23. August 2009. Schlagwörter: Afghanistan, Counterinsurgency, Mohammed Omar, RC-North
Mohammed Omar, der Gouverneur der Provinz Kunduz, kritisiert die Bundeswehr:
They are overly cautious, and they don’t even get out of their vehicles. They should leave, and the Americans should replace them. The Americans would finally provide security.
Omars eigene Rolle in der Provinz ist durchaus fragwürdig, aber mit seiner Kritik an der Bundeswehr steht er auch unter Afghanen nicht alleine dar. Auch eine optimal ausgerüstete und ausgebildete Armee ist nutzlos, wenn sie nicht handelt.
Die verbreitete deutsche Selbsttäuschung, die Passivität und demonstrative Schwäche als erfolgreichen zivilen Ansatz verklärt, hatte schon Susanne Koelbl kritisiert:
Nichts machen die Deutschen besser, jedoch halten sie sich konsequent von allem fern, was Gefahr und Risiko bedeutet.
Nachdem die Aufständischen in Kunduz ab dem Frühjahr 2007 ihre Aktivitäten ausgeweitet hatten, hat die Bundeswehr in Kunduz gravierende Fehler gemacht. Anstatt in der Bevölkerung noch stärkere Präsenz zu zeigen, hat man diese Präsenz auf das Minimum reduziert. In der Folge gewannen die Aufständischen an Bewegungsfreiheit und an Möglichkeiten zur Einschüchterung der Bevölkerung:
A prominent political leader from the north, speaking on condition of anonymity, put it this way: ‘The Taliban are coming toward us. What should we do? Who will defend us? Who will protect us? This is in the minds of the people in the north.
Die Bundeswehr hat durch Reduzierung ihrer Präsenz zwar wahrscheinlich kurzfristig das Risiko eigener Verluste reduziert, aber dies kann nicht das wichtigste Ziel in einem militärischen Einsatz sein. General Lutz Niemann sagte dazu einst treffend:
Gesunde Rückkehr ist nicht unser Hauptauftrag. Unser Auftrag ist die Stabilisierung [...] in Afghanistan [...] mit militärischen Mitteln. Dies ist mit Risiken verbunden. Risiken für Leib und Leben sind Teil soldatischer Berufserfüllung.
Die USA machten im Irak zudem die Erfahrung, dass der gegenwärtig von der Bundeswehr praktizierte Ansatz nur kurzfristig das eigene Risiko reduziert.
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02. August 2009. Schlagwörter: Afghan National Army, Afghanistan, Bundeswehr, Chahar Darreh, Counterinsurgency, Kinetic Targeting, Kunduz, Mohammed Omar, Mullah Shamsullah, National Directorate of Security, Operation Oqab, RC-North
Gemessen am Ziel, im Distrikt Chahar Darreh ein sicheres Umfeld vor den Wahlen zu schaffen, ist die Operation Oqab eindeutig gescheitert. Mehrere Quellen bestätigen inzwischen, dass Aufständische in Teile des Distrikts zurückgekehrt sind, nachdem sie zunächst ausgewichen waren. Es handelt sich um das übliche Muster bei solchen Operationen.
Grund für das Scheitern sind allerdings weniger Versäumnisse der Bundeswehr als Fehler der politischen Führung und die Schwäche der afghanischen Partner, die allerdings vor Beginn der Operation bekannt war.
In Deutschland sollte nun eine Diskussion über die Konsequenzen geführt werden:
- Die Afghan National Army (ANA) ist offenbar nicht ausreichend motiviert, den Distrikt zu sichern, und die Polizei scheint nicht in der Lage dazu zu sein bzw. kollaboriert sogar mit Aufständischen. Es scheint daher mittelfristig keine Alternative zu einem verstärkten Einsatz der Bundeswehr im Distrikt zu geben. Die QRF kommt wegen der Langfristigkeit es erforderlichen Einsatzes nur als Zwischenlösung in Frage. Also sind zusätzliche Kräfte erforderlich.
- Der Kern des Netzwerks der Aufständischen ist weiterhin intakt. Der Leiter des afghanischen Nachrichtendienstes NDS in Kunduz erklärte, dass im Raum Kunduz die Tötung oder Gefangennahme von einer Gruppe von zehn Führern der Aufständischen die Aufstandsbewegung dort entscheidend schwächen würde. Afghanische Sicherheitskräfte können dies aus verschiedenen Gründen nicht leisten, und die Bundeswehr ist dazu noch nicht befugt. Die Bundesregierung müsste entweder hier nachbessern oder bei Verbündeten um Unterstützung nachsuchen. Diese Maßnahmen sind allerdings von geringerer Bedeutung als physische Kontrolle des Distrikts und würden diese nicht ersetzen.
- Unklar ist, ob afghanische Regierung, PRT Kunduz und Hilfsorganisationen nach einer militärischen Sicherung des Distrikts konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Situation der Bevölkerung und Stärkung der Autorität der Regierung planen. Unter den gegenwärtigen Bedingungen können in Chahar Darreh Wiederaufbau & Entwicklung nicht stattfinden, auch wenn die Helferszene so tut, als sei bewaffneter Schutz nicht erforderlich oder kontraproduktiv.
- Der von der Bundesregierung ausgeübte Druck auf die afghanische Regierung zur Entfernung des unzuverlässigen Gouverneurs von Kunduz, Mohammed Omar, war offenbar ineffektiv: Er ist weiterhin im Amt. Das Vorgehen gegen korrupte und unzuverlässige Elemente in Regierung und Behörden stellt landesweit eine der größten Herausforderungen dar.
Die Aufgaben in Chahar Darreh wären trotz allem lösbar, wenn die Bundesregierung den Willen dazu aufbringen würde. Anstatt über Begrifflichkeiten (Krieg oder nicht-Krieg) zu streiten sollte endlich über Lösungen diskutiert und gehandelt werden. Verantwortungsbewusste Politiker könnten zwischenzeitlich damit beginnen, die Bevölkerung auf die erforderlichen Maßnahmen einzustimmen.
Thema: Allgemein
09. Juli 2009. Schlagwörter: Afghanistan, Chahar Darreh, Kunduz, Mohammed Omar
Die BBC berichtet über die Lage in paschtunischen Distrikten der Provinz Kunduz mit einem Schwerpunkt auf Chahar Darreh. Der Journalist der BBC bestätigt frühere Darstellungen anderer offener Quellen.
- In Distrikten wie Chahhar Darra seien weder Regierung noch ISAF dauerhaft präsent. Taliban würden hingegen regelmäßig und sichtbarPatrouillen durchführen.
- Mädchenschulen seien geschlossen
- Bauern müssten 10% ihrer Ernte als “Steuer” an die Taliban abführen. Auch in anderen Landesteilen erheben sie diese “Steuern”. Dies ist ein Grund, warum die Bedeutung von Drogenanbau überschätzt wird: Diese Steuern können auf jegliche Ernten oder wirtschaftliche Aktivitäten erhoben werden.
- Die Taliban betreiben Gerichte: Auch in anderen Landesteilen sind sie z.B. der effektivste Anbieter von Justiz. Wo das Justizsystem der Regierung vorhanden ist, ist es in der Regel korrupt.
Die beschriebenen Herausforderungen wären behebbar, wenn man sich zu einer geeigneten Strategie entschließen würde. Die Führer der paschtunischen Bevölkerung sind pragmatisch und würden Regierung und ISAF unterstützen, wenn man diese als stärke wahrnehmen würde:
The BBC was recently approached by a local tribal elder from Char Dara [Chahar Darreh in der Bw-Version] district, who made it clear that he wanted the plight of Kunduzis to be known to the world, and offered to take me on a tour of his district. “We are stuck between the government and the Taliban. Kunduz shouldn’t have been left to fend for itself,” says the elder, angrily.
Hier noch einmal das Video Al Jazeeras, dass u.a. offen betriebene Checkpoints der Taliban zeigt:
Die Entwicklungen in der Provinz Kunduz unterstreichen die Unzulänglichkeiten des deutschen Ansatzes. Der Schwerpunkt auf Eigenschutz und minimale Präsenz in der Fläche sowie mangelnde Unterstützung des Aufbaus afghanischer Sicherheitskräfte werden der deutschen Öffentlichkeit weiterhin als “Comprehensive Approach” verkauft.
Die Schwächen liegen allerdings nicht bei Bundeswehr und Bundesregierung, sondern auch auf afghanischer Seite. Der Gouverneur der Provinz Kunduz, Mohammed Omar, kollaboriert beispielsweise mit den Aufständischen, und die afghanische Polizei vor Ort ist in großen Teilen ineffektiv und unzuverlässig.
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