehmen, wenn der militärische Druck auf ihnen hoch genug ist.
Die potentielle Motivation zu kooperativem Verhalten seitens dieser Akteure beruht auf Einschüchterung durch militärische Stärke. Wenn die Zusammenarbeit mit Al-Qaida den Taliban nicht enorme Nachteile bereitet hätte, würde die Zusammenarbeit vermutlich ungebrochen weitergehen. Um sinnvolle Verhandlungen durchzuführen, muß daher von westlicher Seite zunächst die notwendige Abschreckungswahrnehmung erzeugt werden, dass westliche Akteure kompromisslose und wirksame Gewalt einsetzen werden, wenn ihren Forderungen nicht nachgegeben wird. Erfolgsbeispiel ist die Kapitulation von Taliban und Al-Qaida in Kunduz im Herbst 2001. Der Gegner gab dem Vernehmen nach u.a. deshalb auf, weil ihnen die Wirkung von B-52 bewusst geworden war. Auch Osama Bin Laden soll Ende 2001 durch hohe Verluste seiner Kämpfer und fortgesetzte Luftangriffe so demoralisiert gewesen sein, dass er seinen Kämpfern die Kapitulation freigestellt habe. Militärisches Vorgehen und Verhandlungen sind somit nicht gegensätzliche Vorgehensweisen, sondern bedingen einander.
Sinnvolle Verhandlungen sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zu erwarten, da die Aufständischen der Ansicht sind, dass sie ohnehin gewinnen werden. Die Ankündigung des US-Präsidenten, 2011 mit dem Rückzug zu beginnen, dürfte eventuelle Bereitschaft zu Verhandlungen vor diesem Hintergrund weiter reduziert haben. Auch die Art der deutsche Diskussion über Tanklaster-Vorfall ist dazu geeignet, bei den Aufständischen Zweifel daran zu wecken, ob von Deutschland die Bedrohung ausgeht, die als Motivator für eine Verhaltensänderung erforderlich wäre.
Die Nachhaltigkeit eventueller Verhandlungsergebnisse würde zudem den Willen voraussetzen, bei Verstößen gegen diese hart, sichtbar und wirksam zuzuschlagen. Geschähe dies nicht, gäbe es keinen Grund für die Aufständischen, Vereinbarungen einzuhalten. Das Beispiel Pakistan zeigt, dass Abkommen mit militanten Islamisten, welche nicht auf geklärten Kräfteverhältnissen beruhen, instabil sind.
Der offen vorgetragene Wunsch nach Verhandlungen trägt darüberhinaus potentiell dazu bei, die Bereitschaft der anderen Seite für Verhandlungen weiter zu reduzieren, da solche Äußerungen in der gegenwärtigen Lage als Zeichen von Schwäche verstanden werden. Taliban-Sprecher Qari Yusuf Ahmadi bewertete Verhandlungsangebote des US-Präsidenten als Ausdruck von Erschöpfung seitens der USA. Taliban-Führer Mullah Omar erklärte bereits bei früheren Verhandlungsangeboten Karzais, die Verhandlungsbereitschaft der afghanischen Regierung sei ein Beleg für deren Schwäche.
Ebenfalls kontraproduktiv wirken sich öffentliche Äußerungen über Verhandlungen mit den Aufständischen auf afghanische Verbündete aus. Diese nehmen solche Äußerungen z.T. ebenfalls als Zeichen von Schwäche wahr und verlieren an Vertrauen in ihre westlichen Partner sowie an Vertrauen in die Durchsetzungfähigkeit des Westens.
Richtiger wäre es, Verhandlungen ohne öffentliche Diskussion aus einer Position der Stärke heraus zu führen. Wenn der Minister also tatsächlich Verhandlungen zum Bestandteil einer deutschen Strategie machen will, sollte er Stärke kommunizieren und darlegen, wie er die Aufständischen militärisch so unter Druck setzen will, dass bei ihnen die Motivation zu Verhandlungen entsteht.
Statt dessen behauptet der Minister jedoch, dass es “keine militärische Lösung” gebe und scheint damit einen Verzicht auf zusätzlichen militärischen Druck vorzubereiten. Ohne wirksameren militärischen Beitrag wird es jedoch allenfalls eine unilaterale Rückzugslösung geben. Zudem hat er es versäumt, die Luftangriffe vom 04.09.09. als Beweis eigener Stärke zu kommunizieren und weitere Maßnahmen dieser Art glaubwürdig anzudrohen. So wurde die Chance größtenteils vergeben, den nach den Luftangriffen vorhandenen Vertrauensgewinn in der Bevölkerung des Nordens auszubauen und Einschüchterungseffekte unter den Aufständischen zu realisieren. Innenpolitischer Druck scheint zu verhindern, dass jene Maßnahmen durchgeführt werden können, die zur Vorbereitung sinnvoller Verhandlungen erforderlich wären.
Letzte Kommentare